Die Ebene 41


Eine Hand rüttelt an meiner Schulter. Ich habe nicht richtig geschlafen, doch ich schrecke zusammen. Es ist Tausendschönchen. Ein Blick auf die Stereoanlage zeigt mir, dass Musik laufen muss. Erst jetzt nehme ich sie wahr und schalte sie aus.

„Hei! Was gibt’s?“ 

„Erzähl ich dir, wenn du richtig wach bist.“

Es hat keinen Zweck, irgendwas vorzubringen, Stattdessen gehe ich ans Waschbecken und klatsche mir kaltes Wasser ins Gesicht. Mir fällt auf, dass ich nackt bin. Möglichst elegant werfe ich mir das nächste Handtuch um, das ich greifen kann. Dann stelle ich die Kaffeemaschine an und warte auf zwei Espresso. Die Deutsche ist wieder in Zivil. Wie gehabt sieht sie hinreißend aus. Ist mir egal, versuch ich mir einzureden. Stattdessen merke ich, dass ich sie anstarre. Sie auch.

„Na komm! Das war große Klasse heut. Gut, dass du dabei bist.“

Irgendwas stimmt nicht, an der Art, wie sie das alles sagt. Es sind die Worte und Sätze, die man in so einer Situation redet. Ja, aber ich habe nicht das Gefühl, als käme es aus ihr. Sie scheint mein Unbehagen nicht zu bemerken und plappert munter weiter.

„Meinst du er wird durchkommen?“

Verdammter Mist! Jetzt schaut sie mir auch noch tief in die Augen. Mit Wimpernaufschlag, Kuhaugen und all diesem „ich bin besorgt“-Scheiß. Wie eine abgehalfterte Politmoderatorin aus dem Fernsehen. Was kommt noch alles? Ich erfahre es, während ich dabei bin, eine passende Antwort zu finden. Soll ich sagen, dass sei mir egal, dass wisse ich nicht oder ja, ja, sicher!? Die geneigte Leserin kann ruhig was ankreuzen, ich komme nicht dazu was zu sagen. Denn das Superhirn schiebt ihren sagenhaften Körper immer näher an mich ran und mir wird bewusst, dass ich nur ein Handtuch zur Verteidigung habe.

„Hei komm, was ich in der Küche gesagt habe, war doch nur, um dich zu provozieren. Du weißt genau, dass ich dir näher stehe als irgendwem sonst hier.“

Ihre Hand berührt meine Wange. Ich bin nicht bescheuert. Mir ist klar, dass die Deutsche hier eine ziemliche Schmierenkomödie abzieht. Ich denke noch über mögliche Abwehrhandlungen nach. Schaffe es sogar, den Kopf etwas von ihrer Streichelhand zu entfernen und auch einen Schritt zurückzugehen. Denke mal, ich bin so auf gut zwölf Zentimeter Raumgewinn gekommen, als ich feststellen muss, dass ich ein recht schwacher Mensch bin. Sie rammt mir ihre Zunge in den Hals und ich verliere das Handtuch. Später sind all meine klugen Beobachtungen und Zweifel unter einer großen Schicht Hormone vergraben.

„Komm mit!“

Sie steht im Bruchteil einer Sekunde auf. Ich schaffe nur einen kurzen Blick auf ihren Körper; dann ist sie angezogen. Ich folge ihr.

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Die Ebene 40


Ich träume. Zwei Kinder laufen um die Wette. Ein Junge und ein Mädchen. Sie werden verfolgt. Der Junge fällt immer wieder hin, kann sich aufrappeln, aber seine Beine sind machtlos. Sie laufen ins leere. Er fällt wieder. ich rufe ihm zu: Beweg dich! Lauf! Doch der Bengel kommt gar nicht richtig hoch. Es ist, als wolle er im Liegen laufen. Je mehr ich ihn ansporne, umso mehr wird mir bewusst, dass ich der Junge bin. Verdammte Scheiße, kann ich nicht mal was Originelles träumen. Was mit Drachen oder wenigstens ein paar Robotern. Ich öffne ein Auge. All zu lange hab anscheinend nicht geschlafen. Sylvia schaut mich immer noch traurig an. War wohl bloß ne Sekunde oder so. ich rappel mich hoch:

„Scheiße!“ , versuche die Situation zu erfassen.

Die Anzeige so tot wie das Bett einer Nonne. Der Raum ist erstaunlich voll. Wusste gar nicht, dass wir Platzkarten vergeben haben. Was war der Fehler? Bens Kopf steht immer noch erstaunlich grade auf den Schultern. Kann das Arschloch nicht wenigstens im Tod aufhören mich zu verarschen. Ben wird wissen, dass das nicht gegen ihn gemünzt ist. Wir hatten es in den letzten Stunden geschaffte, eine erstaunlich weite Ebene zwischen uns zu spannen.  Getragen von Kraftausdrücken und Beleidigungen haben wir uns schätzen gelernt, weil wir beide wussten, dass wir uns ähnlicher sind, als wir je zugeben werden. Ich hab zum Beispiel die gleich Nasenhaarfarbe wie er und Bens Ohren sind meinen recht ähnlich: Es sind auch zwei.

„Doc!“

Mir ist klar, dass ich momentan besser die Finger von allen lassen sollte, mit dem sich Schaden anrichten lässt.

„Doc!“

Muss unbedingt mal den Beipackzettel dieser tollen Droge aus dem Notfallkoffer lesen. Das Zeug scheint noch für was anderes gut zu sein.

„Doc!“

Das ist Bens Stimme. Ich drehe mich in seine Richtung. Er scheint mir zuzuzwinkern. Kopf rum, auf die Anzeigen geschaut: Nix! Kopf zurück. Ben grinst

„Hei Doc, alles klar?“

Was soll das? Halluzinationen? Gut, jetzt lassen wir´s mal gut sein. Könnte natürlich noch ein paar Zeilen den Ahnungslosen spielen. Aber, um ehrlich zu sein, jede Leserin, die es bis hierhin geschafft hat, wird dieses Spielchen ziemlich affig finden. Deshalb mach ich’s lieber kurz. Ben hat die Operation fürs erste überlebt. Die Nummer mit dem Defibrilator hat wohl geholfen. Dabei sind aber nicht nur die Haare an seinen Schläfen durchgeschmort, sondern auch die Messelektroden. Deswegen gab es keine Anzeige auf dem Display. Das ganze hin und her, ab dem Moment, wo ich mich auf die Schnauze gelegt hab, hat ca. 20 Sekunden gedauert. Niemand hat meinen Zustand bemerkt, außer Sylvia vielleicht. Es hat übrigens niemand applaudiert. Wir haben einfach weitergemacht und Ben am Ende der Reparaturmessung aus der Iris befreit. Er hat sogar ein bisschen Glück gehabt. Ein Arm blieb ihm erhalten. Er ist sich noch nicht so ganz einig, ob ihm das gefällt. Sein Zustand ist stabil. Ich liege im Bett und hoffe dass das erst mal so bleibt.

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Die Ebene 39


Während Ben mir also dieses wirre Zeug erzählt, haben Sylvie und Smerg die gesamte Apparatur um mich aufgebaut. Ich gebe Ben Bescheid, dass er mal kurz die Klappe halten muss. Wir müssen ihn jetzt umstöpseln, da kann ich sein Geplapper nicht gebrauchen. Sylvia beugt sich zu ihm. Sie ist sichtlich mitgenommen; wahrscheinlich würde sie am liebsten laut schreien und heulen, doch sie hält sich tapfer. Was sie reden, will ich nicht hören. Es ist auch zu leise, stattdessen höre ich Smergs Stimme:

„Wann willst du die Verbindungen tauschen?“

„Am liebsten sofort,“ antworte ich.

„Wir sollten aber vorher den Ablauf ein oder zweimal durchspielen. Es dauert was und wenn wir nicht wollen, dass Ben noch blöder wird, dann ist es gut, wenn es schnell geht.“

Sylvia hat das gehört und wirft mir einen giftigen Blick zu.

„Kannst du nicht einmal deine blöden Witze lassen?

Sie hat Recht, doch hier bin ich Chef und ich habe keine Lust mir den Spaß nehmen zu lassen.

„Komm bitte kurz hoch und hör genau zu. Wir spielen die Handgriffe jetzt zweimal durch. Du musst dabei die Zeit stoppen. Maria wird mir die Anschlüsse der stationären Überlebenskiste rüberreichen. Smerg, du nimmst die abgestöpselten Anschlüsse und hältst sie aus dem Weg. Aber nicht so weit, dass wir zur Not nicht zurückkönnen.“

Die drei nehmen die ihnen am besten erscheinenden Positionen ein. Ich bin ganz nah bei Ben.

„Sag mal Doc, du gibst doch dein bestes oder?“

Zum ersten Mal schaut er nicht mehr so Gott verdammt souverän. Ich meine, auch ein bisschen kalten Schweiß zu riechen. Mir düsen jede Menge aufmunternder Formulierungen durch den Kopf – Kopf hoch! – hei ich mach das! – Klar geb ich mein bestes! – Wenn nicht jetzt wann dann! – eine bescheuerter als die andere. Deshalb höre ich mich nur

„Halt die Fresse!“ sagen.

Sylvias Augen durchbohren mich, wie die Laser Bens Körper. Ich bin immun, denn ich bin Chef und da darf ich nicht schwächeln.

„Alles klar Doc,“ Ben hat mich verstanden: „kannst du trotzdem mal ein bisschen was an der Betäubungsschraube drehen. Ich bekomm langsam so ein Kribbeln in den Beinen.“

Kann eigentlich nicht sein. Ein Blick auf den Monitor zeigt mir, dass Bens Beine nicht mehr existieren. Die Schmerzen müssten aus seinem Unterleib kommen.

„Ben, diesmal ist es kein Spaß. Erstens: Schmerzmittel sind grade jetzt nicht angesagt und zweitens ist dein Pimmel gleich Rauch!“

Ich muss aufpassen, dass Sylvia mir nicht meinen rausreißt. Sie hat keinen Spaß an meinem Geschwätz.

„Er wollte es unbedingt wissen!“ versuche ich die Situation zu deeskalieren und bevor sie mir zeigen kann, dass das nicht funktioniert, gebe ich die Kommandos für den ersten Probelauf. Wir brauchen gut 20 Sekunden. Wenn da jetzt noch ein bisschen rumfummeln am Enervator dazu kommt, dann ist Bens Kopf gut 30 Sekunden vom Körper isoliert. Das ist zu lange. Wir wechseln ein bisschen die Positionen. So ist es besser: 15 Sekunden. Langt aber bei weitem nicht. Ich lasse wiederholen: 13 Sekunden. So bringt das nix. Mein Team ist so lahm wie eine Schnecke auf dem Wüstenboden.

“Sorry, hab nicht dran gedacht! Nehmt euch bitte was von dem Zeug!“

Ich halte ihnen die Superdroge aus dem Notfallkoffer hin. Ben ist mittlerweile leichenblass.

„Doc, jetzt tut es langsam richtig weh!“

Statt einer Antwort schau ich auf den Monitor. Meine Finger gleiten über die Tastatur. Bei allem achte ich darauf, dass Ben es mitkriegt. Er soll wissen, dass ich mich um ihn kümmere, das hilft.

Es ist ein bisschen was drin. Sollte deine Situation etwas verbessern. Aber erwarte kein Wunder.“

Ich tu so, als ob ich an einem der Regler drehe. Gleichzeitig wandert auf dem Monitor für Ben sichtbar die Anzeige hoch. Nichts ist leichter reinzulegen als Schmerz.

„Wir haben noch fünf Minuten, dann werden die Chancen immer schlechter, dass wir Ben an die große Kiste dran bekommen. Also los!“

Wir schaffen es diesmal in nur 8 Sekunden. Nach drei weiteren Durchläufen sind es fünf. Wir müssen es riskieren. Mir fällt ein, dass ich das Öffnen des Bajonettverschlusses noch üben sollte. Die anderen schauen mich entgeistert an. Hilft nix, muss sein. Nach drei Testversuchen, bin ich sicher, dass die Wechsel  nicht allzu lange dauern werden. Es sind nur drei Anschlüsse. Ich nagele Ben die Spritze mit dem Gemisch aus Adrenalin und Codein und was weiß ich in die Halsarterie. Er starrt mich an. Ich habe keinen Blick für ihn, doch das ist nicht nötig. Sylvia streicht ihm kurz über die Wange, dann geht es los. Ich packe die beiden Kreislaufverbindungen, drehe kurz und halte die gelösten Enden Smerg hin. Sofort hab ich die gleichen Anschlüsse in der Hand und schraube sie an Bens Hals. Es ist eine ziemliche Sauerei. Damit habe ich nicht gerechnet. Wir verlieren vielleicht eine halbe Sekunde, bis ich mir selbst und den anderen klar gemacht hab, dass es egal ist, wenn hier Blut rumspritzt. Auf den Umschluss hat das keinen Einfluss! Schreie, blicke, denke ich. Die Kreislaufverbindungen sind fest. Meine Hand greift den etwas Bananen großen Zylinder des Enervators, der in Bens Hals steckt. Vom Blut ist alles glitschig. Diesmal habe ich damit gerechnet. Diese Gott verdammte Droge ist der Hammer. Smerg reißt mir den Anschluss aus der Hand. Maria drückt mir den neuen in die Hand. Ich ramme das Teil in den Rest des Zylinders, der noch in Bens Halswirbelsäule steckt. Mit einem kurzen Sprung, der Maria umschmeißt bin, ich am Terminal und schau auf die Anzeigen. Mehr kann ich nicht machen. Sylvia starrt mich an. Maria rappelt sich auf. Smerg ist der einzige, der nicht mit sich selbst beschäftigt ist. Er steht neben der ambulanten Lebenserhaltungskiste und wartet auf seinen Einsatz. Ein Blick auf die Anzeigen sagt mir, dass das nicht nötig sein wird, Bens Hirn hat den Geist aufgegeben. Ich schließe die Augen. Wo war der Fehler? Das Blut? Es hat nicht so viel Zeit gekostet. Oder doch? Wie ein Roboter marschiere ich auf Smerg und die ambulante Kiste los. Beiseite stoßen kann ich ihn nicht. Brauch ich auch nicht. Er gibt mir den Defribilator. Warum nicht? Vielleicht hilfts. Mir fällt nix besseres ein und Smergs Reaktion zeigt mir, dass er den Ansatz für leidlich richtig hält. Ich halte die Elektroden an Bens Schläfe, brülle

„Jetzt!“

Es riecht noch deutlicher nach verkohltem Fleisch und versengten Haaren. Den Anzeigen auf dem Monitor ist das egal. Arschlöcher. Ich starre auf Bens Gesicht. Es ist friedlich. Abgesehen von den verkohlten Schläfen scheint ihm nichts zu fehlen. Sylvia nimmt mir die Elektroden aus der Hand. Sie schaut mich traurig an. Dann falle ich um.

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Die Ebene 38

Sicher wird sich die Leserin jetzt fragen, warum ich mit Ben nicht über seine Recherchen bezüglich unserer Mission rede. Wahrscheinlich wäre das klüger. Schließlich bin ich doch eigentlich auf der Suche nach den Guten und da könnte mir Ben ja wertvolle Tipps geben. Um ehrlich zu sein, ich denke überhaupt nicht an den Sinn unserer Mission. Ist mir vollkommen egal. Spielt keine Rolle. Jetzt geht es nur noch um diesen Typen, der hier langsam verschmort. Deswegen palavern Ben und ich über sein bescheidenes Seelenleben. Deswegen machen wir dumme Witze. Deswegen bin ich jetzt hier. Später werde ich mir nicht sicher sein, ob das nicht eine etwas leichtfertige Herangehensweise an einen langsam verschwindenden Informanten ist.

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Die Ebene 37


Die nächsten Stunden verbringe ich also mit Ben und während ich ihm erkläre, was ich vorhabe, erfahre ich so einiges über ihn. Doch zuerst mal mein Plan. Da es möglich zu sein scheint, seinen Kopf zu retten, muss es doch auch möglich sein, ihm hier einen neuen Körper zu basteln. Dank der 3D-Fräse gibt es wohl keine Grenze, was die Bauteile angeht. Die Pläne für solche Vorhaben liegen vor. Auf der Erde ist so was allerdings undenkbar. Ethische Bedenken usw. haben bisher alle praktischen Anwendungen verhindert. Sicher, es gab den einen oder anderen Versuch; daher auch die Pläne. Doch so richtig umgesetzt hat es niemand, zumindest offiziell. Ist auch egal, auf jeden Fall weiß ich genug über den menschlichen Körper, um es zu wagen. Zur Not bleibt halt ein Ben im Rollwagen. Ben hört mir aufmerksam zu.

„Doc biste etwa ehrgeizig? Hab dich eigentlich für einen netten Looser gehalten.“

Mir fällt nix ein:

„Ach halt einfach die Fresse!“

Dabei will ich das gar nicht. Ben beginnt mich zu interessieren. Ist es, weil er grad von den Lasern zerfressen wird? Oder weil da doch mehr ist, als ein Typ, der mir überlegen scheint?

Ich seufze: „Nee, erzähl mir was! Wenn ich schon an dir rum bastele, möchte ich wenigstens wissen, ob es sich lohnt.“

„Wo soll ich anfangen? Ok, vergiss es, wir tun ganz einfach so, als seien wir allein und du bist der Freund, den ich mir immer gewünscht hab!“

Er lacht. Ich wittere einen Hinterhalt und schau in an. Dann muss ich selber lachen bis mir die Tränen kommen. Kleiner Einschub: Das klingt jetzt so, als ob ich neben Ben sitze und ihm Händchen halte. Ist aber nicht so. Ich lese die Manuals der Maschinerie, die ich um ihn aufbaue, damit ich keine Fehler begehe, gebe Anweisungen, was wohin gestellt werden muss und mache noch eine ganze Menge mehr. Eben alles was getan werden muss, um die provisorische Lebenserhaltungskiste gegen eine vernünftige auszutauschen. Normalerweise wäre ich selbst mit dem Lesen überlastet, doch ich steh unter dem Einfluss einer alles fördernden Droge, die auch im Notfallkoffer zu hause ist. Also weiter zu unserem Gelächter:

„Weißt du, wie sich das anfühlt, wenn du einsam bist?“

Ben schaut mich an. Ich kann ihm nur einen Augenwinkel widmen, also fährt er fort:

„Ich meine nicht allein, ich meine, es sind Leute um dich, Frauen, Männer, intim, nicht intim, ganz egal, du bist einsam. Du merkst es nicht sofort. Es dauert, doch dann stellst du fest, es ist nicht du, der in Gesellschaft ist, es ist deine Fassade. Dann fragst du dich, wer bist du? Du kannst nicht mehr unterscheiden. Was wollen die anderen sehen? Was willst du zeigen?“

Verdammter Mist, da hab ich mir was eingehandelt. Jetzt hab ich nicht nur einen Schönling unterm Messer, sondern auch einen Philosophen mit Selbstzweifeln. Ich kann mich grade noch beherrschen, ein zustimmendes „Kenn ich“ zu brummen.

Stattdessen schau ich Ben nur fragend an.

„Hältst mich jetzt sicher für einen Philosophen mit Selbstzweifeln. Hab ich auch lange Zeit. Hat mich damals die Ehe mit der besten Frau auf der Erde gekostet. Ich wusste nicht, liebt sie mich, oder das was ich vorgebe zu sein. Ab da ging nix mehr. Wir haben uns getrennt. Was will eine Frau mit einem Philosophen?  Die ganzen Geschichten, die so erzählt werden, hab ich selbst in die Welt gesetzt. War nicht schwer, bei dem Ruf den ich hatte. Die Mädels, die ich abgeschleppt habe, sind alle heil nach hause gebracht worden. Die wollten nicht zugeben, dass da nix war und ich auch nicht. So einfach ist das. Alle halten mich für den Beischläfer vom Dienst und ich hab meine Ruhe. Hab auch schon überlegt, ob ich schwul bin. Keine Angst, ist nicht der Fall. Finde Männer einfach nicht attraktiv – nichts gegen dich! Na egal! Auf jeden Fall war mein Ruf recht hilfreich dabei, raus zu finden, wer ich wirklich bin.“

„Soso,“ ist alles was mir einfällt.

„Na hör zu Doc, das Ding ist doch, dass ich gar nicht zu mir selbst finde, wenn ich dauernd die Nummer mit dem dauergeilen Charmeur abziehe.“

„Was nu? Weißte jetzt, wer du bist oder nicht?“

Ich bin selbst erstaunt, dass ich ihm so zusetze. Immerhin kann er jeden Moment das Handtuch werfen und dann hat er noch nicht mal was Nettes im Ohr. Er nimmt´s gelassen:

„Du kapierst nicht. Ich komm natürlich nur zum Nachdenken, wenn ich allein bin. Weit weg von allem. Manchmal hab ich auch Glück. So wie mit Sylvia. Wir verstehen uns. Das ist, als ob wir eine Person sind. Ist der Hammer. Naja bei ihr bin ich auch der Mensch, für den ich mich halte. Ich rede keine Stuss daher. Mach nur ab und zu ein paar dumme Witze, kann zuhören. Bin interessiert an dem was passiert, was sie erzählt. Wenn ich allein bin, versuch ich Ordnung in die Dinge zu bringen, die mich umgeben. Ich lese, höre Nachrichten. All das was ein gebildeter Mensch auch tut. Dann mach ich mir einen Reim draus, versuche vielleicht einen guten Gedanken zu finden, der nicht nur gut für mich, sondern auch gut für andere ist.“

Bens Worte fließen in mein Hirn, versucht der Dödel mir etwa weiß zu machen, dass vollkommen normales Verhalten etwas Besonderes sei?

„Ja es ist nichts Besonderes. Genau das ist der Punkt. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass nichts Besonderes an mir dran ist. Apropos, kannste mal nachschauen, wo die Laser grad rummachen?“

Mittlerweile bin ich soweit, dass ich den gesamten Ablationszylinder inklusive Bens Körper vor mir auf dem Bildschirm hab. Die fünf Laser ziehen weiter ihre idiotischen Messkreise. Immer wieder reduzieren sie dabei Bens Körpergewicht um ein paar Gramm. Auf dem Bildschirm ist das dann als kleines Rauchwölkchen zu sehen. Ist nicht lustig. Auch nicht, dass Ben sich um seinen kleinen Freund erst mal keine Sorgen machen muss. Die Laser sind noch mit seinen Beinen beschäftigt.

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Die Ebene 36


Denke mal, ich muss kurz erklären, was da los ist und warum wir nicht länger über alles gesprochen haben. Erstens: Wir hatten keine Zeit. Zweitens: Habe ich kein Wort von dem verstanden, was mir Svende zur Begründung der misslichen Lage später erzählte. Nur soviel, dass die Laser in mehr oder weniger elliptischen Kreisen den Raum im Ablationszylinder vermessen müssen, um den entscheidenden Einstellwerte des Antrieb neu zu bestimmen. Dieser Vorgang ist äußerst kompliziert und kann nicht angehalten werden. Zumindest nicht mit der Software, die zurzeit verfügbar ist. Ein Update sei sicher irgendwann möglich nur sei es nicht klar, ob das funktionieren würde. Auf jeden Fall sei es ein so außergewöhnlicher Schaden, dass nur ein einziger Messvorgang vorgesehen ist. Ben ist da rein geraten, weil der Messvorgang nicht ferngesteuert werden könne. Er musste alles von Hand starten. Warum er dafür ausgerechnet in den Strahlengang der Laser gehen musste ist ein Rätsel. Aber so wie der Zylinder konstruiert ist, könne es auch gut sein, so Smerg, dass es gar nicht anders ginge. Dabei zeigt er mir eine Skizze auf dem Bildschirm, die verdeutlicht, dass es eigentlich unmöglich ist, nach Einschalten des Messvorgangs wieder den Zylinder zu verlassen. Alles was sich darin befindet wird in die Messung einbezogen. Also auch Bens Körper. Hätte Ben es aus dem Zylinder geschafft, wäre die Messung im Eimer. Damit ihm das nicht gelingt ist oben am Zylinder eine Art Irisblende, die den Raum verschließen soll, sobald das Messprogramm gestartet wurde. Der 1. Offizier war aber schneller, als vorgesehen und gelangte so in die schließende Iris. Die Laser bewegen sich seitdem durch den Raum und treffen ab und an auf den armen Ben. So ist die Situation und wir können sie nicht ändern, wenn wir überleben wollen.

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Die Geschichte eines Kriegers 5: Die Verbündeten meines Volkes I


Nach Kalintas Ende war die Stimmung nur kurze Zeit getrübt. Selbst ich, der ein Auge auf sie geworfen hatte, zog es vor, mich mehr mit dem Aktuellen als mit dem Vergangenen zu beschäftigen. Das hieß immer tiefer in die Berge von Kalun reisen. Jetzt in Begleitung einer Horde wild durcheinander reitender und ständig brüllender Banuten. Mehr noch als ihr Geschrei machte mir der infernalische Gestank, den sie ausströmten Probleme. Etwa alle zwei bis drei Stunden musste ich mich in die Büsche schlagen und übergeben Um weitere tödliche Konflikte und den Geruch zu vermeiden, schlugen wir unsere Nachtlager fast eine Meile voneinander entfernt auf. So gelangten wir nach drei anstrengenden Tagen, in denen die Luft immer dünner und kälter wurde vollständig bei den Vanaren.

Die Vanaren sind bei weitem das arroganteste Volk, das mir je zu Gesicht gekommen ist. Sie sind von feingliedriger jedoch sehr athletischer Gestalt. Meist überragen sie die Umgebenden um mindestens eine Spanne. Ihre Haut ist blass, fast blau und ihre Augen sind nahezu schwarz. Nase und Kinn laufen spitz zu, dabei trägt jeder Vanare eine Miene zur Schau, als sei er alleiniger Herrscher. Keine Ahnung, wie die untereinander zu recht kommen können. Unsere Ankunft wurde mit einem verächtlichen Pfeifen kommentiert. Wir wussten, dass mit diesem Volk nicht zu spaßen ist und vermieden tunlichste jede Provokation. Man wies uns unsere Bettlager zu und beachtete uns nicht weiter. Ein Fest wie bei den Banuten gab es nicht. Als unser Tross am nächsten Morgen loszog übernahmen die Vanaren wie selbstverständlich die Spitze. Mittlerweile waren nicht nur die Gipfel der Berge mit Schnee bedeckt und ich freute mich über die warmen Ziegenfellsocken, die mir meine Mutter vorsorglich eingepackt hatte. Meine Begleiterinnen warfen einen Rock über den anderen, doch hatte ich nicht das Gefühl, als ob es ihnen helfen würde. Ihre riesigen Nasen und Ohren wurden immer röter und röter. Den Vanaren hingegen schien die Kälte nichts anzuhaben. Sie trugen nach wie vor ihre leichten Umhänge unter denen ihre bläuliche Haut durchschimmerte. Als wir den Pass von Aalon erreichten, waren die Vanaren die einzigen, die noch klar denken konnten. Wir anderen, ob Banuten oder wir selbst dämmerten längst in eine Art Kältedelirium dahin. So kann ich mich an den Abstieg ins Tal von Aalon nicht mehr erinnern. Erst als eine aufgeregt Herde pummeliger Zwerge um mich herum tanzte und mir warme Flüssigkeit einträufelte war mir klar: Wir hatten unsere dritten Verbündeten erreicht: Die Aalon.

Die Aalon sind meist von kindhafter und rundlicher Gestalt. Ihre Gesichter gleichen einem Vollmond und ihre Züge sind stets freundlich aus denen himmelblaue Augen lächeln. Reizt man sie aber allzu sehr, laufen sie puterrot an und aus ihren Augen scheinen Feuerblitze zu schlagen. Ihr Mondgesicht verzehrt sich zu einer Fratze und sie beginnen zu krakeelen wie ein alterndes Waschweib, dem die frisch gewaschene Wäsche beschmutzt wurde. Sie stampfen von einem Bein aufs andere bis der Boden sich ihrem Rhythmus anpasst und zu beben beginnt. Mag dies bei einem einzelnen Aalon noch recht lächerliche erscheinen, so muss man einmal erlebt haben, wie ein nur kleines Heer von wenigen hundert Aalon einen Berg zum Einsturz bringt. So wie sie es bei der Schlacht von Gondra taten, als die Situation für uns Kämpfer schon längst aussichtslos war. Die feindlichen Krieger – deren Volksstämme ich jetzt nicht aufzählen möchte, allein um Verwirrung zu vermeiden – hatten uns eingekesselt und waren dabei uns gnadenlos nieder zu metzeln, als die Aalon begannen sich aufzuregen. Zuerst machte das Krakeele aus hunderten Kehlen jeden klaren Gedanken unmöglich. Die Waffen, Schwerter, Streitäxte, Lanzen, Speere hingen hilflos in der Luft, dann erfüllte eine unerklärbare Hitze das Tal von Gondra und während wir alle auf dem Schlachtfeld versuchten unserer Verwirrung Herr zu werden, begann der Boden unter unseren Füßen rhythmisch zu beben. Erst leicht und sacht, so wie bei einem vorbei reitenden Elefanten doch dann wurde die Bodenbewegung immer stärker. Statt unser feindliches Gegenüber mit einem gekonnten Hieb ins Jenseits zu befördern hielten wir uns auf einmal aneinander fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Das Beben wurde jedoch immer stärker und als die gesamte Schlachtengemeinschaft am Boden lag, stürzte der das Tals südlich begrenzende Berghang in sich zusammen und begrub eine Flanke des feindlichen Heeres. Nicht nur dieser Umstand half uns beim Überleben. Denn wir als Verbündete der Aalon wussten wozu sie fähig waren, Unsere Feinde hingegen wurden von den Ereignissen überrascht. So kam es dass diese verwirrt nach unserer helfenden Hand griffen, die wir ihnen in heimtückischer Weise hinhielten, während wir in der anderen schon das Schwert oder was auch immer zum tödlichen Hieb erhoben. Es war ein Grauen erregendes Geräusch, als zugleich tausende Klingen in die Körper unserer Feinde drangen, um dort Kochen und Gedärm zu zermalmen. Hier mag jetzt der ein oder andere sagen, ojoiojoi, das war aber nicht sehr fair. Stimmt, aber so ist das Kriegsgeschäft. Dich ich schweife ab. Eigentlich wollte ich ja unsere Verbündeten, beschreiben. Die Aalon lebten in einem gar wundersamen Tal, wie man es sich grüner und lieblicher nicht vorstellen kann. Wiesen und Wälder waren bunt durchzogen von Blumen, Schmetterlinge, einer schöner als der andere schwebten durch die Luft und erspähte man ein größeres Tier, so lächelte es einen freundlich aus großen Augen an. Die Aalon waren Vegetarier. Wir nicht und so lächelten einige große Augen das letzte Mal. Den Aalon gefiel das zwar nicht, doch sie waren nicht nur grundsätzlich freundliche Menschen sondern auch gute Gastgeber und so ließen sie uns gewähren. Am Abend unserer Ankunft gab es neben dem Grün der Pflanzen noch eine zweite dominierende Farbe in den Wiesen und Wäldern von Aalon.

– Hei du Missgeburt, reich mir Essen und Trinken rüber. Ich habe Hunger und Durst!

Vaduta, ich vergas. Während ich in meinen Vorratssack, nach Dörrfleisch und Trockenbrot krame versuche ich mich zu erinnern, ob sie immer so missmutig war. Als Kind zumindest galt sie trotz ihrer Hässlichkeit als eines der liebreizendsten Wesen unseres Dorfes und jeder der sie kannte freute sich auf ein Wiedersehen. Vadura lächelte jeden an, der ihr begegnete. Dazu kam, dass sie als ausgesprochen klug galt. Wenn ich mich recht entsinne bekam ihre Freundlichkeit erste Risse, als unser Volk beschloss, den Jungs die rechten Arme abzuhacken. Vaduta konnte so ein Handeln sicher nicht verstehen oder gar gut heißen. Immer öfter sah man sie seitdem mit traurigem Gesicht, dass sich mehr aus Gewohnheit aufhellte, wenn man sie ansprach, denn aus wahren Gefühlen. Wie das jedoch so ist bei Kindern achtete niemand auf diese Gemütsveränderung und als Vaduta dann die Kampfkunst erlernte, war es für niemanden ein Wunder, dass sie auch hier Talent zeigte.

– Mach hin du Lahmarsch. Soll ich hier auf dem Gaul vertrocknen und verhungern?

Ich reiche ihr den Wasserschlauch und die Speisen. Beides reist sie mir schnaubend aus der Hand und führt ihren Gaul von mir weg.

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Die Ebene 35


Ich drucke die Abbildungen aus und mache mich auf den Weg zum Garten des Inders. Doch ich komme nicht dahin. Ausgerechnet Maria läuft mir über den Weg. Bevor ich sie blöd anstarren kann plappert sie los:

„Komm in den Antriebsraum. Es gibt ein Problem! Ben ist in den Laserablationsoperator gelangt und sitzt fest,“ informiert sie mich. „Keine Ahnung was genau geschehen ist, aber es ist kein Spaß! Ich hab den Notfallkoffer dabei. Hoffe du kennst dich damit aus.“

Während sie wortlos voraneilt versuch ich mich an die Einweisungen zu erinnern. Da ich der einzige an Bord mit medizinischer Ausbildung bin, war eine der Bedingungen für meinen Mitflug, dass ich die Wehwehchen meiner Mitreisenden behandel. Da ich mit nix ernstem rechnete, war mir das gleich. Doch jetzt wird mir doch etwas mulmig. Ich bin auf den Tod spezialisiert, nicht aufs leben. Beruflich meine ich. Wir erreichen den Antriebsraum. Erst jetzt wird mir klar, was Maria mit „Kein Spaß“ meinte. Bens Kopf und seine Schultern ragen aus dem Boden. Sein Gesicht ist fast blaß, voll Schweiß, ab und zu stöhnt er kurz auf, vielleicht schreit er sogar. Ich weiß es nicht, ist auch egal. Ich reiße Maria den Koffer aus der Hand. Voll das Notfallprogramm auf das ich gedrillt wurde. Wenige Sekunden später ramm ich die Spritze in Bens Halsschlagader. Viel falsch machen kann ich nicht. Seine Adern sind so weit geschwollen, dass selbst ein Blinder sie treffen könnte. Er stiert mich an, während das Gemisch aus Adrenalin, Schmerzmitteln und was weiß ich in seinem Körper zu wirken beginnt.

„Doc du Arschloch weißt du wie lange ich auf dich gewartet hab?“

Es ist eine rhetorische Frage, das spüre ich. Stattdessen nehme ich die Dankbarkeit in seinen Augen wahr. Die Idee, dass er doch nicht so ein Idiot ist, nimmt für kurze Zeit meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Folge ist, dass ich „Alles gut!“ sage und doch weiß, dass das nun gar nicht stimmt. Ich versuche in das Loch zu blicken, in dem Ben´s restlicher Astralkörper steckt. Jetzt wird es ein bisschen eklig: Wie die Laserstrahlen in einer Dorfdisco züngeln die Laser des Ablationsoperators um seinen Körper und schneiden an ihm rum. Nun fällt mir auch der Geruch nach verbranntem Fleisch auf.

„Scheiße! Warum ist der noch da drin?“ blaffe ich die versammelte Mannschaft an.

„Wir können ihn da nicht rausholen!“

Captain Miller ist alles andere als verkatert. Er ist ganz Captain. Ist wohl auch so ein Programm, das bei ihm automatisch abläuft.

„Kann ihnen das jetzt nicht erklären, nur soviel: Ben ist in die Mühle geraten, als das Regenerationsprogramm anlief. Wenn wir ihn da rausholen, dann wird die Messung, die der Antrieb zur Selbstreparatur benötigt hinfällig.“

„Ja und? Dann schmeißt das Ding doch einfach wieder an!“

„Geht nicht!“ fährt Ben dazwischen. Die Schmerzmittel scheinen zu wirken. „Es ist einfach so, dass wir nur einen Lauf haben. Die Idioten haben das so konstruiert. Wenn ihr mich rausholt, dann gibt’s keine Messung, keine Reparatur, keine Heimkehr, so einfach ist das!“

Ich blicke mich um. Meine Augen treffen die Deutsche.

„Niemand hat damit gerechnet, dass eine Selbstregeneration des Antriebs nötig sein wird, deswegen hat man da wohl ein bisschen geschlampt. Captain Millers und Bens Entscheidung, den Messvorgang nicht zu unterbrechen hat meine Zustimmung.“

Ich hasse sie aus tiefstem Herzen. Nicht, weil ich mich benutzt fühle, nicht weil sie Ben grillen lässt. Es ist ihre Stimme, die jedes Bedauern vermissen lässt. Bevor ich etwas sagen kann, fährt sie fort:

„Wir haben hier an Bord doch alles; da sollte es doch möglich sein, Ben zu helfen.“

Ich starre sie an. Es ist hoffnungslos. Die Entscheidung ist gefallen.

„Wann hört das Geschmore auf?“

Svende übernimmt den Job mir das mitzuteilen:

„So ungefähr dann, wenn von Ben nur noch Kopf und Schultern übrig bleiben.“

Mir wird übel, gleichzeitig durchrasen die medizinischen Möglichkeiten meinen Kopf.

„Wie lange dauert das?“

„Nicht ganz sechs Stunden!“ ist die lakonische Antwort des schwedischen Zwergs.

Ich muss handeln.

„Maria, kannst du mich die nächsten sechs Stunden unterstützen? Smerg, Sylvia? Euch brauch ich auch! Wir brauchen die Krankenstation hier unten. Alles! Schmeißt den toten Inder irgendwohin. Für den kann ich nichts mehr tun. Ach so, ich brauch hier noch einen Zugang zur 3D-Fräse.“

Ich warte nicht auf eine Antwort, stattdessen beginne ich mit Hilfe des Notfallkoffers einen provisorischen Kreislauf aufzubauen. Daran haben sie wenigsten gedacht. Seinen Kopf können wir mit etwas Glück retten. Stellt sich die Frage, ob Ben das wirklich will. Naja, wehren kann er sich auch nicht, also klemmen wir ihm die Schläuche an die Halsschlagadern und hauen den Enervator in seinen 5. Halswirbel. Das System ist so aufgebaut, dass es dem Hirn – und auf das kommt es jetzt wohl nur noch an – einen funktionierenden Körper vortäuscht. So haben sie es zumindest in der Schulung erzählt. Allerdings konnte mir keiner versprechen, ob das wirklich funktioniert. Deswegen muss die Krankenstation hier runter. Mit den Apparaten von da stehen die Chancen wirklich nicht schlecht. Es ist einfacher, sie alles hier aufbauen zu lassen, als abzuwägen, was ich benötige oder es gar noch zu erklären. Ich beuge mich zu Ben:

„Bevor ich mit der ganzen Scheiße hier weitermache, sag mir bitte, ob du heut sterben möchtest?“

„Doc, du kannst mich doch eh, nicht krepieren lassen also mach einfach, was geht. Wenn ich die Schnauze voll hab, reiß ich die Schläuche mit den Zähnen raus.“

Er grinst tatsächlich.

„Ach so ich vergaß, wenn die Lasers meinen kleinen Freund grillen, sagt mir doch bitte Bescheid, ich will wissen, wie er riecht!“

Zumindest bleibt er sich treu und mir ist das erst mal angenehmer, als wenn er jetzt auf ernst machen würde.

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Die Ebene 34


Beim Schwimmen hatte ich doch einen lichten Moment. Mir ist das Etikett wieder in den Sinn gekommen und ich bin mir sicher, dass der entsprechende Artikel bei einem Isidor aus dem Jahre 1997 erschien. Ich muss also nur zwei Jahrgänge der entsprechenden Publikationen durchforsten. Das macht es schon etwas leichter, aber man kann sich nicht vorstellen, wie viel über Epilepsie geforscht wird. Endlich finde ich den Artikel. „Poison indicated cases of high mortality…“ verfasst von einer Gruppe australischer, indischer und deutscher Forscher. Der Inhalt ist etwa folgender: In den 80er und 90er Jahren gab es unter Schamanen und Geistheilern auf Neu Guinea eine Reihe von Todesfällen. Die Toten wiesen jedes Mal das gleiche Merkmale auf: Genickbruch. Ihnen allen war gemeinsam, so der Artikel, dass sie vor ihrem Tod die Blätter eine Teeähnliche Pflanze verzehrt hatten, die sie üblicherweise als Bewusstsein erweiternde Droge einsetzten. Aus diesem Zusammenhang schlossen die Autoren, dass der Genuss der Blätter, die von den Einheimischen „Niguma“. Genannt wurde, den Tod der Schamanen verursachte. Unklar bliebe jedoch, so die Diskussion am Ende des Artikels, ob es die Blätter alleine waren, oder ob noch andere Faktoren eine Rolle gespielt haben. Schließlich sei davon auszugehen, dass die Geistheiler Erfahrung mit „Niguma“ gehabt hätten. Mehr Mutmaßungen stellen die Verfasser nicht an. Ich suche jetzt die gesamte Datenbank nach Niguma ab. Ich finde genau 23 Artikel, die von 1921 bis 2012 reichen, Im ältesten wird von der hallizugenen Wirkung der Blätter geschwärmt. Dies wird sieben Artikel später – 1967 – von einem nach neuen Drogen fahndenden Hippie bestätigt. Bis 1997 gibt es dann – 1983 – nur noch einen Artikel, der sich mit der Wirkung der Pflanze beschäftigt. Die Autoren beschreiben das Potenzial der Pflanze, als Heilmittel bei Schizophrenie und sonstigem zu wirken. Konkreter werden sie nicht. Erst 1997 taucht die pharmazeutische Wirkung wieder auf. Diesmal ist sie anscheinend tödlich. Danach ist es in der medizinischen Literatur lange Zeit still um Niguma. Erst 2011 versuchen Wissenschaftler der Universität Bumbai die Wirkstoffe der Pflanze zu isolieren. Wieder hoffen sie auf neue Wirkstoffe zur Heilung psychischer Krankheiten. Der Rest sind Artikel von Botanikern, die die Pflanze und ihre Verwandten beschreiben. Niguma wächst anscheinend nur auf Neuguinea und es sei wohl sehr schwierig, sie zu züchten. Die Bilder, die ich finde zeigen ein etwa 20 cm hohes Pflänzchen mit Teeartigen Blättern. Die Früchte sind gut Erbsengroß und hängen an kurzen Stilen. Etwa alle drei Jahre blüht die Pflanze. Die Blüten sind unscheinbar und weiß.

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Die Ebene 33


Der Plan heute nüchtern zu bleiben ist in die Hose gegangen. Mir dreht sich alles. Meine Laune ist auf einem Tiefpunkt. Versuche einen klaren Gedanken zu fassen. Gelingt mir nicht. Sollte vielleicht das Denken sein lassen. Das gelingt. Ich schlafe ein. Der Morgen hat für mich schlechte Laune, einen mittleren Kater und Sockengeschmack im Mund vorbereitet. Ich nehme leise fluchend an, Will im Bett liegen bleiben. Bin schlau genug, zu wissen, dass das nichts helfen wird. Meine ungeliebten Begleiter würde es nur freuen. Ich muss unter Wasser. Im Schwimmbecken zieht Sylvia ihre Bahnen. Das hatte ich vergessen. Bin ihr sonst immer gern begegnet. Vielleicht hab ich wegen ihr sogar das Schwimmen auf den Morgen gelegt. Wer weiß das jetzt noch? Das Wasser schlägt kalt über mir zusammen. Ich mache langsame Züge, versuche in einen Rhythmus zu kommen, der mich nicht nach drei Bahnen umbringt. Das fällt mir immer schwer. Doch heute habe ich Glück. Nach der vierten Bahn weiß ich, dass das erst mal so weiter gehen kann. Es fühlt sich gut an, zu spüren, wie die Arme durch das Wasser pflügen und mich langsam nach vorne treiben. Theoretisch könnte Schwimmen ideal sein, um über anstehende Probleme nachzudenken. Den Tod des Inders etwa oder die Situation des Schiffes. Mir gelingt das jedoch nie. Auch jetzt nicht. Kann mich nicht auf etwas Abstraktes konzentrieren. Stattdessen phantasiere ich davon als Extremsportler den Atlantik oder sonst ein großes Gewässer zu durchschwimmen. Infantil, ja, aber es macht Spaß und ohne dass ich es merke verbessert sich meine Laune. Als ich nach einer Stunde endlich aufhöre, sehe ich, dass Sylvia am Beckenrand auf mich zu warten scheint. Ich paddel zu ihr.

„Nicht schlecht! Du bist verdammt schnell,“ lobt sie mich.

Hatte eigentlich nicht das Gefühl, aber als Atlantikschwimmer in spe braucht man jede Aufmunterung.

„Danke! Wie war´s denn noch gestern?“ eigentlich will ich’s gar nicht wissen, aber mir fällt keine bessere Frage ein.

„Bin kurz nach euch abgehauen. Hatte ein bisschen zu viel von dem Prosecco und konnte das ganze Geschwätz nicht mehr hören. Außerdem war Captain Miller ganz schön besoffen und grummelte nur noch so vor sich hin. Ben machte wieder einen auf großen Charmeur und ließ eine Anekdote nach der anderen platzen. Es war zum kotzen. Das hab ich dann auch getan.“ Ich schau sie etwas verwirrt an.

„Nein, nicht vor versammelter Mannschaft!  Hab das bei mir erledigt.“

„Wie war eigentlich Svende drauf?“

„Schwer zu sagen. Könnte glatt sein, dass er sich sogar amüsierte. Du weißt, er konnte Jogudings nicht ausstehen. Ach so und die Deutsche war auch noch da und hat brav mit gelacht.“

„Sag mal, woher kennst du eigentlich Ben?“ ich bin selbst überrascht, dass ich das frage.

Sie nicht: „Keine Ahnung, aber es ist so als hätten wir schon mal viel Zeit miteinander verbracht. Kennst du das nicht, dass du Menschen begegnest, die dir nicht nur bekannt sondern auch vertraut vorkommen?“

Ich zucke die Schultern: „Und jetzt?“

„Was soll sein? Wir haben uns gestern über die jetzige Situation unterhalten. Ich wollte ihn mal sprechen ohne dass er vor anderen aufschneiden muss und weißt du was? Es ist gar kein Wunder, dass er so eine Wirkung auf Frauen hat. Wenn du ihn alleine sprichst, dann ist der einfach total nett und intelligent. Er teilt unser Unbehagen, was die Deutsche angeht. Seit dem wir auf der Mission sind versucht er aus den Unterlagen schlau zu werden, die ihm zugänglich sind. Er hat sogar Captain Miller um mehr Informationen angegangen. Nein es war sehr schön gestern. Willst du noch mehr wissen?“

Statt einer Antwort tauche ich unter und greife nach ihren Fesseln. Damit hat sie nicht gerechnet und es gelingt mir sie zu zoppen. Nur ganz kurz, dann lass ich sie los und tauche wieder auf. Dort wartet sie schon, um mir mit aller Kraft den Kopf unter Wasser zu tauchen. Damit habe ich gerechnet und rechtzeitig den Mund zu. Als ich wieder auftauche pruste und huste ich trotzdem. Sie lacht.

„Was hast du heute vor?“

„Werde mich weiter mit dem Viladings befassen. Und du?“

„Weiter die Zeichen auslesen. Wir haben schließlich eine Mission zu erfüllen.“

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