Die Ebene 40


Ich träume. Zwei Kinder laufen um die Wette. Ein Junge und ein Mädchen. Sie werden verfolgt. Der Junge fällt immer wieder hin, kann sich aufrappeln, aber seine Beine sind machtlos. Sie laufen ins leere. Er fällt wieder. ich rufe ihm zu: Beweg dich! Lauf! Doch der Bengel kommt gar nicht richtig hoch. Es ist, als wolle er im Liegen laufen. Je mehr ich ihn ansporne, umso mehr wird mir bewusst, dass ich der Junge bin. Verdammte Scheiße, kann ich nicht mal was Originelles träumen. Was mit Drachen oder wenigstens ein paar Robotern. Ich öffne ein Auge. All zu lange hab anscheinend nicht geschlafen. Sylvia schaut mich immer noch traurig an. War wohl bloß ne Sekunde oder so. ich rappel mich hoch:

„Scheiße!“ , versuche die Situation zu erfassen.

Die Anzeige so tot wie das Bett einer Nonne. Der Raum ist erstaunlich voll. Wusste gar nicht, dass wir Platzkarten vergeben haben. Was war der Fehler? Bens Kopf steht immer noch erstaunlich grade auf den Schultern. Kann das Arschloch nicht wenigstens im Tod aufhören mich zu verarschen. Ben wird wissen, dass das nicht gegen ihn gemünzt ist. Wir hatten es in den letzten Stunden geschaffte, eine erstaunlich weite Ebene zwischen uns zu spannen.  Getragen von Kraftausdrücken und Beleidigungen haben wir uns schätzen gelernt, weil wir beide wussten, dass wir uns ähnlicher sind, als wir je zugeben werden. Ich hab zum Beispiel die gleich Nasenhaarfarbe wie er und Bens Ohren sind meinen recht ähnlich: Es sind auch zwei.

„Doc!“

Mir ist klar, dass ich momentan besser die Finger von allen lassen sollte, mit dem sich Schaden anrichten lässt.

„Doc!“

Muss unbedingt mal den Beipackzettel dieser tollen Droge aus dem Notfallkoffer lesen. Das Zeug scheint noch für was anderes gut zu sein.

„Doc!“

Das ist Bens Stimme. Ich drehe mich in seine Richtung. Er scheint mir zuzuzwinkern. Kopf rum, auf die Anzeigen geschaut: Nix! Kopf zurück. Ben grinst

„Hei Doc, alles klar?“

Was soll das? Halluzinationen? Gut, jetzt lassen wir´s mal gut sein. Könnte natürlich noch ein paar Zeilen den Ahnungslosen spielen. Aber, um ehrlich zu sein, jede Leserin, die es bis hierhin geschafft hat, wird dieses Spielchen ziemlich affig finden. Deshalb mach ich’s lieber kurz. Ben hat die Operation fürs erste überlebt. Die Nummer mit dem Defibrilator hat wohl geholfen. Dabei sind aber nicht nur die Haare an seinen Schläfen durchgeschmort, sondern auch die Messelektroden. Deswegen gab es keine Anzeige auf dem Display. Das ganze hin und her, ab dem Moment, wo ich mich auf die Schnauze gelegt hab, hat ca. 20 Sekunden gedauert. Niemand hat meinen Zustand bemerkt, außer Sylvia vielleicht. Es hat übrigens niemand applaudiert. Wir haben einfach weitergemacht und Ben am Ende der Reparaturmessung aus der Iris befreit. Er hat sogar ein bisschen Glück gehabt. Ein Arm blieb ihm erhalten. Er ist sich noch nicht so ganz einig, ob ihm das gefällt. Sein Zustand ist stabil. Ich liege im Bett und hoffe dass das erst mal so bleibt.

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tv-autor, journalist, filmemacher
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