Die Ebene: 9

„Ich muss mit Ihnen reden!“

Wenig später sitzen wir in seinem Kommandantenzimmer. Es unterscheidet sich in keinem Deut von meinem. Nur der etwas größere Bildschirm und einige Schalter weisen auf Millers Status hin.

„Ich weiß, dass sie mich verachten und für einen ziemlichen Idioten halten,“ beginnt er„und in der Tat kann ich intellektuell weder den Wasserköpfen das Wasser reichen noch Ihnen, geschweige denn diesem Monster aus Arsch, Titten und Hirn.“

In der Stimme schwingen jetzt Bewunderung und Verachtung gleichzeitig. Miller steht mitten im Raum, die Hände auf den Rücken. Wie ein großer Feldherr, der einen Schlachtplan ausheckt wandert er schwadronierend auf und ab.

„Darum geht es auch nicht! Es ist nicht meine Aufgabe mehr zu denken als unbedingt erforderlich. Ich muss diese Mission sicher zu Ende führen. Ich muss handeln, schnell handeln. Wer da zu viel denkt ist auf meinem Stuhl fehl am Platz!“

Er bleibt kurz stehen und blickt mich bedeutungsvoll an. Ich signalisiere, dass ich bisher alles verstanden habe und mich jetzt nicht durch eine blöde Bemerkung ins Abseits schießen werde. Zufrieden schreitet er weiter

„Sie wissen, dass das hier fast eine militärische Operation ist. Wir haben zwar keine Waffen dabei, aber die Mission findet mit der Unterstützung der Militärs statt. Was heißt, das wir“er deutet auf seine Brust „hier das Sagen haben. Das Gelingen einer militärischen Operation, das Wohl und Wehe jeden Feldzugs…“

Hier unterbreche ich, sonst ist mein Abend verdorben:

„Captain Miller, was wollen Sie mir sagen?“

„Ja ich weiß ihr Zivilisten habt kein Ohr für militärische Wert. Gut“ räuspert er sich.

„Es geht um Folgendes. Ich habe das Gefühl, dass der Grundkonsens unserer Mission gefährdet ist. Ja, ich glaube, dass unsere Hierarchie am Bröckeln ist. Mir als Vordersten darf ein solcher Zustand nicht egal sein. Deswegen wende ich mich an Sie. Auch wenn Sie ein Zivilist sind, so erscheinen Sie mir doch ausreichend Vernunft begabt. Was ich von Ihnen will, ist, Sie um Unterstützung bitten. Ben dieser Eier gesteuerte Kretin wird jedem Rock hinterher dackeln. Auf den kann ich nicht setzen. Die Zweitcrew ist zwar ausgewählt und sicher fachlich exzellent. Aber die eine ist Russin und die andere Italienerin. Haben Sie sich mal mit Geschichte beschäftigt. Bestimmt! Gehört doch zu Ihrem Job. Dann wird Ihnen sicher nicht entgangen sein, dass die Russen und die Italiener im Grunde ihres Herzens Kommunisten sind. Bolschewicki!“

Miller Gesicht bekommt immer mehr Farbe. Ein dünner Speichelfilm sucht den Weg aus seinem Mund nach draußen. Ich habe die Schnauze voll, doch so leicht macht es mir Miller nicht:

„Die sind doch bloß Kapitalisten geworden, um uns dann noch tiefer in die Scheiße reinzureiten. Wenn die es erstmal Schaffen unsere Mission zu ihrem Nutzen auszubeuten, dann Gnade uns Gott.“

Er lässt mir keine Chance. Ich nicke ihm anerkennend zu, bedanke mich für die Information und drücke mich an seinem heißen Atem vorbei auf den Gang. Kein Wunder, dass der Arme vollkommen überspannt ist. Noch nie war jemand so weit weg von daheim. Er will seinen Job gut machen und dreht eben ein bisschen durch. Bei so viel Druck, spinnt man schon mal. Kein Thema. Es soll nicht lange dauern, da werde ich mich über meine Sorglosigkeit wundern. Doch jetzt will ich erst mal Sylvia finden.

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