Die Ebene: 13

„Weißt du, ich hab Frauen auch nie verstanden!“

Seine Eröffnung lässt mich nicht grade hoffen. Doch was soll´s, er hat zwei große Gläser mit Aquavit gefüllt und mir ist nach Alkohol. Er schaut mich aufmerksam an, schweigt. Offensichtlich wartet er darauf, dass ich mich ausweine.

„Na ja, trotzdem sind sie doch auch menschliche Wesen. Außerdem ist Sylvia nicht blöd. Wieso redet sie dann mit diesem Idioten? Ich meine, außer von dem, was sie ihm bei der Air Force beigebracht haben, hat der doch von nix eine Ahnung.“

Smerg lächelt traurig,

„Ich weiß ihr haltet mich für einen verschrobenen Idioten, der zwar von Astronomie was versteht, der aber ansonsten vollkommen verblödet ist. Doch ich hab Augen, Ohren und kann kochen.“

Jetzt lacht er kurz und nimmt einen Schluck aus seinem Glas. Nein blöd ist er nicht.

„Was ich sehe und wahrnehme ist ganz einfach, dass sich die beiden irgendwoher kennen!“

Ich starre ihn an.

„Das kann ja wohl kaum sein. Ich kenne zwar beide erst, seitdem wir uns im Trainingszentrum getroffen haben, aber aus ihren Akten geht hervor, dass es keinen Ort gibt, an dem beide gemeinsam gewesen sein könnten.“

„Nein du verstehst mich nicht! Es geht nicht um ihre jetzige Existenz. Glaubst du an Wiedergeburt?“

„Keine Ahnung. Wenn es so was gibt, würde es mich nicht stören, denke ich.“ 

„Ich weiß auch nicht, ob es so was gibt, aber wenn, dann würde das diese Verbindung zwischen Sylvia und unserem Copiloten erklären.“

Ich versuche dem Gedanken des Dänen zu folgen, doch es fällt mir schwer damit etwas anzufangen. Smerg sieht das wohl ein, denn er wechselt das Thema:

„Hat dir unser schwedischer Kollege etwas über seine Sicht der Dinge erzählt?“

„Na ja er sagte, dass sie uns braucht und ihn fürchtet.“

„Kann schon sein. Weiß zwar nicht, wofür sie uns braucht, aber ihn würde ich auch fürchten.“

„Svende?“

Ich bin ein bisschen baff. Was sollte an dem verwachsenen Kampftrinker gefährlich sein? Gut er hat seinen Selbstgebrannten, aber den trinkt er meist selbst.

„Mann, ich glaube der hat zuviel von seinem Zeug getrunken.“

„Selbst wenn Svende seine ganzen Vorräte binnen einer Stunde leeren würde, wäre er nüchterner als du oder ich. Soll ich dir mal ein bisschen was über unseren schwedischen Kampftrinker erzählen? Ich hol ein bisschen aus, aber keine Angst. Anders als bei den Spiegeleiern werde ich mich kurz fassen. Muss trotzdem ein bisschen ausholen, Als ich neun war, schickten mich meine Eltern zu einem Mathematikwettbewerb. Ich war schon als  Dreijähriger aufgefallen, weil ich zwar nur undeutlich reden konnte, dafür aber das mathematische Verständnis eines Abiturienten hatte. Ich war so was wie ein Wunderkind. Mit neun also dieser Wettbewerb. Ich hatte mich riesig darauf gefreut, denn es gab nichts, was mich sonst reizte. Klar ich bin musikalisch und hätte sicher als Virtuose Karriere machen können. – Schau nicht so angewidert, das ist keine Angeberei.“

Smergs riesige Hand greift nach dem Aquavit.

Dummerweise bin ich gewachsen wie ein Hefezopf im Ofen. Violine, Violincello, Bratsche… All diese wunderbaren Instrumente zerrannen in meinen Pranken.“

Klar, an dieser Stelle muss er die Hände in die Höhe heben. Stellt sich so zwischendurch die Frage, wer wollte sich eigentlich ausheulen?

„Du kommst auch noch dran. Es geht um Svende. Also zurück zum Wettbewerb. Es ging grob darum, verschiedene mathematische Aufgaben zu lösen. Und ich schaffte sie alle. Mit Bravour! Es war sensationell. Meine Eltern freuten sich, die Jury freute sich – in diesem Jahr waren lauter Dänen dabei – ich hatte die besten Ergebnisse seit Beginn des Wettbewerbs. Dann kam dieser kleine Schwede. Er war genauso alt wie ich. Seine Familie begleitete ihn. Lauter Hinterwäldler. Grob, bärtig, ungewaschen. Sie stanken nach Alkohol und alter Wäsche. Wie aus einem Monthy Pyton Film – nur echt. Ich erinnere mich noch, wie ich gluckste vor Lachen, als diese Schiessbudenfiguren das Feld betraten. Danach hat mich der kleine Svende nass gemacht. Zwischen uns sind Welten. Es ist so, als ob der FC Barcelona auf eine Thekenelf trifft. Ich war fertig mit der Welt. Egal, wie sehr ich mich anstrengen würde, ich würde immer die Nummer zwei bleiben.“

„Naja, ist ja auch nicht so schlecht. Immerhin kannst du Spiegeleier kochen!“

versuchte ich zu trösten.

„Du hast Recht! Aber es dauerte Jahre, bis ich das Rezept im Griff hatte. Mittlerweile bin ich tatsächlich der Ansicht, dass ein gelungenes Rührei ebenso wertvoll ist wie eine gelöste Formel. Nee, ich hab meinen Frieden geschlossen. Lass mich noch Svendes Geschichte zu Ende erzählen. Mit 16 hatte er mehrere Professuren an der Uni Kopenhagen und Gastprofessuren rund um die Welt, wie er all das geregelt bekam, ist mir ein Rätsel. Naja, so wie er drauf war, brauchte er natürlich nichts vorzubereiten. Er stellte sich einfach hin und löste Gleichungen, dozierte und trank Unmengen vom familiären Selbstgebrannten. Am Ende hat es ihn dann wohl zerrissen. Schließlich brachte er es nicht zustande, irgendetwas Großes zu formulieren. Er war zu einem Clown der Wissenschaft geworden, als er plötzlich von der Bildfläche verschwand. Ich hab dann nie wieder von ihm gehört. Bis zu diesen seltsamen Ereignissen vor gut sechs Jahren.“

Ja ich erinnere mich. Damals lag eine steile Karriere in der Frankfurter Forensik vor mir. Es war eigentlich ein Tag wie jeder andere, als plötzlich massenhaft Leichen in meinen Untersuchungsraum gekarrt wurden.

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