Die Ebene 16


„Jetzt wird dir wohl klar, dass ich nicht vollkommen ahnungslos bin.“

Ich lalle ein bisschen, während ich Smerg die letzten Worte lesen sehe. Stolz und besoffen griene ich ihn an.

„Damit ist wahrscheinlich auch klar, warum du überhaupt dabei bist,“ entgegnet der Däne ruhig.

Anders als bei mir merkt man nichts davon, dass er zwei Wassergläser Aquavit intus hat.

Wie bist du an all diese Informationen gekommen. Ich mein diese ganzen Menschen, die darin vorkommen sind die echt?“

Meine Hand umklammert die Aquavitflasche und ich versuche den Schnaps gerecht zu verteilen.

„Eigentlich hab ich mir nie Gedanken darüber gemacht, wie ich an die Geschichte gekommen bin,“ entgegne ich nach erfolgreicher Operation. „Sicher einige Fakten und Orte konnte ich schon ausfindig machen. So waren ja viele der Namen der Toten und Verletzten bekannt. Das gab einen Ansatz. Und wenn du dann dem Polizeibericht entnimmst, dass zum Beispiel Blut- und Hirnspritzer auf der Innenseite des Bildschirms waren, dann regt das deine Fantasie schon ein bisschen an. Was mich aber wundert ist, wie kann es sein, das laut meiner Geschichte unsere Wissenschaftlerin eigentlich tot sein müsste. Ich meine, ich hab sie entdeckt und fast wieder vollständig zusammengefügt. Wo kommt da unsere Miss Hirn her. Du glaubst doch auch, dass es dieselbe ist?“

„Zumindest wäre unser Miss Hirn wie du sie nennst, die einzige Person, die so eine Formel entwickeln könnte. Svende vielleicht noch. Ich bin mir nicht sicher, ob sie ihm wirklich überlegen ist. Klar ist auf jeden Fall, dass er sie nicht leiden kann und dass er nach dem Ereignis wieder in der Welt aufgetaucht ist. Es hat ein bisschen gedauert, aber auf einmal war er wieder auf den Kongressen. Sagte, er habe sich aus der Universität zurückgezogen und würde nur noch privat forschen. Wir sind seitdem in Kontakt.“

Er nimmt einen kräftigen Schluck aus dem Wasserglas und blickt mir in die Augen.

„ Die Frage ist doch, wer sind hier die Guten? Wem können wir vertrauen?“

Ich komme mir vor wie Tim aus „Tim und Struppi“ Womit klar ist, dass ich mich zu den Guten zähle und dafür sorgen werde, dass alles gut ausgeht. Smerg ist sicher auch ein Guter. Schließlich trinken wir hier gemeinsam Aquavit. Hätte Tim das auch getan. Sicher nicht, aber immerhin hat sein ewiger Kumpan und Weggefährte Kaptain Haddock gesoffen wie ein Loch. Gut Smerg ist mein Kaptain Haddock. Wären wir also schon mal zwei. Sonja ist sicher auch eine Gute. Zumindest wünsche ich mir das. Wenn nicht, wird’s hart. Aber das kann ich mir nicht vorstellen. Also drei. Ben? Keine Ahnung wo er steht, aber sofort lege ich ihn zu den Bösen. Nee das ist zuviel der Ehre. Ben bekommt ein Fragezeichen. Genauso wie die ganze restliche Crew. Wobei mir die Russin und die Italienerin nicht ganz geheuer sind. Liegt wohl an meiner angeborenen Angst vor Frauen. Der Inder und Svende gefallen mir auch nicht so recht. Sie sind zu ehrgeizig und ich kann mir nicht vorstellen, dass ihnen Gut und Böse im Tim´schen Sinn erwas sagen oder gar ihr Handeln beeinflusst. Nein sie werden tun, was ihr Ego ihnen befiehlt. Genauso wie die Verrückte. Langsam werden meine Gedanken trüber. Ich blicke zu Smerg auf.

„Kennst du Tim und Struppi?“

„Ja! Genau das ist hier die Frage! Wer sind die Guten?“

Warum Smerg Gedanken lesen kann ist mir erstaunlicherweise vollkommen egal. Ich freue mich nur, da ich denke, dass wir diese Fähigkeit noch brauchen werden. Erst jetzt fällt mir auf, wie besoffen ich bin. Ich stütze meine Hand auf Smergs riesiger Schulter, nicke ihm kurz zu und verlasse sein Zimmer. Da er Gedanken lesen kann, wäre jedes weitere Wort überflüssig.

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Die Ebene 15. „Die bunte Geschichte“

Seine Augen wandern über den Bildschirm. Da war doch was! Er hat es genau gesehen. Während der armselige Schauspieler auf der anderen Seite der Mattscheibe verzweifelt versucht, den Bösen zu entkommen bewegt sich der Kopf des Fernsehzuschauers immer näher an das Glas. Dann wandert er seitlich. Der Schauspieler fliegt auf die Fresse. So hat er keine Chance, denkt der Betrachter und im gleichen Augenblick sieht er den kleinen Punkt Fliegendreck, der ihm den reinen Fernsehgenuss verwehrt hat. Zufrieden sieht er, wie sich der Schauspieler wieder aufrappelt und weiter rennt. Dicht gefolgt von den Ganoven. Er spuckt kurz auf seinen Zeigefinger und beginnt zu reiben.

Was kann ich dafür? Ihr Kopf wirbelt herum. Sie sieht ihm beim Rasieren zu. Er scheint in sich versunken. Mit den Gedanken Lichtjahre von der Wirklichkeit entfernt. Tatsächlich konzentriert er sich darauf, die empfindliche Haut über seinem Kehlkopf nicht zu zerfetzen.  Vorsichtig streicht die Rasierklinge durch den Schaum. Du weißt genau, dass wir diesen Termin nicht verpatzen dürfen! Es ist zu wichtig! Sie ist immer noch aufgeregt. Natürlich weiß sie, dass sie Mist gebaut hat. Das Treffen mit den Van der Saars gerade auf heute zu legen. Aber wie konnte sie wissen, dass gerade heute das Europacupendspiel ist. Und er als einer der letzen Karten dafür ergattert hat. Der blöde Idiot. Sonst macht er sich doch nicht so viel aus Fußball. Der Idiot spült gerade die Rasierklinge aus, um wieder ansetzen zu können. Bis jetzt ist alles gut gegangen. Die Karten hat er einem Kollegen gegeben. Was soll´s? Er hasst sowieso Massenaufläufe. Aber soll sie ruhig ein bisschen schmoren. Und sie schmort. Hat Angst, dass heute alles in die Hose gehen wird. Was heißt Angst. Sie weiß, dass sie das Treffen verkorksen werden. Dabei geht es doch um so viel! Die Klinge nähert sich dem letzten Rest Schaum, taucht sanft ein und findet einen unerwarteten Widerstand in Form einer Hautunebenheit. Doch sie ist scharf wie das Beil eines Henkers und löst den Fall. Das Blut färbt den Schaum rot. Er flucht innerlich; rasiert weiter. Als er fertig ist, legt er das Rasiermesser beiseite, benetzt sein Gesicht mit heißem Wasser und betrachtet im Spiegel, wie aus der jungfräulichen Wunde erneut Blut fließt. Er greift zum Handtuch, steckt den Ziegefinger so hinein, dass sich der Stoff um die Kuppe spannt und beginnt an der verletzten Stelle zu tupfen.

Es ist ein Scheißtag. Nach einer langen Nacht musste ich um 6 Uhr früh zum Dienst. Normalerweise ist das kein Problem. Doch heute hat sich das Schicksal gegen mich verschworen. Ich bin jetzt schon 14 Stunden auf den Beinen und noch immer ist kein Ende in Sicht. Es hat Unfälle gegeben gestern Nacht. Mehr als je zuvor. Seit Dienstbeginn schleppen die Sanitäter, Zivis und was sonst noch im Klinikum rum springt immer wieder neues Material für mich an. Alles nichts Besonderes; verletzt, verstümmelt, zermatscht. Doch was sie jetzt auf meinen desinfizierten Edelstahltisch legen, hab ich noch nicht gesehen. Es ist ein länglicher Klumpen aus Fleisch, Knochen und Blut; eingewickelt in die übliche Leichentüte aus halbtransparenter Folie. Ich blicke fragend auf. Sind zwei! sagt der eine der beiden Sanitäter ungerührt und sie verlassen den Raum ohne Gruß. Wozu auch? Sie werden ja gleich wieder kommen. Das erste Mal seit dem ich den Job hier begonnen hab, ist mir ein bisschen schlecht. Ich greife nach den Papieren. Ein Mann und eine Frau. Sie müssen sich gegenüber gestanden haben, als die beiden Busse frontal aufeinander prallten. Linie 17 hat die Frau in den Mann geschoben. Oder Linie 23 den Mann in die Frau. Oder umgekehrt. Hier sind die Aufzeichnungen der Beamten nicht so genau. Auf meinem Tisch liegen also zwei Menschen, die von zwei Bussen in einander gepresst wurden. So gut, dass sie jetzt gemeinsam auf meinem Edelstahltisch Platz haben. Das ist, was bleibt. Ich öffne den Reißverschluss und begutachte die Sauerei. Meine Hand greift zur Pinzette und nähert sich dem zerstörten Gewebe.

Sie schaut noch mal nach. Hatte sie wirklich an alles gedacht? Sie muss lächeln bei diesem kindischen Gedanken. Schließlich hat sie die Formel schon dreiundvierzig Mal kontrolliert und nie auch nur einen Fehler registriert. Trotzdem wandert ihr Blick durch den Raum. Es ist ein großer alter Seminarsaal mit Tafeln, die über drei der Wände reichen. Die Tafeln sind ausziehbar und erreichen so eine Höhe von fast zwei Metern. Fast jeder Quadratzentimeter ist bedeckt mit Kreide. Jetzt in den Semesterferien hatte sie Zeit, um ihre Idee von der Aufhebung der Gravitation zu prüfen. Und sie hat sie genutzt. Warum auch nicht? Obwohl sich praktisch jeder Student nach ihr umdreht und vor Sehnsucht zerfliest, hat sie keinen Freund. Es ist ihr zuwider mit anderen Menschen zusammen zu sein. Nur hier in der Stille des alten Seminarraums des Geophysikalischen Instituts fühlt sie sich wohl. Gemeinsam mit ihren Formeln. Die ihr jetzt nach zwei Monaten des rastlosen Rechnens, des zweifelfreien Beweisens und der zweifelhaften Nachstellungen des schwedischen Hausmeisters so vertraut vorkommen, wie ihre eigene Familie. Sie schaut sie zärtlich an. Für einen kurzen Moment durchströmt sie ein ungeheurer Schauer des Glücks und die Kreide beginnt auf dem Schiefer zu kratzen.

Ben Walder ist mit sich zufrieden. Gerade ist er zum zweiten Mal gestürzt und hat sich nicht verletzt. Hat er doch gewusst, dass es klappen würde. Wie oft hat er darauf bestanden, dass er kein Double braucht. Jetzt endlich ließen sie ihn. Er fühlt sich wie der große Belmondo und genauso wie dieser in „Außer Atem“ rennt er um sein Leben. Zumindest soll es so aussehen. Schließlich ist er auf dem großen Sprung zum echten Star. Berlin, Paris, Hollywood! Sie werden sich um ihn reißen. Er unterdrückt das Grinsen und schaut sich stattdessen gepeinigt um. Sie sind immer noch hinter ihm. Gut! Diese Szene muss er wohl nicht wiederholen. Alles läuft zu gut. Er wendet den Kopf wieder nach vorne. Es wird das letzte sein, was er in seinem Leben zu Ende bringt.

Der Finger, den er noch vor kurzem mit Spucke eingedeckt hat versinkt in der Bildröhre. Er sieht, wie er über der Verfolgungsszene schwebt. Das ist unglaublich! schießt es ihm durch den Kopf und er reißt die Hand vom Bildschirm weg. Betrachtet sie. Dann berührt er wieder das Glas. Stößt hindurch und bewegt den Finger hin und her. Dunkel schwebt die Kuppe über der Szene.  Er ist nicht dumm. Abi, Studium. Alles kein Problem. Auch das hier übersteigt seine Vorstellungskraft nicht weiter. Er kann also mit seinem Finger in die Szene eingreifen. Na und! Es gibt schlimmeres. Langsam ergreift ein primitiver und gemeiner Plan sein Hirn. Die Gedanken formen sich von selbst. Diesen Ben Walder konnte er noch nie ausstehen. Was wäre wenn? Langsam nähert sich sein Finger der winzigen Gestalt, die für viele die Hoffnung des Deutschen Kinos darstellt.

Ihr Gehirn ist wie besoffen, dabei waren es nur zwei Gläschen Sekt und der wunderbare Barolo zum Essen. War doch alles gar nicht so schlimm. Er hat gut mitgespielt. Jetzt haben sie die Van der Saars in der Tasche. Morgen werden sie zum Notar gehen und alles festzurren. Sie werden bald Eigentümer eines 200 Quadratmeter-Hauses mit Garten und Balkon sein, dass sie nur die Hälfte des Marktwertes kosten wird. Was macht es da, dass er Gedanken verloren vor der Auslage des HiFi-Ladens stehen bleibt und mit dem blöden Blick eines beschränkten Kindes die Stereoanlagen betrachtet. Sie ist fast zwanzig Meter vor ihm und im Begriff, die Straße zu überqueren, als sein Handy piept. Er greift in seine Hosentasche und blickt auf die angekommene SMS: 0:4. Diesem Elend ist er also entkommen. Grinsend schließt er zu ihr auf.

Der Busfahrer der Linie 23 kann nicht ahnen, dass an diesem Abend die Gesetze der Physik anders sind, als gewohnt. Sein Bus ist leer und er will nur nach hause. Ein, zwei Bier trinken und sich die Zusammenfassung des Europacupfinales anschauen. Etwa zwei Kilometer weiter, in der entgegenkommenden Linie 17 sitzen ein paar Besoffene. Sie kommen vom Spiel und trauern um den verpatzten Erfolg. Irgendein Trottel hatte ihnen die Karten vermacht. Momentan kann sich keiner daran erinnern, wer es war. Doch sie verfluchen ihn. Die Schlappe war doch zu derb und wegen dieses Idioten waren sie dabei. Gedemütigt von diesen Italienern. Auch sie können nicht wissen, dass nach dem 0:4 alles anders sein wird.

Egal wie viel ein Mensch weiß. Es gibt immer einen Punkt, an dem er ahnungslos da steht und von der Wirklichkeit überrollt wird. So ergeht es der jungen Wissenschaftlerin, als sie den letzen Kreidestrich an ihre Formel setzt. Wenn einer ihrer Kollegen oder der schwedische Hausmeister sie gesehen hätte, dann hätte er sicher gedacht, sie ist auf einem Drogentrip. So entrückt sieht sie aus. Doch sie hat keine Zeit den Moment länger als einen Augenschlag zu genießen. Der Moment trifft sie unvorbereitet. Schließlich gehört es zu den menschlichen Erfahrungen, dass Wissen sich nicht sofort umsetzt. Es braucht immer eine zweite Instanz, die aus dem Wissen Wirklichkeit werden lässt. Doch heute ist es anders. Kaum hat sie die Kreide von der Tafel gezogen, geraten die Dinge aus den Fugen.

Ben Walder kann nicht mal mehr dämlich drein schauen, so schnell rast diese seltsame Masse Fleisch auf ihn zu. Wo kommt Gott verdammt noch mal der Finger her? wollen seine Gedanken noch bilden, als es schon zu spät ist.

Er hätte nicht gedacht, dass es so einfach sein würde. Natürlich fühlt er sich nicht als Mörder. Schließlich ist das ja nur ein Film und wenn da jemand mal ein bisschen im Drehbuch rum pfuscht, dann wird das nicht gleich die Welt aus den Fugen heben. Dummerweise ist gerade das der Fall. Als er sich nach seinem Bier umdreht, um den Moment zu genießen muss er feststellen, dass er nicht mehr vor dem Fernseher ist. Er ist auch nicht mehr in seiner Wohnung. Etwas Weiches ist unter ihm. Es ist das linke Bein des Busfahrers der Linie 23 auf dessen Schoß er jetzt sitzt und dem er die Sicht versperrt. Allerdings ist das eigentlich auch egal. Niemand könnte etwas mit dem Gesehenen anfangen. Zu sehr unterscheidet es sich von bisher Gesehenem. Alles ist durcheinander. Zeit, Raum, Licht und Masse sind eine kryptisch pulsierendes Etwas. Ein Wink des Schicksals hat nur vor ein paar Dingen halt gemacht. Dazu gehören die Linie 17 und die Linie 23, die mit den auf dieser Straße erlaubten 70 km/h aufeinander zu rasen.

Sie schaut ihn fragend an. Wer war das? In ihr wächst ein winziger Keim Gift. Gegen ihre Eifersucht konnte sie noch nie etwas unternehmen und heute wird sie keine Gelegenheit mehr bekommen. Sie stehen sich gegenüber und auch er hat keine Zeit mehr seinem Leben jetzt noch eine bedeutende Wendung zu geben. Das übernehmen die beiden Busse der Städtischen Fahrbetriebe. Schon nach 13 Mikrosekunden platzen ihre ersten Zellen durch den Druck. Nach 27 Mikrosekunden beginnen die Körperflüssigkeiten damit sich zu vermengen. Noch vor kurzem war es das, was sie an dem Idioten so attraktiv fand. Heute ist das anders. Irgendwo bricht der erst Knochen. Zuerst sind es zwei Bruchstücke, dann weitere 12 Mikrosekunden später ist es ein einziger Salat. Da Gedanken in so einer Situation besonders schnell sind, haben beide noch Gelegenheit, aus den Augenwinkeln eine junge und aufstrebende Physikerin neben sich zu sehen. Beide meinen, sie habe die Schultern wie zu einer Entschuldigung hochgezogen. Dann wird es doch dunkel.

Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich greife noch mal zu den Papieren. Zwei Personen. Eine weiblich, eine männlich. Ich beuge mich wieder über den Edelstahltisch. Am Rand liegen fein säuberlich neben einander die Gliederknochen der Finger. Ich zähle noch mal. Es sind mehr als zwanzig. Mein Hirn kombiniert jetzt Messerscharf. Die Sauerei auf meinem Edelstahltisch stammt von mehr als zwei Personen.

Natürlich ist ein Augenblick der Erkenntnis durch nichts aufzuwiegen, doch in diesem Moment würde sie gerne darauf verzichten und sehnt sich das erste Mal in ihrem jungen Forscherleben nach dem dümmlichen Geschwätz ihrer Altersgenossen. Sie will nur weg, denn sie weiß, sie hat einen bösen Fehler gemacht. Auch hier erlaubt sich das Schicksal einen jener wundervollen Zufälle zu kreieren, die für manchen an ein Wunder grenzen. Für die junge Wissenschaftlerin ist es eher Pech. Sie landet zwischen Linie 17 und 23.

Von all diesen Ereignissen bleibt nur einer verschont: Svende Hergenson ist schon wieder so weit, dass er Wahrnehmung und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden kann. Und somit irgendwie sowieso immun ist gegen eine Veränderung der Realität. Unten im Keller des geophysikalischen Instituts brennt er seinen eigenen Schnaps. Hochprozentiges musst du selber produzieren!  hatte ihm sein Vater mit auf den Weg gegeben. Svende Hergenson stammt aus einem alten schwedischen Geschlecht von Hardcore-Trinkern. Schon zu Zeiten der Wikinger waren seine Vorfahren fürs Schnapsbrennen zuständig. Svende setzt diese Tradition einfach nur fort.  Hochintelligent, talentiert und motiviert hat er sich vor Jahren den Naturwissenschaften gewidmet. Doch dann haben ihn sein Erbgut und ein paar andere unglückliche Ereignisse davon überzeugt, dass er es seinen Ahnen gleichtun sollte und er wurde Hausmeister. Als er jetzt den Seminarsaal betritt, um der schönen Physikerin zu begegnen, ist er so blau, dass es fast zwei Minuten dauert, bis er feststellt, dass sie nicht mehr da ist. Wankend betrachtet er die Tafeln. Irgendetwas in seinem Alkohol getränkten Hirn signalisiert erkennen. Er blinzelt. Dieses Luder hatte wirklich Talent. Das muss man schon sagen. Während seine Augen die einzelnen Tafeln überfliegen, fliegt er der Länge nach auf die Schnauze. Nie zu lange stehen bleiben, wenn du getankt hast. Er rappelt sich hoch und auf ein Mal überkommt ihn Wut. Wut auf sein verkorkstes Leben aus Alkohol und Einsamkeit. Wut auf all die ignoranten Gelehrten, die ihm einst den Schneid abkauften. Wut auf diese junge Schlampe, die – und das weiß er ohne lange nachzudenken – schon jetzt weiter ist, als er je gekommen wäre.  Er greift sich den Schwamm und beginnt zu wischen.

Aus dem Chaos werden in der Erinnerung nach und nach ganz normale Unfälle und nur wenige wundern sich über die irren Geschichten, die manche Zeugen berichten. Auch mich kümmert es nicht. Ich habe meinen Job getan. Vor mir liegen jetzt drei Kunststoffsäcke. Jeweils gefüllt mit den Überresten von nur einer Person. Ich bin mir sicher, dass das niemand sonst geschafft hätte. Denn ich weiß: ich bin der Beste.

Svende Hergenson kann nicht wissen, dass er gerade die Welt gerettet hat. Genau fünf Minuten und 13 Sekunden nachdem die junge Physikerin die Weltformel – ein anderer Begriff wäre wohl unpassend – zu Ende gebracht hat, sind die Tafeln wieder so blank wie vor zwei Monaten. Der schwedische Hausmeister liegt schnarchend unter dem Pult und rührt sich nicht mehr. Tief in seinem Hirn arbeitet es jedoch. Die ersten Neuronen bilden sich neu. Bruchstücke der Formel erscheinen im frontalen Cortex, werden wieder zusammen gefügt, nehmen Form an. Es ist nichts verloren. Im Stammhirn bereiten sich die Zellen darauf vor, einen diffusen Rachegedanken zu formulieren. Er, Svende Hergenson wird sich nicht von so einer Tusse ausboten lassen. Gleich morgen wird er mit dem Saufen aufhören, na gut es reduzieren und dann eines Tages…

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Die Ebene: 1-14

1. Captain Miller beugt sich über das Schaltpult. Er dreht seinen Kopf und schaut uns ernst an: „OK, ihr wisst, dass das schief gehen kann. Niemand öffnet ungestraft ein Fenster im Weltraum. Genau so wenig, wie es hier oben bescheuert … Weiterlesen

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Die Ebene: 14

So liebe Leserin, jetzt kommt bald ein kleiner Einschub, der geeignet sein könnte, einige der handelnden Personen ein bisschen besser zu verstehen. Anders als in der bisherigen Schilderung greife ich hier jedoch nicht ausschließlich auf meine eigenen Erlebnisse zurück. Die Zeit und mein späterer Beruf als Journalist gaben mir die Gelegenheit, die Ereignisse an jenem Tag in Bruchstücken zu rekonstruieren. Schon damals ahnte ich, dass das Notierte nur als Teil eines größeren Ganzen funktionieren würde, doch was sollte dies sein. Ich wusste es nicht und auch heute, während ich diese Zeilen schreibe bin ich mir unsicher. Nur eines scheint klar, so weit weg von daheim dämmert mir benebelt vom Aquavit des Dänen, dass vieles von damals und heute zusammengehören muss. Es wäre also gemein, das alles für sich zu behalten. Muss nur noch auf der Festplatte meines Laptops suchen. Ein klein wenig Geduld also. Ist nicht so leicht, wenn man belämmert ist. Da ist sie schon! Der große Däne beginnt zu lesen:

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Die Ebene: 13

„Weißt du, ich hab Frauen auch nie verstanden!“

Seine Eröffnung lässt mich nicht grade hoffen. Doch was soll´s, er hat zwei große Gläser mit Aquavit gefüllt und mir ist nach Alkohol. Er schaut mich aufmerksam an, schweigt. Offensichtlich wartet er darauf, dass ich mich ausweine.

„Na ja, trotzdem sind sie doch auch menschliche Wesen. Außerdem ist Sylvia nicht blöd. Wieso redet sie dann mit diesem Idioten? Ich meine, außer von dem, was sie ihm bei der Air Force beigebracht haben, hat der doch von nix eine Ahnung.“

Smerg lächelt traurig,

„Ich weiß ihr haltet mich für einen verschrobenen Idioten, der zwar von Astronomie was versteht, der aber ansonsten vollkommen verblödet ist. Doch ich hab Augen, Ohren und kann kochen.“

Jetzt lacht er kurz und nimmt einen Schluck aus seinem Glas. Nein blöd ist er nicht.

„Was ich sehe und wahrnehme ist ganz einfach, dass sich die beiden irgendwoher kennen!“

Ich starre ihn an.

„Das kann ja wohl kaum sein. Ich kenne zwar beide erst, seitdem wir uns im Trainingszentrum getroffen haben, aber aus ihren Akten geht hervor, dass es keinen Ort gibt, an dem beide gemeinsam gewesen sein könnten.“

„Nein du verstehst mich nicht! Es geht nicht um ihre jetzige Existenz. Glaubst du an Wiedergeburt?“

„Keine Ahnung. Wenn es so was gibt, würde es mich nicht stören, denke ich.“ 

„Ich weiß auch nicht, ob es so was gibt, aber wenn, dann würde das diese Verbindung zwischen Sylvia und unserem Copiloten erklären.“

Ich versuche dem Gedanken des Dänen zu folgen, doch es fällt mir schwer damit etwas anzufangen. Smerg sieht das wohl ein, denn er wechselt das Thema:

„Hat dir unser schwedischer Kollege etwas über seine Sicht der Dinge erzählt?“

„Na ja er sagte, dass sie uns braucht und ihn fürchtet.“

„Kann schon sein. Weiß zwar nicht, wofür sie uns braucht, aber ihn würde ich auch fürchten.“

„Svende?“

Ich bin ein bisschen baff. Was sollte an dem verwachsenen Kampftrinker gefährlich sein? Gut er hat seinen Selbstgebrannten, aber den trinkt er meist selbst.

„Mann, ich glaube der hat zuviel von seinem Zeug getrunken.“

„Selbst wenn Svende seine ganzen Vorräte binnen einer Stunde leeren würde, wäre er nüchterner als du oder ich. Soll ich dir mal ein bisschen was über unseren schwedischen Kampftrinker erzählen? Ich hol ein bisschen aus, aber keine Angst. Anders als bei den Spiegeleiern werde ich mich kurz fassen. Muss trotzdem ein bisschen ausholen, Als ich neun war, schickten mich meine Eltern zu einem Mathematikwettbewerb. Ich war schon als  Dreijähriger aufgefallen, weil ich zwar nur undeutlich reden konnte, dafür aber das mathematische Verständnis eines Abiturienten hatte. Ich war so was wie ein Wunderkind. Mit neun also dieser Wettbewerb. Ich hatte mich riesig darauf gefreut, denn es gab nichts, was mich sonst reizte. Klar ich bin musikalisch und hätte sicher als Virtuose Karriere machen können. – Schau nicht so angewidert, das ist keine Angeberei.“

Smergs riesige Hand greift nach dem Aquavit.

Dummerweise bin ich gewachsen wie ein Hefezopf im Ofen. Violine, Violincello, Bratsche… All diese wunderbaren Instrumente zerrannen in meinen Pranken.“

Klar, an dieser Stelle muss er die Hände in die Höhe heben. Stellt sich so zwischendurch die Frage, wer wollte sich eigentlich ausheulen?

„Du kommst auch noch dran. Es geht um Svende. Also zurück zum Wettbewerb. Es ging grob darum, verschiedene mathematische Aufgaben zu lösen. Und ich schaffte sie alle. Mit Bravour! Es war sensationell. Meine Eltern freuten sich, die Jury freute sich – in diesem Jahr waren lauter Dänen dabei – ich hatte die besten Ergebnisse seit Beginn des Wettbewerbs. Dann kam dieser kleine Schwede. Er war genauso alt wie ich. Seine Familie begleitete ihn. Lauter Hinterwäldler. Grob, bärtig, ungewaschen. Sie stanken nach Alkohol und alter Wäsche. Wie aus einem Monthy Pyton Film – nur echt. Ich erinnere mich noch, wie ich gluckste vor Lachen, als diese Schiessbudenfiguren das Feld betraten. Danach hat mich der kleine Svende nass gemacht. Zwischen uns sind Welten. Es ist so, als ob der FC Barcelona auf eine Thekenelf trifft. Ich war fertig mit der Welt. Egal, wie sehr ich mich anstrengen würde, ich würde immer die Nummer zwei bleiben.“

„Naja, ist ja auch nicht so schlecht. Immerhin kannst du Spiegeleier kochen!“

versuchte ich zu trösten.

„Du hast Recht! Aber es dauerte Jahre, bis ich das Rezept im Griff hatte. Mittlerweile bin ich tatsächlich der Ansicht, dass ein gelungenes Rührei ebenso wertvoll ist wie eine gelöste Formel. Nee, ich hab meinen Frieden geschlossen. Lass mich noch Svendes Geschichte zu Ende erzählen. Mit 16 hatte er mehrere Professuren an der Uni Kopenhagen und Gastprofessuren rund um die Welt, wie er all das geregelt bekam, ist mir ein Rätsel. Naja, so wie er drauf war, brauchte er natürlich nichts vorzubereiten. Er stellte sich einfach hin und löste Gleichungen, dozierte und trank Unmengen vom familiären Selbstgebrannten. Am Ende hat es ihn dann wohl zerrissen. Schließlich brachte er es nicht zustande, irgendetwas Großes zu formulieren. Er war zu einem Clown der Wissenschaft geworden, als er plötzlich von der Bildfläche verschwand. Ich hab dann nie wieder von ihm gehört. Bis zu diesen seltsamen Ereignissen vor gut sechs Jahren.“

Ja ich erinnere mich. Damals lag eine steile Karriere in der Frankfurter Forensik vor mir. Es war eigentlich ein Tag wie jeder andere, als plötzlich massenhaft Leichen in meinen Untersuchungsraum gekarrt wurden.

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Die Geschichte eines Kriegers 3: Die Bräuche meines Volkes

Sicher werdet Ihr Euch schon zu Beginn meiner Worte gefragt haben, wie es kam, dass ich mit 37 Kriegerinnen ins Feld zog und nicht mit 37 Kriegern. Eine Frage, die eine Reihe wichtiger Chronisten beschäftigen wird. Es wäre mir also ein leichtes Euch zur Geduld zu mahnen und auf die gängigen Erklärungsversuche der großmäuligen Geschichtsschreiber zu verweisen. Doch würde dies meinen bisherigen und weiteren Schilderungen nicht gerecht werden. Deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als Euch die Wahrheit zu schildern, so wie es mir mein Großvater erzählte, als ich ihn bat, mir zu erklären, warum alle meine Altersgenossen nur einen Arm und zwar den linken besitzen. Ich habe schon erwähnt, dass mein Volk nicht allzu weise ist. Um die Wahrheit zu sagen: Es ist ein Haufen ausgemachter Idioten. Das war auch zur Zeit meiner Geburt so. Dies müsstIhr wissen, damit ihr die Schilderungen meines Großvaters verstehen könnt. Das Leben in meiner Heimat lief seinen Lauf. Die Frauen bestellten das Feld, versorgten die Kinder und die Alten, machten das Haus und bereiteten das Mahl für ihre Gatten vor. Diese wiederum gaben vor, das Vieh zu hüten und sich auf bevorstehende Kriege vorzubereiten. Wer unser Volk kennt, weiß, dass weder das Hüten des Viehs Arbeit bereitet – wir hatten in der ganzen Geschichte unseres Volkes nur drei Ziegen, die zudem noch blind und fußlahm waren  – noch das Kriegführen unser Geschäft ist. Wenn es Streit mit benachbarten Völkern gibt, so erledigten das in der Regel angeheuerte Söldner, denen wir Vieh versprachen. Da die meisten die Feldzüge nicht überlebten ein gutes Geschäft. Wer zurückkam und seinen wohlverdienten Sold verlangte, wurde kurzerhand geköpft. Auch so ein Brauch. Wie dem auch sei; in diesem friedlichen Jahr meiner Geburt landete ein Wanderschamane in unserem Dorf. Wie es der Brauch verlangt, wurde er zu Kost und Logis eingeladen und durfte sich auch bei den Jungfrauen bedienen. Was aufgrund der Nasen und Ohren nicht jedermanns Sache ist. Der Wanderschamane sah nur einen Ausweg: Er sagte die Zukunft mit Hilfe der Knochen einer Katze voraus. Er warf sie in den Himmel, ließ sie in den ockerfarbenen Staub fallen, umkreiste sie, murmelte dabei geheime Formeln und sagte schließlich: Die Rechten unter den Erstgeborenen werden Euch den Weg weisen. Was für sich genommen sicher meist stimmt. Nun war es aber so, dass zum Anlass der Weissagung eine Menge getrunken wurde. Mit den entsprechenden Folgen. Als am nächsten Morgen der Wanderschamane das Dorf verlassen, machten sich die Klügsten und Weisesten daran, sich der Weissagung zu erinnern und so wurde die recht vernünftige Weissagung des Schamanen etwas entstellt: Die Rechten der Erstgeborenen werden Euch den Weg weisen. Was zwar recht nah am Original war, aber nicht ausreichend, um das folgende zu verhindern: Unsere Ältesten und Weisen wollten den Rat in die Tat umsetzen. Nach reiflicher Überlegung und Diskussion wurden den männlichen Nachfahren meines Jahrgangs die rechten Arme abgehackt. Nicht jeder der kleinen Jungen überlebte die feierliche Zeremonie, die mit dem Gemetzel einherging. Die, die überlebten hatten fortan nur noch den linken Arm zur Verfügung. Die abgehakten Gliedmaßen hingegen fanden schnell eine Verwendung in der Wortgetreuen Umsetzung der verballhornten Weissagung. So kam es, dass die Wege meiner Heimat mit kleinen Kinderarmen geziert sind, die als Wegweiser dienen. Ich selbst entkam dem Massaker nur, weil mein Großvater behauptete, ich sei ein Zweitgeborener. Was zwar nicht stimmte, sich aber auch nicht widerlegen ließ. Es ist klar, dass Einarmige nicht recht geeignet sind, um Schwert und Schild zu kämpfen. Dies kam den gleichaltrigen Mädchen zu gute, die zu stattlichen Kriegerinnen heranwuchsen. So wie Vaduta.

– Hilf mir auf den Gaul du nichtsnutziger Tölpel. Mir ist übel.

Vielleicht auch um dem Gesagten mehr Gewicht zu verleihen kotzt Vaduta vor meine Füße.

– Glotz nicht so, oder willst du das etwa aufwischen.

Ich lass mir nichts anmerken und Halte ihr meine Hände als Stufe hin. Schließlich ist sie die letzte meiner Wegbegleiterinnen und das verbindet.

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Die Ebene: 12

Eine Welle von Alkoholdunst schwingt in den Raum.

„Es sind zwei Sterne, keine besonders Großen. Etwa so wie unsere Sonne. Das macht sie so außergewöhnlich, denn eigentlich könnte der vor einigen Monaten gemessene Gravitationssprung nicht von ihnen stammen. Doch alle Messungen deuten genau auf diesen Ort als Ursprung.“

Der schwedische Kampftrinker hat sich zu uns gesellt.

„Benutzen wir die bisherige Physik, so können es also nicht die beiden Sterne da draußen sein. Bleibt also nur dieses Zeug, was sich zwischen ihnen ausbreitet, das Eiweiß um im Bild unseres schweigsamen Kollegen zu bleiben. Doch wenn wir ehrlich sind, dann weiß zur Zeit noch nicht mal unsere kluge Blondine, was hier wirklich vor sich geht. Aber sie ist nah dran und ich bin ihr auf den Fersen.

Er grinst verschlagen und wischt sich den Sabber aus dem Mundwinkel. Der Gedanke ihr ebenbürtig zu sein scheint ihm zu gefallen.

„Warum bist du dabei?“ fragt Sylvia.

„Weil sie es nicht verhindern konnte!“

Svende greift in seine Jackentasche und  nimmt einen kurzen Schluck.

„Anders als ihr bin ich nicht von ihr ausgewählt worden. Ich habe selbst entschieden, an Bord zu sein.“

 „Und was ist mit der Crew?“

„Glaubt ihr wirklich, sie beschäftigt sich mit der Crew. Das ist ihr schnuppe. Die Crew ist die Schale der Nuss. Wir sind die Frucht. Ihr alle habt etwas, was sie braucht und ich habe etwas, was sie fürchtet.“

Langsam glaube ich, der verwachsene Schwede ist ein bisschen größenwahnsinnig oder hat zu tief in seinen Selbstgebrannten geschaut. Doch seine Augen sind klar.

„Wir alle stehen in Verbindung mit einem Ereignis, dass vor etwa zehn Jahren stattfand, ihr werdet das noch früh genug herauskriegen“ orakelt er.

Der Inder ergreift jetzt die Initiative

„Wenn du meinst, du könntest vor ihr erfahren, was hier los ist, dann wird es Zeit, dass wir ein bisschen arbeiten.“

Als die beiden den Raum verlassen haben dreht Sylvia die Lüftung auf Vollgas.

„Was hältst du von der ganzen Sache?“

„Keine Ahnung! Eben war ich bei unserem Captain. Der schwafelt mir was vor von einer Verschwörung der Russen oder was weiß ich wem. Jetzt das hier.“

„Genau darüber wollte ich gleich mit Ben sprechen.“

Mir werden die Knie weich und mein Kopf wird von einem unvorstellbaren Vakuum erfüllt. Vor mir ist die tollste Frau, die ich kenne und sie hat ein Rendezvous mit diesem Frauen verschlingenden Cretin. Diesem durchtrainierten Schönling. Diesem hirnlosen Was-weiß-ich. Mein Hirn ist nur noch leer, mir wird schwarz vor Augen und ich taumele kommentarlos aus dem Raum. Das ist zu viel. Auf meinem Weg durch den Flur stoße ich gegen eine Wand. Es ist der Däne, dessen Blick mir sagt, dass er bereit ist, meinen Kummer zu teilen.

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Die Ebene: 11

„Stimmt! Ich bin aus freien Stücken hier! Sie doch wohl auch?“

Ein heißer Pfeil trifft mein Herz – keine Angst, ist bildlich gemeint. Es ist blöd, erwischt zu werden und ich weiß nicht, wie lange Miss Hirn schon neben uns steht.

„Schau mal!“ versucht Sylvia die Situation zu retten und zeigt auf die Buchstabenkolonnen.

„Kannst du etwas damit anfangen?“

Die Deutsche beugt sich keinen Millimeter vor. Stattdessen verengen sich ihre Augen kaum merklich.

„Es ist ein Code, das ist klar! Doch kann ich mich damit nicht beschäftigen. Deswegen bist du an Bord.

Sie wartet erst gar nicht auf eine Antwort, sondern verschwindet so lautlos wie sie eingetreten ist.

„Shit! Ob sie was mitbekommen hat?“

 „Keine Ahnung! Und wenn, was macht das für einen Unterschied?“

Sylvia hat Recht. Tausendschönchen ist zwar durchgeknallt, aber nicht blöd. Sie weiß sicher, dass die ganze Bande hinter ihrem Rücken lästert.

„Sie müssen aufpassen!“

Der Inder gibt sich sein Stelldichein. Behutsam schiebt er sein Bäuchlein an mir vorbei und rollt mit den Augen. Ich kann das Weiße sehen. Nicht sehr appetitlich. Das macht er immer. Ohne dass es eine Zusammenhang zu den äußeren Umständen gibt, noch zu seinem Gemütszustand. Ich vermute, dass es eine Art Uhr ist. Kann das aber nicht belegen.

„Wissen Sie eigentlich, welchen Einfluss unser Genie hat?

Wir schauen ihn an.

„Um ehrlich zu sein, ich auch nicht. Ich weiß nur, dass ich nicht bei dieser Mission dabei wäre, wenn sie es nicht gewünscht hätte. Es stimmt sicher, dass ich ein exzellenter Astrophysiker bin. Ohne Frage einer der Besten weltweit. Doch nur einer der besten. Es gibt einige, die mir das Wasser reichen können. Vielleicht sogar den ein oder anderen, der mir überlegen ist. Da stellt sich doch die Frage, warum gerade ich dabei bin. Ich habe nachgeforscht. Nicht einfach in dieser Szene, in der jeder jeden kennt. Aber bei ihren Qualitäten,“ hier macht er ein lüsternes Gesicht und zeichnet mit dem Mittel- und Zeigefinger seiner rechten Hand eine weibliche Silhouette in die Luft, „ist es nicht schwer zu raten. Das habe ich getan. Und siehe da, es gibt praktisch keinen aus dem Besetzungskomitee, der nicht mit ihr geschlafen hat. Woher ich das weiß? Nun, auch ich habe meine Geheimnisse. Aber ist auch egal. Die Frage nach dem „Warum gerade ich oder Ihr?“ hat das nicht beantwortet. Wir wissen nur, sie setzt ihre Wünsche durch.“

„Darüber habe ich mir auch meine Gedanken gemacht. Ich meine, die Kryptographie ist mein Hobby. Ich bin Übersetzerin. Was mache ich im All? Aber dann hab ich es schnell aufgegeben. Ich meine, wenn dich jemand fragt, willst du auf eine Expedition ins Universum, dann fragst du doch nicht lange warum?“

Das geht an mich. Gut – ich bin von Anfang an dabei. Habe die Schwerkraftmessung  bei Braunschweig besucht und dort auch gefilmt. Dann noch ein paar Fachartikel, ein paar Fotos. Alles in allem ein gutes Geschäft. Konnte mich sogar ein bisschen auf den Lorbeeren ausruhen. Das war ganz gut. Schließlich bin ich noch nicht so lange dabei. Eigentlich bin ich Mediziner. Spezialisiert auf den Tod. Ich arbeitete von Anfang an in der Forensik. Anderen Menschen das Leben retten ist nicht so mein Ding. Da läuft zu viel schief. Sind sie aber Tod, kannst du Mist bauen ohne Ende. Da kräht kein Hahn nach. So begründete ich Freunden gegenüber meine Wahl. Diese nickten  und schwiegen. Wenn ich ehrlich bin, war ich richtig gut in meinem nekrophilen Job. Doch eines Tages ging es nicht mehr. Ich konnte den Geruch des Formalins nicht ertragen. Die kalten Körper. Andere saufen sich in dieser Situation zu Tode. Ich wurde Schreiberling.

„Als ich erfuhr, dass diese Expedition geplant war habe ich mich darum bemüht, Teil zu nehmen. Ich glaub, ich hab fast eine Tonne Papier voll geschrieben. Könnt ihr alles nachlesen!“ rechtfertige ich mich.

Diesmal verdreht Sylvia die Augen. Nicht so kunstvoll wie der Inder. Der verschont mich dagegen. Stattdessen zeigen seine Augen einen mitleidigen Ausdruck. Ich gebe mich geschlagen:

Ich hab keine Ahnung, warum ich dabei bin. Aber spielt das denn eine Rolle? Sagt mir liebe mal, was wir da draußen gesehen haben. Keine Spiegeleinummer bitte.“

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Die Ebene: 10

Sylvia sitzt an ihrem Rechner. Was sie da genau macht, hab ich nie kapiert. Sie starrt Buchstabenreihen an, markiert sie und schiebt sie hin und her. Soweit ist klar. Aber wozu das Ganze? Hab sie nie gefragt. Finde es bescheuert, über den Job zu reden. Schließlich gibt es ja noch anderes. Als ich sie so konzentriert  arbeiten sehe, bereue ich meine fehlende Neugier. Sie ist in ihre Arbeit vertieft. Die Außenwelt spielt keine Rolle. Das  merke ich, weil sie sich mich nicht bemerkt, obwohl ich jetzt nur wenige Zentimeter neben ihr stehe. Ich ärgere mich darüber, dass ich so leise an sie ran getreten bin. Jetzt wirkt es so als hätte ich mich angeschlichen. Dabei wollte ich sie nur nicht stören. Verrat mir mal einer, wie da wieder rauskommen. Räuspern? Sie laut ansprechen? Zurück gehen und noch mal zu ihr gehen?

„Glotz nicht so blöd auf den Bildschirm, Al!“

Sylvia hat für alles eine Lösung! Ich könnte sie umarmen. Stattdessen glotz ich sie an,

„Das sind die Signale, die wir seit 3 Wochen empfangen,“ klärt sie mich auf. „ich kann machen was ich will. Ich krieg es nicht raus. Dabei weiß ich, dass da eine Regelmäßigkeit drin ist. Ein Code! Eine Sprache. Sobald ich den Schirm anschalte erkenne ich es. Ich fang an systematisch vorzugehen und alles verschwindet. Ich sitze Stunde um Stunde davor. Doch der erste Eindruck kehrt nicht zurück. Nur irgendwelche Buchstaben oder Zahlen. Ich hab beides versucht. Dann dreh ich den Rücken, mach etwas anderes. Entferne mich. Setze sozusagen meine Kryptografie auf Null und sobald ich den Monitor betrachte, ist das Muster klar vor meinen Augen. So geht es jetzt seit drei Wochen und ich bin kein bisschen weiter gekommen. Jetzt das da draußen. Es muss da einen Zusammenhang geben.“

 „Heißt das, dass du keine Dolmetscherin bist?“

„Doch, auch! Aber ich bin auch gleichzeitig Kryptografin. War mein Hobby. Bisher. Jetzt ist es meine Mitflugberechtigung.“

„Warum weiß ich nichts davon?“

„Geht dich anscheinend nichts an.“

Sie grinst.

„Ist aber egal. Außerdem hast du nie gefragt. Dabei sagte man mir du seiest Journalist.“

„So ungefähr, aber ich kann Fragen nicht leiden,“ platzt es mir raus.

„Zumindest, wenn sie mir gestellt werden.“

Natürlich bereue ich das sofort, denn Sylvia dürfte mich schon fragen. Sie würde schon keine blöden Fragen stellen. Denke ich mal.

„Na so interessant bist du nu wieder auch nicht,“

schnippt sie zurück. Das sitzt. Auch wenn ich weiß, dass Sylvia schnell frech wird.

„Ok! Friede ja? Warum fragst du nicht die durch geknallte Miss Germany?“

„Bloß nicht. Die bringt es fertig und entschlüsselt das ganze in Nullkommanix. Das wäre nicht gut für mein Ego. Nee, das muss ich alleine regeln. – Außerdem trau ich ihr nicht.

Ich weiß, was sie meint. Normalerweise würde ich ja denken, typisch Frauen. Die müssen sich halt beharken, wo´s nur geht. Aber bei der Deutschen funktionieren klassische Verhaltensmuster nicht. Die ist wie ein Wesen aus einem anderen Stern. Manchmal denke ich, sie ist so was wie ein Cyborg oder Roboter. Wie aus Alien 1. Doch dafür ist unsere Technik nun wirklich nicht weit genug. Außerdem umgibt sie eine merkwürdige Art von Aura. Als sei sie nicht anwesend. Wenn sie dich anschaut, dann  blickt sie einfach in dich hinein und durch. So als seiest du ein Insekt oder so was.

„Manchmal denke ich sie existiert gar nicht,“ fährt Sylvia fort.

„Klar sie ist sicher nur ein Hologramm,“ antworte ich „dass uns die Auftraggeber mitgeschickt haben“ ich grinse sie an.

Ein bisschen stolz bin ich schon auf diese Idee; schließlich musst du da erst mal drauf kommen. Währen ich also vor mich hingrinse, zeigt Sylvia wieder mal, dass sie mir weit überlegen ist:

„Hologramm, ja das habe ich auch schon gedacht. Nur glaub ich nicht, dass sie irgendjemand geschickt hat.“

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Die Ebene: 9

„Ich muss mit Ihnen reden!“

Wenig später sitzen wir in seinem Kommandantenzimmer. Es unterscheidet sich in keinem Deut von meinem. Nur der etwas größere Bildschirm und einige Schalter weisen auf Millers Status hin.

„Ich weiß, dass sie mich verachten und für einen ziemlichen Idioten halten,“ beginnt er„und in der Tat kann ich intellektuell weder den Wasserköpfen das Wasser reichen noch Ihnen, geschweige denn diesem Monster aus Arsch, Titten und Hirn.“

In der Stimme schwingen jetzt Bewunderung und Verachtung gleichzeitig. Miller steht mitten im Raum, die Hände auf den Rücken. Wie ein großer Feldherr, der einen Schlachtplan ausheckt wandert er schwadronierend auf und ab.

„Darum geht es auch nicht! Es ist nicht meine Aufgabe mehr zu denken als unbedingt erforderlich. Ich muss diese Mission sicher zu Ende führen. Ich muss handeln, schnell handeln. Wer da zu viel denkt ist auf meinem Stuhl fehl am Platz!“

Er bleibt kurz stehen und blickt mich bedeutungsvoll an. Ich signalisiere, dass ich bisher alles verstanden habe und mich jetzt nicht durch eine blöde Bemerkung ins Abseits schießen werde. Zufrieden schreitet er weiter

„Sie wissen, dass das hier fast eine militärische Operation ist. Wir haben zwar keine Waffen dabei, aber die Mission findet mit der Unterstützung der Militärs statt. Was heißt, das wir“er deutet auf seine Brust „hier das Sagen haben. Das Gelingen einer militärischen Operation, das Wohl und Wehe jeden Feldzugs…“

Hier unterbreche ich, sonst ist mein Abend verdorben:

„Captain Miller, was wollen Sie mir sagen?“

„Ja ich weiß ihr Zivilisten habt kein Ohr für militärische Wert. Gut“ räuspert er sich.

„Es geht um Folgendes. Ich habe das Gefühl, dass der Grundkonsens unserer Mission gefährdet ist. Ja, ich glaube, dass unsere Hierarchie am Bröckeln ist. Mir als Vordersten darf ein solcher Zustand nicht egal sein. Deswegen wende ich mich an Sie. Auch wenn Sie ein Zivilist sind, so erscheinen Sie mir doch ausreichend Vernunft begabt. Was ich von Ihnen will, ist, Sie um Unterstützung bitten. Ben dieser Eier gesteuerte Kretin wird jedem Rock hinterher dackeln. Auf den kann ich nicht setzen. Die Zweitcrew ist zwar ausgewählt und sicher fachlich exzellent. Aber die eine ist Russin und die andere Italienerin. Haben Sie sich mal mit Geschichte beschäftigt. Bestimmt! Gehört doch zu Ihrem Job. Dann wird Ihnen sicher nicht entgangen sein, dass die Russen und die Italiener im Grunde ihres Herzens Kommunisten sind. Bolschewicki!“

Miller Gesicht bekommt immer mehr Farbe. Ein dünner Speichelfilm sucht den Weg aus seinem Mund nach draußen. Ich habe die Schnauze voll, doch so leicht macht es mir Miller nicht:

„Die sind doch bloß Kapitalisten geworden, um uns dann noch tiefer in die Scheiße reinzureiten. Wenn die es erstmal Schaffen unsere Mission zu ihrem Nutzen auszubeuten, dann Gnade uns Gott.“

Er lässt mir keine Chance. Ich nicke ihm anerkennend zu, bedanke mich für die Information und drücke mich an seinem heißen Atem vorbei auf den Gang. Kein Wunder, dass der Arme vollkommen überspannt ist. Noch nie war jemand so weit weg von daheim. Er will seinen Job gut machen und dreht eben ein bisschen durch. Bei so viel Druck, spinnt man schon mal. Kein Thema. Es soll nicht lange dauern, da werde ich mich über meine Sorglosigkeit wundern. Doch jetzt will ich erst mal Sylvia finden.

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