Die Ebene: 1-14

1.

Captain Miller beugt sich über das Schaltpult. Er dreht seinen Kopf und schaut uns ernst an:

„OK, ihr wisst, dass das schief gehen kann. Niemand öffnet ungestraft ein Fenster im Weltraum. Genau so wenig, wie es hier oben bescheuert wäre, die Tür zu öffnen ohne die Schleuse zu benutzen. Hier herrschen…..“

Mehr bekomme ich nicht mit. Meine Gedanken driften ab. Miller ist zwar ein astreiner Astronaut aber ansonsten ein ausgemachter Idiot. Irgendwann muss er sich diese Ansprache ausgedacht haben. Jetzt ist er so stolz darauf, dass er sie praktisch jedes Mal abzieht, wenn er einen Schalter umlegt und einer von uns in der Nähe ist. Wir, das sind die vier Wissenschaftler: Smerg Johannsen, ein großer Däne, der nie etwas sagt und von dem niemand weiß, was er weiß; Svende Hergesen ein etwas verwachsener Astrophysiker, der von sich behauptet aus einem alten Geschlecht schwedischer Kampftrinker zu stammen; Ravi Yogudings dessen Namen sich niemand merken kann und der anscheinend noch mehr weiß, als der schweigsame Däne und dann ist da noch das Flagschiff der Hirntruppe: Eine blutjunge deutsche Wissenschaftlerin. Sind die ersten drei schon ein origineller Haufen, so schlägt sie dem Fass den Boden aus. Bildhübsch wie sie ist, verdrehte sie den männlichen Astronauten sofort den Kopf. Ben, Millers 1. Offizier wäre beim Einstieg fast die Stufen des Raumschiffes runter geflogen, wenn ihm sein Captain nicht mit einem beherzten Tritt in die Eier zur Vernunft gebracht hätte. Aber zurück zu der jungen Wissenschafterin. Niemand an Bord weiß ihren Namen. Auch weiß niemand, welche Funktion sie hat. Nur eines ist allen klar: Sie ist die einzige, die kapiert, um was es bei unserer Mission geht. Ansonsten, war schnell klar, dass sie einen Totalschaden hat. Also keinen Totalausfall, aber sie lebt halt in ihrer eigenen Welt. Nix mit anzufangen. Zu den vier Forschern gesellen sich noch die vier Astronauten, Captain Miller, Ben, Captain Ludmilla und Maria, jede Position doppelt besetzend. Falls was schief geht. Oder so. Außerdem gibt es noch die Dolmetscherin und Sprachexpertin Sylvia, die wohl dabei ist, damit es keinen allzu großen Männerüberschuss gibt. Andererseits beherrscht sie die Heimatsprachen aller Reiseteilnehmer perfekt, was auch nix schadet. Vielleicht hat sie ja noch eine andere Aufgabe, von der ich nichts weiß. Signale entziffern oder so. Mir ist es recht, denn sie gefällt mir. Werde sie später noch beschreiben. Erst mal kurz zu mir, damit klar ist, wer hier erzählt. Ich bin dabei, weil ich von Anfang an dabei bin. Der Zufall wollte es, dass ich von der Geschichte Wind bekam.

2.

Das war vor gut drei Jahren. Gemeinsam mit einem Freund bin ich auf einem Feld in der Nähe Braunschweigs. Ich will nicht gemein sein, aber es fällt mir schwer etwas Nettes über die Landschaft zu sagen. Tut aber auch nix zur Sache. Wir besuchen eines der merkwürdigsten Experimente der Menschheit. Es geht darum, die Schwerkraft zu messen. Genauer gesagt, eine Änderung der Schwerkraft. Hier muss ich kurz warnen, selbst wenn ich mir Mühe gebe, bin ich mir nicht sicher, ob ich es verstanden habe, geschweige denn ob ich es erklären kann.

„Sehen Sie diese Schleuse hier? der Physiker schaut uns fragend an.

Wir nicken, was nicht schwer fällt, denn das Schleusentor ist rot und hat einen Durchmesser von drei Metern. Der Physiker heißt Gunter Meier, ist knapp zwei Meter groß, von massiger Gestalt, die Haare hängen ihm in einem langen Zopf den Rücken runter. Ein Bart verdeckt einen Unterbiss oder ein Fliehkinn oder beides. Seine besockten Birkenstocks scharren auf dem Beton. Es wird wohl ernst.

„Hinter dieser Schleuse befindet sich eine von zwei vierhundert Meter langen Vakuumröhren. In diese jagen wir einen hyperkonstanten Laserstrahl. Der wird am Ende der Röhre von einem Spiegel reflektiert und prallt hier erneut auf einen Spiegel. Der lenkt den Laserstrahl um exakt 87,5 Grad ab und schickt ihn in die zweite Vakuumröhre. Dort wird der Strahl erneut reflektiert und geht wieder über 87,5 Grad-Spiegel.“

„Warum 87,5 Grad?“ frage ich.

Ich habe praktisch nix kapiert und klammere mich an dieses Detail, um bei dem riesigen Wissenschaftler Eindruck zu schinden. Er schaut mich aus fröhlich lächelnden grauen Augen an.

„ Die Bauern hier sind nicht doof. Als sie merkten, dass wir Land brauchten, sind die Grundstückspreise angestiegen. Und da die Gemarkungen hier nicht rechtwinklig verlaufen, war es günstiger das Ganze für diesen krummen Winkel zu berechnen, als die Anlage rechtwinklig zu bauen. Dadurch mussten wir bloß zwei Landwirte auslösen. Das gab dann natürlich Stress in der Gemeinde, aber das könnt ihr ja auch in der Lokalpresse nachlesen.“

Ich grinse zurück. Dass er ins Du übergegangen ist, zeigt, dass er uns nicht für vollkommen verblödet hält.

„Na ja die Details sind eigentlich auch egal. Wir erzeugen halt einen extrem langen und extrem konstanten Lichtstrahl. Wird der durch ein Schwerkraftereignis in der Nähe gestört, so können wir das feststellen.“

Ich werde mutiger: „Was genau kann ich mir unter Schwerkraftereignis vorstellen?“

Er schaut mich mild an: „Nun eine Supernova, eine Sternengeburt oder ein Schwarzes Loch, oder sonst irgendwas, das irgendwo da draußen vorkommt und heftig genug ist, die Schwerkraft zu verändern.“

Ich nicke. Bin zwar kein Physiker, aber mir wird klar, dass hier was ganz Großes gemessen werden soll.

„Und habt ihr schon mal was gemessen?“ duze ich zurück.

„Das ist das Problem. Leider nein – oder zum Glück. Es gibt nur noch drei weitere dieser Geräte auf der Welt. Das sind die einzigen, die so was messen könnten. Wenn es uns gelingt, dann gibt das den Nobelpreis. Wenn nicht, dann ist das hier die teuerste Gemarkungsgrenze Niedersachsens.“

Heute frage ich mich, ob das nicht die bessere Lösung gewesen wäre.

3.

Langsam schiebt sich das Schutzschild vor dem Fenster zurück. Dunkelheit und Licht strahlen zu gleich auf unsere Gesichter. Wir schauen auf das All. Ist schon toll.

„Da!“ bricht Smerg Johannson sein Schweigen.

Er zeigt auf zwei riesige Sterne, die zum Greifen nah scheinen, in Wirklichkeit aber Millionen von Kilometern entfernt sind. Die junge Wissenschaftlerin fängt an, etwas Unverständliches in ihr Diktafon zu brabbeln. Gleichzeitig blickt sie auf die Bildschirme vor sich und bedient zwei Tastaturen. Ich schaue zu Sylvia, hoffe einen Blick des gemeinsamen Verständnisses zu erheischen. Doch anders als sonst schaut sie nicht zurück. Die zwei Sterne sind wohl wichtiger. Beleidigt starre ich ebenfalls aus dem Fenster. Was ich sehe, lässt mich verstehen, warum Sylvia mich nicht beachtet.

4.

An dieser Stelle muss ich – sicher zum Ärgernis der Leserin – einen Blick auf die Ereignisse werfen, die sich kurz nach meinem Besuch in der obskuren Apparatur nahe Braunschweig ereigneten. Es fällt mir schwer,  jetzt wo die Dinge immer noch so ungewiss sind, einen klaren Gedanken zu fassen.

Kurz nach der Begegnung mit Gunter Meier bekomme ich die Nachricht, dass der nette Physiker bei Wartungsarbeiten getötet wurde. Die genauen Umstände seines Ablebens sind Gegenstand einer mehrköpfigen Kommission. Mittlerweile schlummern die Untersuchungsergebnisse unbeachtet im Landgericht Braunschweig. Folgendes habe ich erfahren: Meier hatte gemeinsam mit seinem Kollegen Fritsche, den ich auch kannte, ein neues Messsystem angebracht. Dieses Messsystem sollte den Braunschweiger Messkanal den anderen überlegen machen. Die beiden Wissenschaftler hatten das neue Instrument gerade justiert, als ein für den Laien unscheinbares Signal auf dem Monitor erschien. Für Fritsche und Meier war der dezente Peak bei 240 Nanometern alles andere als unscheinbar. Sie hatten den ersehnten Schwerkraftsprung gemessen! Sollte das der Nobelpreis sein? Der Hysterie nahe beugten sich die Physiker über die Aufzeichnungen. Wer weiß, wie viele Jahre Arbeit in so einem Projekt stecken, kann vielleicht verstehen, warum sie die üblichen Sicherheitsmaßnahmen nicht beachteten. Ein Großmessgerät dieses Kalibers ist keine Blackbox wie ein iPod. Überall hängen Kabel rum, viele davon leiten Signale weiter. Sie sind bunt aber harmlos. Doch ab und an gibt es da wohl Starkstromkabel. Schwarz, grau oder rot ummantelt. Keine Ahnung. Wichtig ist nur: Eines davon hatte sich während der Wartungsarbeiten gelockert und genau im Moment der sensationellen Entdeckung gelöst. Meiers Pech war, dass er genau darunter stand. Fritsches Glück war, dass er Meier nicht ein zweites Mal auf die Schulter klopfte. Meiers Haarzopf strebte vibrierend nach außen – unentschieden, ob Locken zu bilden seien oder ob es besser sei, auszufallen. Der Raum roch schnell nach verkohltem Fleisch. So ist das, wenn 4800 Volt durch einen menschlichen Körper jagen.

Damals wusste ich nichts von den Details. Nur eines war klar: Der Braunschweiger Schwerkraftkanal hatte ein Ereignis gemessen. Irgendwo da draußen.

5.

Deswegen sind wir hier und starren aus dem Fenster. Die beiden Sterne haben ihre Position nicht verändert. Sie sind es auch nicht, was uns wie blöde glotzen lässt. Es ist der Raum zwischen den beiden Sternen. Es wäre vermessen, würde ich behaupten, ich könne die Erscheinung hier mit Worten wiedergeben. Ich will es trotzdem versuchen, auch wenn meine Sprache nur einen Abklatsch dessen geben wird, was wir dort draußen sehen. Es wird so sein, als wolle ein Dreijähriger Michelangelos Meisterwerke in einer ihm unbekannten Sprache beschreiben. Es wird genauso hoffnungslos sein, wie es ist, das Licht auszumachen und so die globale Erwärmung zu stoppen. Es wird in die richtige Richtung gehen, aber eben nicht sehr weit. Spätestens hier merkt die Leserin sicher, dass ich mich vor der Beschreibung drücke. Doch alle Worte der Menschheit würden nicht ausreichen. Ja man könnte sogar auf das Schweigen des dänischen Forschers neben mir nicht verzichten. Übrigens hat der gerade den Mund wieder zugemacht, nur um ihn wieder aufzumachen und zu und auf und so weiter. Sieht aus wie ein Karpfen. Ich mache mir ernsthaft Sorgen, ob er nicht gleich Amok läuft. Unser schwedischer Begleiter mit dem Kampftrinkergen greift in seine Brusttasche und holt den Flachmann raus, den ich dort immer schon vermutet habe und nimmt einen beherzten Schluck.

Gute Idee!“ grinse ich hinüber und finde meine Hoffnung bestätigt.

Er reicht den sicher selbst gebrannten Schnaps rüber. Diese Geste lockert die Atmosphäre. Sylvia schaut mich an und ich reiche ihr die Flasche. Auch die Astronauten holen auf einmal bisher verborgen gehaltene Spirituosen aus ihren schicken Overalls. Hatte nicht gedacht, dass die Staaten unserer Erde eine Seminareinheit anonymer Alkoholiker auf so eine wichtige Reise schicken. Aber vielleicht haben die Generäle und Präsidenten einfach mehrere Missionen ausgesandt und wir waren diejenige, die eben scheitert. Damit würde sich die statistische Wahrscheinlichkeit der anderen Trupps zu überleben zwar nicht ändern. Aber ich bezweifele, dass irgendein Entscheidungsträger Ahnung von Statistik hat. Ich schweife schon wieder ab. Sorry! Der Alkohol macht mich halt ganz benebelt und ich frage mich, was zum Teufel da wohl vergoren wurde. Ich blicke wieder aus dem Fenster und hoffe, dass sich der Nebel lichtet. Tatsächlich. Jetzt wird mir klar, warum die Schweden so ein angenehmes Design haben. Ich sehe die beiden Sterne mit neuen gewaschenen Augen.

„Sieht aus, wie zwei Spiegeleier auf einem großen Teller.“

Es ist Sylvia, die wieder mal beweist, dass sie ihre Tassen im Schrank aufrechet stehen hat.

„Fehlt nur noch Petersilie“

das kommt aus Captain Millers Mund. Weiß der Teufel, wo der Idiot diesen Einfall her hat, aber wir müssen alle grinsen. Meins fällt ein bisschen säuerlich auf, denn ich habe ihn in Verdacht, auf Sylvia scharf zu sein und mit seinen Petersilien könnte er Boden gut gemacht haben. Aus den Augenwinkeln kann ich sehen, wie sie ihm anerkennend zulächelt. Verzweifelt krame ich nach einer ähnlich qualifizierten Bemerkung.

6.

Der große Däne fährt in meine erfolglosen Gedanken:

„Wisst ihr, bei uns in Dänemark, also genauer gesagt in Nordjytland, also dem Dänemark, dass von sich und von dem alle Dänen, die Ahnung haben behaupten, es sei das richtige Dänemark, auch wenn die Flachköpfe aus Midjytland oder die Fischfresser aus Sjaelland, der Meinung sind, sie seien die wahren Dänen, was völliger Quatsch ist, denn König Sven Gabelbart hat 993 n. Chr. in seiner für die damaligen Verhältnisse ausgesprochen fortschrittlichen Bulle erklärt, dass wenn ein Däne nicht aus Nordjytland stamme, er auch nicht das Recht habe, unter seiner Herrschaft oder der Herrschaft seiner Nachkommen zu behaupten er sei Däne, machen wir die Spiegeleier so, dass das Eigelb nur an einer Ecke zerläuft, also so!“

Er zeigt es, in dem er mit seinen riesigen Händen auf der Fensterscheibe rumschmiert. Damit wir besser erkennen, was er meint, spuckt er kurz auf die Glasfläche und verreibt den Speichel von einem der Sterne ausgehend nach außen.

„Das sieht dann so aus, wie Nordjytland, versteht ihr und wenn dann das flüssige Eigelb den noch warmen Toast erreicht und sich mit der Butter, es muss dänische Butter sein, das ist wichtig, aber nicht aus Sjaelland, die schmeckt nach Fisch, dann musst du es mit der Hand nehmen, nicht mit Messer und Gabel, das machen Barbaren, und es so zusammenklappen.“

Hier greift er sich eines der Laptops, die die junge Wissenschaftlerin brabbelnd vor sich geschart hat, klappt es mit einer seiner riesigen Pranken zusammen und deutet an, wie man rein beißt.

„Lecker“

Er strahlt über beide Backen und ich weiß, warum er sonst den Mund hält.

„Petersilie braucht man keine.“

Dafür möchte ich ihn am liebsten umarmen. Alles lacht. Der Schnaps kreist und wir hätten fast angefangen zu tanzen, wenn da nicht die junge Wissenschaftlerin wäre. Ihr ist der Laptopraub nicht entgangen. Sie reißt dem Riesen mit einer blitzschnellen Bewegung den Rechner aus den Händen. Wie sie es schafft, dabei weiterzubrabbeln und ihre Monitore im Auge zu behalten ist mir ein Rätsel. Werde ihr in Zukunft besser aus dem Weg gehen.

7.

Ben der 1. Offizier ist der einzige, der ein Wort rauskriegt:

Verflucht!

Den Tritt in die Eier hat er gut überwunden. Soweit ich das mitbekommen habe, hat er mittlerweile die Ersatzcrew flach gelegt. Man bekommt an Bord so einiges mit. Auch wenn es einen nicht interessiert. Ben ist noch beschränkter als sein Captain. Er ist knapp 1,90 groß und erinnert an den jungen Georg Clooney. Während seiner Ausbildung war er mit einer jungen Südstaatlerin liiert. Die beiden waren so was wie das Traumpaar der Airbase. Auf jeden Fall schien es irgendwann bei ihnen im Bett nicht mehr so recht zu klappen. Ben, der über keinerlei Talente verfügt, aber ausgesprochen zäh und fleißig ist, zog die Konsequenz:

„Liebling, ich werde hart trainieren, damit ich dir gerecht werde.“ – oder so, vermute bei Ben war kein Komma im Satz.

Ben setzte sein Vorhaben in die Tat um. Hadern ist für ihn ein Begriff aus einer anderen Galaxie. Binnen sieben Monaten hatte er mit jeder Frau im Umkreis von 30 Meilen geschlafen. So geht zumindest die Mär, auch hier vermute ich, dass nicht alles ganz wahr ist. Seine Südstaatlerin dankte ihm diesen Einsatz auf ihre Weise. Das Traumpaar wurde Vergangenheit. Ben, seines Ziels beraubt, beschränkte sich jetzt nicht mehr auf die 30-Meilen Zone. Alles was einen Rock tragen konnte, landete früher oder später in seinem Bett. So auch die Ersatzcrew. Die Russin Captain Ludmilla und die Italienerin Maria sind keineswegs Traumfrauen, aber sie haben ihre Reize. Jetzt blicken sie verwirrt auf ihren Bettgenossen. Ich sehe Maria an, dass sie losplappern will. Doch sie hält standesgemäß den Mund und überlässt Ludmilla das Reden.

„Wir gehen jetzt besser an die Arbeit,“ haucht sie mit unverkennbarem Akzent.

Ich schreibe haucht, doch das trifft nicht ganz den Punkt. Sie spricht leise, flüstert fast, aber das mit solcher Energie, dass keiner wagt, zu widersprechen. Für einen Augenblick scheint es, als sei sie der eigentlich Chef an Bord.

8.

Däne, Schwede und Inder beugen sich über die junge Wissenschaftlerin und bemühen sich ein kundiges Gesicht zu zeigen. Gebannt lauschen sie ihren Ausführungen:

„Beta-Ceeman im Gravtiationsumkehrfeld von Ignis-Sigirl. Das ist der Beweis. Ein holografisches Universum. Der Anti-De-Sitter-Raum ist bewiesen, gleichzeitig Beleg des De-Sitter-Raums wahrscheinlich. Raumzeit hat Quantecharakter – Dunklen Energie wirkt sowohl anziehend, als auch abstoßend. Der hyperbolische Raum ist damit augenscheinlich widerlegt. Expansion des Universums kann mit dem Phänomen nicht in Einklang stehen. Randall-Sundrum-Modelle müssen Paradox ausräumen....“

Während die drei Forscher ihre wissenden Mienen tapfer beibehalten und ab und an ein wissendes Raunen oder einen anerkennendes Pfeifen von sich geben, habe ich auf Durchzug geschaltet. Werde mir nachher einen von ihnen schnappen und um Übersetzung bitten. Mein Augenmerk gilt Sylvia. Sie hat sich zurückgezogen. Nur noch Captain Miller steht etwas hilflos da und scheint zu überlegen, was die Szene für seine Autorität bedeutet. Seine Augen schweifen durch den Raum und fixieren mich.

9.

„Ich muss mit Ihnen reden!“

Wenig später sitzen wir in seinem Kommandantenzimmer. Es unterscheidet sich in keinem Deut von meinem. Nur der etwas größere Bildschirm und einige Schalter weisen auf Millers Status hin.

„Ich weiß, dass sie mich verachten und für einen ziemlichen Idioten halten,“ beginnt er„und in der Tat kann ich intellektuell weder den Wasserköpfen das Wasser reichen noch Ihnen, geschweige denn diesem Monster aus Arsch, Titten und Hirn.“

In der Stimme schwingen jetzt Bewunderung und Verachtung gleichzeitig. Miller steht mitten im Raum, die Hände auf den Rücken. Wie ein großer Feldherr, der einen Schlachtplan ausheckt wandert er schwadronierend auf und ab.

„Darum geht es auch nicht! Es ist nicht meine Aufgabe mehr zu denken als unbedingt erforderlich. Ich muss diese Mission sicher zu Ende führen. Ich muss handeln, schnell handeln. Wer da zu viel denkt ist auf meinem Stuhl fehl am Platz!“

Er bleibt kurz stehen und blickt mich bedeutungsvoll an. Ich signalisiere, dass ich bisher alles verstanden habe und mich jetzt nicht durch eine blöde Bemerkung ins Abseits schießen werde. Zufrieden schreitet er weiter

„Sie wissen, dass das hier fast eine militärische Operation ist. Wir haben zwar keine Waffen dabei, aber die Mission findet mit der Unterstützung der Militärs statt. Was heißt, das wir“er deutet auf seine Brust „hier das Sagen haben. Das Gelingen einer militärischen Operation, das Wohl und Wehe jeden Feldzugs…“

Hier unterbreche ich, sonst ist mein Abend verdorben:

„Captain Miller, was wollen Sie mir sagen?“

„Ja ich weiß ihr Zivilisten habt kein Ohr für militärische Wert. Gut“ räuspert er sich.

„Es geht um Folgendes. Ich habe das Gefühl, dass der Grundkonsens unserer Mission gefährdet ist. Ja, ich glaube, dass unsere Hierarchie am Bröckeln ist. Mir als Vordersten darf ein solcher Zustand nicht egal sein. Deswegen wende ich mich an Sie. Auch wenn Sie ein Zivilist sind, so erscheinen Sie mir doch ausreichend Vernunft begabt. Was ich von Ihnen will, ist, Sie um Unterstützung bitten. Ben dieser Eier gesteuerte Kretin wird jedem Rock hinterher dackeln. Auf den kann ich nicht setzen. Die Zweitcrew ist zwar ausgewählt und sicher fachlich exzellent. Aber die eine ist Russin und die andere Italienerin. Haben Sie sich mal mit Geschichte beschäftigt. Bestimmt! Gehört doch zu Ihrem Job. Dann wird Ihnen sicher nicht entgangen sein, dass die Russen und die Italiener im Grunde ihres Herzens Kommunisten sind. Bolschewicki!“

Miller Gesicht bekommt immer mehr Farbe. Ein dünner Speichelfilm sucht den Weg aus seinem Mund nach draußen. Ich habe die Schnauze voll, doch so leicht macht es mir Miller nicht:

„Die sind doch bloß Kapitalisten geworden, um uns dann noch tiefer in die Scheiße reinzureiten. Wenn die es erstmal Schaffen unsere Mission zu ihrem Nutzen auszubeuten, dann Gnade uns Gott.“

Er lässt mir keine Chance. Ich nicke ihm anerkennend zu, bedanke mich für die Information und drücke mich an seinem heißen Atem vorbei auf den Gang. Kein Wunder, dass der Arme vollkommen überspannt ist. Noch nie war jemand so weit weg von daheim. Er will seinen Job gut machen und dreht eben ein bisschen durch. Bei so viel Druck, spinnt man schon mal. Kein Thema. Es soll nicht lange dauern, da werde ich mich über meine Sorglosigkeit wundern. Doch jetzt will ich erst mal Sylvia finden.

10.

Sylvia sitzt an ihrem Rechner. Was sie da genau macht, hab ich nie kapiert. Sie starrt Buchstabenreihen an, markiert sie und schiebt sie hin und her. Soweit ist klar. Aber wozu das Ganze? Hab sie nie gefragt. Finde es bescheuert, über den Job zu reden. Schließlich gibt es ja noch anderes. Als ich sie so konzentriert  arbeiten sehe, bereue ich meine fehlende Neugier. Sie ist in ihre Arbeit vertieft. Die Außenwelt spielt keine Rolle. Das  merke ich, weil sie sich mich nicht bemerkt, obwohl ich jetzt nur wenige Zentimeter neben ihr stehe. Ich ärgere mich darüber, dass ich so leise an sie ran getreten bin. Jetzt wirkt es so als hätte ich mich angeschlichen. Dabei wollte ich sie nur nicht stören. Verrat mir mal einer, wie da wieder rauskommen. Räuspern? Sie laut ansprechen? Zurück gehen und noch mal zu ihr gehen?

„Glotz nicht so blöd auf den Bildschirm, Al!“

Sylvia hat für alles eine Lösung! Ich könnte sie umarmen. Stattdessen glotz ich sie an,

„Das sind die Signale, die wir seit 3 Wochen empfangen,“ klärt sie mich auf. „ich kann machen was ich will. Ich krieg es nicht raus. Dabei weiß ich, dass da eine Regelmäßigkeit drin ist. Ein Code! Eine Sprache. Sobald ich den Schirm anschalte erkenne ich es. Ich fang an systematisch vorzugehen und alles verschwindet. Ich sitze Stunde um Stunde davor. Doch der erste Eindruck kehrt nicht zurück. Nur irgendwelche Buchstaben oder Zahlen. Ich hab beides versucht. Dann dreh ich den Rücken, mach etwas anderes. Entferne mich. Setze sozusagen meine Kryptografie auf Null und sobald ich den Monitor betrachte, ist das Muster klar vor meinen Augen. So geht es jetzt seit drei Wochen und ich bin kein bisschen weiter gekommen. Jetzt das da draußen. Es muss da einen Zusammenhang geben.“

 „Heißt das, dass du keine Dolmetscherin bist?“

„Doch, auch! Aber ich bin auch gleichzeitig Kryptografin. War mein Hobby. Bisher. Jetzt ist es meine Mitflugberechtigung.“

„Warum weiß ich nichts davon?“

„Geht dich anscheinend nichts an.“

Sie grinst.

„Ist aber egal. Außerdem hast du nie gefragt. Dabei sagte man mir du seiest Journalist.“

„So ungefähr, aber ich kann Fragen nicht leiden,“ platzt es mir raus.

„Zumindest, wenn sie mir gestellt werden.“

Natürlich bereue ich das sofort, denn Sylvia dürfte mich schon fragen. Sie würde schon keine blöden Fragen stellen. Denke ich mal.

„Na so interessant bist du nu wieder auch nicht,“

schnippt sie zurück. Das sitzt. Auch wenn ich weiß, dass Sylvia schnell frech wird.

„Ok! Friede ja? Warum fragst du nicht die durch geknallte Miss Germany?“

„Bloß nicht. Die bringt es fertig und entschlüsselt das ganze in Nullkommanix. Das wäre nicht gut für mein Ego. Nee, das muss ich alleine regeln. – Außerdem trau ich ihr nicht.

Ich weiß, was sie meint. Normalerweise würde ich ja denken, typisch Frauen. Die müssen sich halt beharken, wo´s nur geht. Aber bei der Deutschen funktionieren klassische Verhaltensmuster nicht. Die ist wie ein Wesen aus einem anderen Stern. Manchmal denke ich, sie ist so was wie ein Cyborg oder Roboter. Wie aus Alien 1. Doch dafür ist unsere Technik nun wirklich nicht weit genug. Außerdem umgibt sie eine merkwürdige Art von Aura. Als sei sie nicht anwesend. Wenn sie dich anschaut, dann  blickt sie einfach in dich hinein und durch. So als seiest du ein Insekt oder so was.

„Manchmal denke ich sie existiert gar nicht,“ fährt Sylvia fort.

„Klar sie ist sicher nur ein Hologramm,“ antworte ich „dass uns die Auftraggeber mitgeschickt haben“ ich grinse sie an.

Ein bisschen stolz bin ich schon auf diese Idee; schließlich musst du da erst mal drauf kommen. Währen ich also vor mich hingrinse, zeigt Sylvia wieder mal, dass sie mir weit überlegen ist:

„Hologramm, ja das habe ich auch schon gedacht. Nur glaub ich nicht, dass sie irgendjemand geschickt hat.“

 

11.

„Stimmt! Ich bin aus freien Stücken hier! Sie doch wohl auch?“

Ein heißer Pfeil trifft mein Herz – keine Angst, ist bildlich gemeint. Es ist blöd, erwischt zu werden und ich weiß nicht, wie lange Miss Hirn schon neben uns steht.

„Schau mal!“ versucht Sylvia die Situation zu retten und zeigt auf die Buchstabenkolonnen.

„Kannst du etwas damit anfangen?“

Die Deutsche beugt sich keinen Millimeter vor. Stattdessen verengen sich ihre Augen kaum merklich.

„Es ist ein Code, das ist klar! Doch kann ich mich damit nicht beschäftigen. Deswegen bist du an Bord.

Sie wartet erst gar nicht auf eine Antwort, sondern verschwindet so lautlos wie sie eingetreten ist.

„Shit! Ob sie was mitbekommen hat?“

 „Keine Ahnung! Und wenn, was macht das für einen Unterschied?“

Sylvia hat Recht. Tausendschönchen ist zwar durchgeknallt, aber nicht blöd. Sie weiß sicher, dass die ganze Bande hinter ihrem Rücken lästert.

„Sie müssen aufpassen!“

Der Inder gibt sich sein Stelldichein. Behutsam schiebt er sein Bäuchlein an mir vorbei und rollt mit den Augen. Ich kann das Weiße sehen. Nicht sehr appetitlich. Das macht er immer. Ohne dass es eine Zusammenhang zu den äußeren Umständen gibt, noch zu seinem Gemütszustand. Ich vermute, dass es eine Art Uhr ist. Kann das aber nicht belegen.

„Wissen Sie eigentlich, welchen Einfluss unser Genie hat?

Wir schauen ihn an.

„Um ehrlich zu sein, ich auch nicht. Ich weiß nur, dass ich nicht bei dieser Mission dabei wäre, wenn sie es nicht gewünscht hätte. Es stimmt sicher, dass ich ein exzellenter Astrophysiker bin. Ohne Frage einer der Besten weltweit. Doch nur einer der besten. Es gibt einige, die mir das Wasser reichen können. Vielleicht sogar den ein oder anderen, der mir überlegen ist. Da stellt sich doch die Frage, warum gerade ich dabei bin. Ich habe nachgeforscht. Nicht einfach in dieser Szene, in der jeder jeden kennt. Aber bei ihren Qualitäten,“ hier macht er ein lüsternes Gesicht und zeichnet mit dem Mittel- und Zeigefinger seiner rechten Hand eine weibliche Silhouette in die Luft, „ist es nicht schwer zu raten. Das habe ich getan. Und siehe da, es gibt praktisch keinen aus dem Besetzungskomitee, der nicht mit ihr geschlafen hat. Woher ich das weiß? Nun, auch ich habe meine Geheimnisse. Aber ist auch egal. Die Frage nach dem „Warum gerade ich oder Ihr?“ hat das nicht beantwortet. Wir wissen nur, sie setzt ihre Wünsche durch.“

„Darüber habe ich mir auch meine Gedanken gemacht. Ich meine, die Kryptographie ist mein Hobby. Ich bin Übersetzerin. Was mache ich im All? Aber dann hab ich es schnell aufgegeben. Ich meine, wenn dich jemand fragt, willst du auf eine Expedition ins Universum, dann fragst du doch nicht lange warum?“

Das geht an mich. Gut – ich bin von Anfang an dabei. Habe die Schwerkraftmessung  bei Braunschweig besucht und dort auch gefilmt. Dann noch ein paar Fachartikel, ein paar Fotos. Alles in allem ein gutes Geschäft. Konnte mich sogar ein bisschen auf den Lorbeeren ausruhen. Das war ganz gut. Schließlich bin ich noch nicht so lange dabei. Eigentlich bin ich Mediziner. Spezialisiert auf den Tod. Ich arbeitete von Anfang an in der Forensik. Anderen Menschen das Leben retten ist nicht so mein Ding. Da läuft zu viel schief. Sind sie aber Tod, kannst du Mist bauen ohne Ende. Da kräht kein Hahn nach. So begründete ich Freunden gegenüber meine Wahl. Diese nickten  und schwiegen. Wenn ich ehrlich bin, war ich richtig gut in meinem nekrophilen Job. Doch eines Tages ging es nicht mehr. Ich konnte den Geruch des Formalins nicht ertragen. Die kalten Körper. Andere saufen sich in dieser Situation zu Tode. Ich wurde Schreiberling.

„Als ich erfuhr, dass diese Expedition geplant war habe ich mich darum bemüht, Teil zu nehmen. Ich glaub, ich hab fast eine Tonne Papier voll geschrieben. Könnt ihr alles nachlesen!“ rechtfertige ich mich.

Diesmal verdreht Sylvia die Augen. Nicht so kunstvoll wie der Inder. Der verschont mich dagegen. Stattdessen zeigen seine Augen einen mitleidigen Ausdruck. Ich gebe mich geschlagen:

„Ich hab keine Ahnung, warum ich dabei bin. Aber spielt das denn eine Rolle? Sagt mir liebe mal, was wir da draußen gesehen haben. Keine Spiegeleinummer bitte.“

 

12.

Eine Welle von Alkoholdunst schwingt in den Raum.

„Es sind zwei Sterne, keine besonders Großen. Etwa so wie unsere Sonne. Das macht sie so außergewöhnlich, denn eigentlich könnte der vor einigen Monaten gemessene Gravitationssprung nicht von ihnen stammen. Doch alle Messungen deuten genau auf diesen Ort als Ursprung.“

Der schwedische Kampftrinker hat sich zu uns gesellt.

„Benutzen wir die bisherige Physik, so können es also nicht die beiden Sterne da draußen sein. Bleibt also nur dieses Zeug, was sich zwischen ihnen ausbreitet, das Eiweiß um im Bild unseres schweigsamen Kollegen zu bleiben. Doch wenn wir ehrlich sind, dann weiß zur Zeit noch nicht mal unsere kluge Blondine, was hier wirklich vor sich geht. Aber sie ist nah dran und ich bin ihr auf den Fersen.

Er grinst verschlagen und wischt sich den Sabber aus dem Mundwinkel. Der Gedanke ihr ebenbürtig zu sein scheint ihm zu gefallen.

„Warum bist du dabei?“ fragt Sylvia.

„Weil sie es nicht verhindern konnte!“

Svende greift in seine Jackentasche und  nimmt einen kurzen Schluck.

„Anders als ihr bin ich nicht von ihr ausgewählt worden. Ich habe selbst entschieden, an Bord zu sein.“

 „Und was ist mit der Crew?“

„Glaubt ihr wirklich, sie beschäftigt sich mit der Crew. Das ist ihr schnuppe. Die Crew ist die Schale der Nuss. Wir sind die Frucht. Ihr alle habt etwas, was sie braucht und ich habe etwas, was sie fürchtet.“

Langsam glaube ich, der verwachsene Schwede ist ein bisschen größenwahnsinnig oder hat zu tief in seinen Selbstgebrannten geschaut. Doch seine Augen sind klar.

„Wir alle stehen in Verbindung mit einem Ereignis, dass vor etwa zehn Jahren stattfand, ihr werdet das noch früh genug herauskriegen“ orakelt er.

Der Inder ergreift jetzt die Initiative

„Wenn du meinst, du könntest vor ihr erfahren, was hier los ist, dann wird es Zeit, dass wir ein bisschen arbeiten.“

Als die beiden den Raum verlassen haben dreht Sylvia die Lüftung auf Vollgas.

„Was hältst du von der ganzen Sache?“

„Keine Ahnung! Eben war ich bei unserem Captain. Der schwafelt mir was vor von einer Verschwörung der Russen oder was weiß ich wem. Jetzt das hier.“

„Genau darüber wollte ich gleich mit Ben sprechen.“

Mir werden die Knie weich und mein Kopf wird von einem unvorstellbaren Vakuum erfüllt. Vor mir ist die tollste Frau, die ich kenne und sie hat ein Rendezvous mit diesem Frauen verschlingenden Cretin. Diesem durchtrainierten Schönling. Diesem hirnlosen Was-weiß-ich. Mein Hirn ist nur noch leer, mir wird schwarz vor Augen und ich taumele kommentarlos aus dem Raum. Das ist zu viel. Auf meinem Weg durch den Flur stoße ich gegen eine Wand. Es ist der Däne, dessen Blick mir sagt, dass er bereit ist, meinen Kummer zu teilen.

13.

„Weißt du, ich hab Frauen auch nie verstanden!“

Seine Eröffnung lässt mich nicht grade hoffen. Doch was soll´s, er hat zwei große Gläser mit Aquavit gefüllt und mir ist nach Alkohol. Er schaut mich aufmerksam an, schweigt. Offensichtlich wartet er darauf, dass ich mich ausweine.

„Na ja, trotzdem sind sie doch auch menschliche Wesen. Außerdem ist Sylvia nicht blöd. Wieso redet sie dann mit diesem Idioten? Ich meine, außer von dem, was sie ihm bei der Air Force beigebracht haben, hat der doch von nix eine Ahnung.“

Smerg lächelt traurig,

„Ich weiß ihr haltet mich für einen verschrobenen Idioten, der zwar von Astronomie was versteht, der aber ansonsten vollkommen verblödet ist. Doch ich hab Augen, Ohren und kann kochen.“

Jetzt lacht er kurz und nimmt einen Schluck aus seinem Glas. Nein blöd ist er nicht.

„Was ich sehe und wahrnehme ist ganz einfach, dass sich die beiden irgendwoher kennen!“

Ich starre ihn an.

„Das kann ja wohl kaum sein. Ich kenne zwar beide erst, seitdem wir uns im Trainingszentrum getroffen haben, aber aus ihren Akten geht hervor, dass es keinen Ort gibt, an dem beide gemeinsam gewesen sein könnten.“

„Nein du verstehst mich nicht! Es geht nicht um ihre jetzige Existenz. Glaubst du an Wiedergeburt?“

„Keine Ahnung. Wenn es so was gibt, würde es mich nicht stören, denke ich.“ 

„Ich weiß auch nicht, ob es so was gibt, aber wenn, dann würde das diese Verbindung zwischen Sylvia und unserem Copiloten erklären.“

Ich versuche dem Gedanken des Dänen zu folgen, doch es fällt mir schwer damit etwas anzufangen. Smerg sieht das wohl ein, denn er wechselt das Thema:

„Hat dir unser schwedischer Kollege etwas über seine Sicht der Dinge erzählt?“

„Na ja er sagte, dass sie uns braucht und ihn fürchtet.“

„Kann schon sein. Weiß zwar nicht, wofür sie uns braucht, aber ihn würde ich auch fürchten.“

„Svende?“

Ich bin ein bisschen baff. Was sollte an dem verwachsenen Kampftrinker gefährlich sein? Gut er hat seinen Selbstgebrannten, aber den trinkt er meist selbst.

„Mann, ich glaube der hat zuviel von seinem Zeug getrunken.“

„Selbst wenn Svende seine ganzen Vorräte binnen einer Stunde leeren würde, wäre er nüchterner als du oder ich. Soll ich dir mal ein bisschen was über unseren schwedischen Kampftrinker erzählen? Ich hol ein bisschen aus, aber keine Angst. Anders als bei den Spiegeleiern werde ich mich kurz fassen. Muss trotzdem ein bisschen ausholen, Als ich neun war, schickten mich meine Eltern zu einem Mathematikwettbewerb. Ich war schon als  Dreijähriger aufgefallen, weil ich zwar nur undeutlich reden konnte, dafür aber das mathematische Verständnis eines Abiturienten hatte. Ich war so was wie ein Wunderkind. Mit neun also dieser Wettbewerb. Ich hatte mich riesig darauf gefreut, denn es gab nichts, was mich sonst reizte. Klar ich bin musikalisch und hätte sicher als Virtuose Karriere machen können. – Schau nicht so angewidert, das ist keine Angeberei.“

Smergs riesige Hand greift nach dem Aquavit.

Dummerweise bin ich gewachsen wie ein Hefezopf im Ofen. Violine, Violincello, Bratsche… All diese wunderbaren Instrumente zerrannen in meinen Pranken.“

Klar, an dieser Stelle muss er die Hände in die Höhe heben. Stellt sich so zwischendurch die Frage, wer wollte sich eigentlich ausheulen?

„Du kommst auch noch dran. Es geht um Svende. Also zurück zum Wettbewerb. Es ging grob darum, verschiedene mathematische Aufgaben zu lösen. Und ich schaffte sie alle. Mit Bravour! Es war sensationell. Meine Eltern freuten sich, die Jury freute sich – in diesem Jahr waren lauter Dänen dabei – ich hatte die besten Ergebnisse seit Beginn des Wettbewerbs. Dann kam dieser kleine Schwede. Er war genauso alt wie ich. Seine Familie begleitete ihn. Lauter Hinterwäldler. Grob, bärtig, ungewaschen. Sie stanken nach Alkohol und alter Wäsche. Wie aus einem Monthy Pyton Film – nur echt. Ich erinnere mich noch, wie ich gluckste vor Lachen, als diese Schiessbudenfiguren das Feld betraten. Danach hat mich der kleine Svende nass gemacht. Zwischen uns sind Welten. Es ist so, als ob der FC Barcelona auf eine Thekenelf trifft. Ich war fertig mit der Welt. Egal, wie sehr ich mich anstrengen würde, ich würde immer die Nummer zwei bleiben.“

„Naja, ist ja auch nicht so schlecht. Immerhin kannst du Spiegeleier kochen!“

versuchte ich zu trösten.

„Du hast Recht! Aber es dauerte Jahre, bis ich das Rezept im Griff hatte. Mittlerweile bin ich tatsächlich der Ansicht, dass ein gelungenes Rührei ebenso wertvoll ist wie eine gelöste Formel. Nee, ich hab meinen Frieden geschlossen. Lass mich noch Svendes Geschichte zu Ende erzählen. Mit 16 hatte er mehrere Professuren an der Uni Kopenhagen und Gastprofessuren rund um die Welt, wie er all das geregelt bekam, ist mir ein Rätsel. Naja, so wie er drauf war, brauchte er natürlich nichts vorzubereiten. Er stellte sich einfach hin und löste Gleichungen, dozierte und trank Unmengen vom familiären Selbstgebrannten. Am Ende hat es ihn dann wohl zerrissen. Schließlich brachte er es nicht zustande, irgendetwas Großes zu formulieren. Er war zu einem Clown der Wissenschaft geworden, als er plötzlich von der Bildfläche verschwand. Ich hab dann nie wieder von ihm gehört. Bis kurz nach diesen seltsamen Ereignissen vor gut sechs Jahren.“

Ja ich erinnere mich. Damals lag eine steile Karriere in der Reykjaviker Forensik vor mir. Es war eigentlich ein Tag wie jeder andere, als plötzlich massenhaft Leichen in meinen Untersuchungsraum gekarrt wurden.

14.

So liebe Leserin, jetzt kommt bald ein kleiner Einschub, der geeignet sein könnte, einige der handelnden Personen ein bisschen besser zu verstehen. Anders als in der bisherigen Schilderung greife ich hier jedoch nicht ausschließlich auf meine eigenen Erlebnisse zurück. Die Zeit und mein späterer Beruf als Journalist gaben mir die Gelegenheit, die Ereignisse an jenem Tag in Bruchstücken zu rekonstruieren. Schon damals ahnte ich, dass das Notierte nur als Teil eines größeren Ganzen funktionieren würde, doch was sollte dies sein. Ich wusste es nicht und auch heute, während ich diese Zeilen schreibe bin ich mir unsicher. Nur eines scheint klar, so weit weg von daheim dämmert mir benebelt vom Aquavit des Dänen, dass vieles von damals und heute zusammengehören muss. Es wäre also gemein, das alles für sich zu behalten. Muss nur noch auf der Festplatte meines Laptops suchen. Ein klein wenig Geduld also. Ist nicht so leicht, wenn man belämmert ist. Da ist sie schon! Der große Däne beginnt zu lesen:

Über dieebene

tv-autor, journalist, filmemacher
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter xlog abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.