Die Ebene 37


Die nächsten Stunden verbringe ich also mit Ben und während ich ihm erkläre, was ich vorhabe, erfahre ich so einiges über ihn. Doch zuerst mal mein Plan. Da es möglich zu sein scheint, seinen Kopf zu retten, muss es doch auch möglich sein, ihm hier einen neuen Körper zu basteln. Dank der 3D-Fräse gibt es wohl keine Grenze, was die Bauteile angeht. Die Pläne für solche Vorhaben liegen vor. Auf der Erde ist so was allerdings undenkbar. Ethische Bedenken usw. haben bisher alle praktischen Anwendungen verhindert. Sicher, es gab den einen oder anderen Versuch; daher auch die Pläne. Doch so richtig umgesetzt hat es niemand, zumindest offiziell. Ist auch egal, auf jeden Fall weiß ich genug über den menschlichen Körper, um es zu wagen. Zur Not bleibt halt ein Ben im Rollwagen. Ben hört mir aufmerksam zu.

„Doc biste etwa ehrgeizig? Hab dich eigentlich für einen netten Looser gehalten.“

Mir fällt nix ein:

„Ach halt einfach die Fresse!“

Dabei will ich das gar nicht. Ben beginnt mich zu interessieren. Ist es, weil er grad von den Lasern zerfressen wird? Oder weil da doch mehr ist, als ein Typ, der mir überlegen scheint?

Ich seufze: „Nee, erzähl mir was! Wenn ich schon an dir rum bastele, möchte ich wenigstens wissen, ob es sich lohnt.“

„Wo soll ich anfangen? Ok, vergiss es, wir tun ganz einfach so, als seien wir allein und du bist der Freund, den ich mir immer gewünscht hab!“

Er lacht. Ich wittere einen Hinterhalt und schau in an. Dann muss ich selber lachen bis mir die Tränen kommen. Kleiner Einschub: Das klingt jetzt so, als ob ich neben Ben sitze und ihm Händchen halte. Ist aber nicht so. Ich lese die Manuals der Maschinerie, die ich um ihn aufbaue, damit ich keine Fehler begehe, gebe Anweisungen, was wohin gestellt werden muss und mache noch eine ganze Menge mehr. Eben alles was getan werden muss, um die provisorische Lebenserhaltungskiste gegen eine vernünftige auszutauschen. Normalerweise wäre ich selbst mit dem Lesen überlastet, doch ich steh unter dem Einfluss einer alles fördernden Droge, die auch im Notfallkoffer zu hause ist. Also weiter zu unserem Gelächter:

„Weißt du, wie sich das anfühlt, wenn du einsam bist?“

Ben schaut mich an. Ich kann ihm nur einen Augenwinkel widmen, also fährt er fort:

„Ich meine nicht allein, ich meine, es sind Leute um dich, Frauen, Männer, intim, nicht intim, ganz egal, du bist einsam. Du merkst es nicht sofort. Es dauert, doch dann stellst du fest, es ist nicht du, der in Gesellschaft ist, es ist deine Fassade. Dann fragst du dich, wer bist du? Du kannst nicht mehr unterscheiden. Was wollen die anderen sehen? Was willst du zeigen?“

Verdammter Mist, da hab ich mir was eingehandelt. Jetzt hab ich nicht nur einen Schönling unterm Messer, sondern auch einen Philosophen mit Selbstzweifeln. Ich kann mich grade noch beherrschen, ein zustimmendes „Kenn ich“ zu brummen.

Stattdessen schau ich Ben nur fragend an.

„Hältst mich jetzt sicher für einen Philosophen mit Selbstzweifeln. Hab ich auch lange Zeit. Hat mich damals die Ehe mit der besten Frau auf der Erde gekostet. Ich wusste nicht, liebt sie mich, oder das was ich vorgebe zu sein. Ab da ging nix mehr. Wir haben uns getrennt. Was will eine Frau mit einem Philosophen?  Die ganzen Geschichten, die so erzählt werden, hab ich selbst in die Welt gesetzt. War nicht schwer, bei dem Ruf den ich hatte. Die Mädels, die ich abgeschleppt habe, sind alle heil nach hause gebracht worden. Die wollten nicht zugeben, dass da nix war und ich auch nicht. So einfach ist das. Alle halten mich für den Beischläfer vom Dienst und ich hab meine Ruhe. Hab auch schon überlegt, ob ich schwul bin. Keine Angst, ist nicht der Fall. Finde Männer einfach nicht attraktiv – nichts gegen dich! Na egal! Auf jeden Fall war mein Ruf recht hilfreich dabei, raus zu finden, wer ich wirklich bin.“

„Soso,“ ist alles was mir einfällt.

„Na hör zu Doc, das Ding ist doch, dass ich gar nicht zu mir selbst finde, wenn ich dauernd die Nummer mit dem dauergeilen Charmeur abziehe.“

„Was nu? Weißte jetzt, wer du bist oder nicht?“

Ich bin selbst erstaunt, dass ich ihm so zusetze. Immerhin kann er jeden Moment das Handtuch werfen und dann hat er noch nicht mal was Nettes im Ohr. Er nimmt´s gelassen:

„Du kapierst nicht. Ich komm natürlich nur zum Nachdenken, wenn ich allein bin. Weit weg von allem. Manchmal hab ich auch Glück. So wie mit Sylvia. Wir verstehen uns. Das ist, als ob wir eine Person sind. Ist der Hammer. Naja bei ihr bin ich auch der Mensch, für den ich mich halte. Ich rede keine Stuss daher. Mach nur ab und zu ein paar dumme Witze, kann zuhören. Bin interessiert an dem was passiert, was sie erzählt. Wenn ich allein bin, versuch ich Ordnung in die Dinge zu bringen, die mich umgeben. Ich lese, höre Nachrichten. All das was ein gebildeter Mensch auch tut. Dann mach ich mir einen Reim draus, versuche vielleicht einen guten Gedanken zu finden, der nicht nur gut für mich, sondern auch gut für andere ist.“

Bens Worte fließen in mein Hirn, versucht der Dödel mir etwa weiß zu machen, dass vollkommen normales Verhalten etwas Besonderes sei?

„Ja es ist nichts Besonderes. Genau das ist der Punkt. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass nichts Besonderes an mir dran ist. Apropos, kannste mal nachschauen, wo die Laser grad rummachen?“

Mittlerweile bin ich soweit, dass ich den gesamten Ablationszylinder inklusive Bens Körper vor mir auf dem Bildschirm hab. Die fünf Laser ziehen weiter ihre idiotischen Messkreise. Immer wieder reduzieren sie dabei Bens Körpergewicht um ein paar Gramm. Auf dem Bildschirm ist das dann als kleines Rauchwölkchen zu sehen. Ist nicht lustig. Auch nicht, dass Ben sich um seinen kleinen Freund erst mal keine Sorgen machen muss. Die Laser sind noch mit seinen Beinen beschäftigt.

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