Die Ebene 39


Während Ben mir also dieses wirre Zeug erzählt, haben Sylvie und Smerg die gesamte Apparatur um mich aufgebaut. Ich gebe Ben Bescheid, dass er mal kurz die Klappe halten muss. Wir müssen ihn jetzt umstöpseln, da kann ich sein Geplapper nicht gebrauchen. Sylvia beugt sich zu ihm. Sie ist sichtlich mitgenommen; wahrscheinlich würde sie am liebsten laut schreien und heulen, doch sie hält sich tapfer. Was sie reden, will ich nicht hören. Es ist auch zu leise, stattdessen höre ich Smergs Stimme:

„Wann willst du die Verbindungen tauschen?“

„Am liebsten sofort,“ antworte ich.

„Wir sollten aber vorher den Ablauf ein oder zweimal durchspielen. Es dauert was und wenn wir nicht wollen, dass Ben noch blöder wird, dann ist es gut, wenn es schnell geht.“

Sylvia hat das gehört und wirft mir einen giftigen Blick zu.

„Kannst du nicht einmal deine blöden Witze lassen?

Sie hat Recht, doch hier bin ich Chef und ich habe keine Lust mir den Spaß nehmen zu lassen.

„Komm bitte kurz hoch und hör genau zu. Wir spielen die Handgriffe jetzt zweimal durch. Du musst dabei die Zeit stoppen. Maria wird mir die Anschlüsse der stationären Überlebenskiste rüberreichen. Smerg, du nimmst die abgestöpselten Anschlüsse und hältst sie aus dem Weg. Aber nicht so weit, dass wir zur Not nicht zurückkönnen.“

Die drei nehmen die ihnen am besten erscheinenden Positionen ein. Ich bin ganz nah bei Ben.

„Sag mal Doc, du gibst doch dein bestes oder?“

Zum ersten Mal schaut er nicht mehr so Gott verdammt souverän. Ich meine, auch ein bisschen kalten Schweiß zu riechen. Mir düsen jede Menge aufmunternder Formulierungen durch den Kopf – Kopf hoch! – hei ich mach das! – Klar geb ich mein bestes! – Wenn nicht jetzt wann dann! – eine bescheuerter als die andere. Deshalb höre ich mich nur

„Halt die Fresse!“ sagen.

Sylvias Augen durchbohren mich, wie die Laser Bens Körper. Ich bin immun, denn ich bin Chef und da darf ich nicht schwächeln.

„Alles klar Doc,“ Ben hat mich verstanden: „kannst du trotzdem mal ein bisschen was an der Betäubungsschraube drehen. Ich bekomm langsam so ein Kribbeln in den Beinen.“

Kann eigentlich nicht sein. Ein Blick auf den Monitor zeigt mir, dass Bens Beine nicht mehr existieren. Die Schmerzen müssten aus seinem Unterleib kommen.

„Ben, diesmal ist es kein Spaß. Erstens: Schmerzmittel sind grade jetzt nicht angesagt und zweitens ist dein Pimmel gleich Rauch!“

Ich muss aufpassen, dass Sylvia mir nicht meinen rausreißt. Sie hat keinen Spaß an meinem Geschwätz.

„Er wollte es unbedingt wissen!“ versuche ich die Situation zu deeskalieren und bevor sie mir zeigen kann, dass das nicht funktioniert, gebe ich die Kommandos für den ersten Probelauf. Wir brauchen gut 20 Sekunden. Wenn da jetzt noch ein bisschen rumfummeln am Enervator dazu kommt, dann ist Bens Kopf gut 30 Sekunden vom Körper isoliert. Das ist zu lange. Wir wechseln ein bisschen die Positionen. So ist es besser: 15 Sekunden. Langt aber bei weitem nicht. Ich lasse wiederholen: 13 Sekunden. So bringt das nix. Mein Team ist so lahm wie eine Schnecke auf dem Wüstenboden.

“Sorry, hab nicht dran gedacht! Nehmt euch bitte was von dem Zeug!“

Ich halte ihnen die Superdroge aus dem Notfallkoffer hin. Ben ist mittlerweile leichenblass.

„Doc, jetzt tut es langsam richtig weh!“

Statt einer Antwort schau ich auf den Monitor. Meine Finger gleiten über die Tastatur. Bei allem achte ich darauf, dass Ben es mitkriegt. Er soll wissen, dass ich mich um ihn kümmere, das hilft.

Es ist ein bisschen was drin. Sollte deine Situation etwas verbessern. Aber erwarte kein Wunder.“

Ich tu so, als ob ich an einem der Regler drehe. Gleichzeitig wandert auf dem Monitor für Ben sichtbar die Anzeige hoch. Nichts ist leichter reinzulegen als Schmerz.

„Wir haben noch fünf Minuten, dann werden die Chancen immer schlechter, dass wir Ben an die große Kiste dran bekommen. Also los!“

Wir schaffen es diesmal in nur 8 Sekunden. Nach drei weiteren Durchläufen sind es fünf. Wir müssen es riskieren. Mir fällt ein, dass ich das Öffnen des Bajonettverschlusses noch üben sollte. Die anderen schauen mich entgeistert an. Hilft nix, muss sein. Nach drei Testversuchen, bin ich sicher, dass die Wechsel  nicht allzu lange dauern werden. Es sind nur drei Anschlüsse. Ich nagele Ben die Spritze mit dem Gemisch aus Adrenalin und Codein und was weiß ich in die Halsarterie. Er starrt mich an. Ich habe keinen Blick für ihn, doch das ist nicht nötig. Sylvia streicht ihm kurz über die Wange, dann geht es los. Ich packe die beiden Kreislaufverbindungen, drehe kurz und halte die gelösten Enden Smerg hin. Sofort hab ich die gleichen Anschlüsse in der Hand und schraube sie an Bens Hals. Es ist eine ziemliche Sauerei. Damit habe ich nicht gerechnet. Wir verlieren vielleicht eine halbe Sekunde, bis ich mir selbst und den anderen klar gemacht hab, dass es egal ist, wenn hier Blut rumspritzt. Auf den Umschluss hat das keinen Einfluss! Schreie, blicke, denke ich. Die Kreislaufverbindungen sind fest. Meine Hand greift den etwas Bananen großen Zylinder des Enervators, der in Bens Hals steckt. Vom Blut ist alles glitschig. Diesmal habe ich damit gerechnet. Diese Gott verdammte Droge ist der Hammer. Smerg reißt mir den Anschluss aus der Hand. Maria drückt mir den neuen in die Hand. Ich ramme das Teil in den Rest des Zylinders, der noch in Bens Halswirbelsäule steckt. Mit einem kurzen Sprung, der Maria umschmeißt bin, ich am Terminal und schau auf die Anzeigen. Mehr kann ich nicht machen. Sylvia starrt mich an. Maria rappelt sich auf. Smerg ist der einzige, der nicht mit sich selbst beschäftigt ist. Er steht neben der ambulanten Lebenserhaltungskiste und wartet auf seinen Einsatz. Ein Blick auf die Anzeigen sagt mir, dass das nicht nötig sein wird, Bens Hirn hat den Geist aufgegeben. Ich schließe die Augen. Wo war der Fehler? Das Blut? Es hat nicht so viel Zeit gekostet. Oder doch? Wie ein Roboter marschiere ich auf Smerg und die ambulante Kiste los. Beiseite stoßen kann ich ihn nicht. Brauch ich auch nicht. Er gibt mir den Defribilator. Warum nicht? Vielleicht hilfts. Mir fällt nix besseres ein und Smergs Reaktion zeigt mir, dass er den Ansatz für leidlich richtig hält. Ich halte die Elektroden an Bens Schläfe, brülle

„Jetzt!“

Es riecht noch deutlicher nach verkohltem Fleisch und versengten Haaren. Den Anzeigen auf dem Monitor ist das egal. Arschlöcher. Ich starre auf Bens Gesicht. Es ist friedlich. Abgesehen von den verkohlten Schläfen scheint ihm nichts zu fehlen. Sylvia nimmt mir die Elektroden aus der Hand. Sie schaut mich traurig an. Dann falle ich um.

Über dieebene

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