Die Ebene 35


Ich drucke die Abbildungen aus und mache mich auf den Weg zum Garten des Inders. Doch ich komme nicht dahin. Ausgerechnet Maria läuft mir über den Weg. Bevor ich sie blöd anstarren kann plappert sie los:

„Komm in den Antriebsraum. Es gibt ein Problem! Ben ist in den Laserablationsoperator gelangt und sitzt fest,“ informiert sie mich. „Keine Ahnung was genau geschehen ist, aber es ist kein Spaß! Ich hab den Notfallkoffer dabei. Hoffe du kennst dich damit aus.“

Während sie wortlos voraneilt versuch ich mich an die Einweisungen zu erinnern. Da ich der einzige an Bord mit medizinischer Ausbildung bin, war eine der Bedingungen für meinen Mitflug, dass ich die Wehwehchen meiner Mitreisenden behandel. Da ich mit nix ernstem rechnete, war mir das gleich. Doch jetzt wird mir doch etwas mulmig. Ich bin auf den Tod spezialisiert, nicht aufs leben. Beruflich meine ich. Wir erreichen den Antriebsraum. Erst jetzt wird mir klar, was Maria mit „Kein Spaß“ meinte. Bens Kopf und seine Schultern ragen aus dem Boden. Sein Gesicht ist fast blaß, voll Schweiß, ab und zu stöhnt er kurz auf, vielleicht schreit er sogar. Ich weiß es nicht, ist auch egal. Ich reiße Maria den Koffer aus der Hand. Voll das Notfallprogramm auf das ich gedrillt wurde. Wenige Sekunden später ramm ich die Spritze in Bens Halsschlagader. Viel falsch machen kann ich nicht. Seine Adern sind so weit geschwollen, dass selbst ein Blinder sie treffen könnte. Er stiert mich an, während das Gemisch aus Adrenalin, Schmerzmitteln und was weiß ich in seinem Körper zu wirken beginnt.

„Doc du Arschloch weißt du wie lange ich auf dich gewartet hab?“

Es ist eine rhetorische Frage, das spüre ich. Stattdessen nehme ich die Dankbarkeit in seinen Augen wahr. Die Idee, dass er doch nicht so ein Idiot ist, nimmt für kurze Zeit meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Folge ist, dass ich „Alles gut!“ sage und doch weiß, dass das nun gar nicht stimmt. Ich versuche in das Loch zu blicken, in dem Ben´s restlicher Astralkörper steckt. Jetzt wird es ein bisschen eklig: Wie die Laserstrahlen in einer Dorfdisco züngeln die Laser des Ablationsoperators um seinen Körper und schneiden an ihm rum. Nun fällt mir auch der Geruch nach verbranntem Fleisch auf.

„Scheiße! Warum ist der noch da drin?“ blaffe ich die versammelte Mannschaft an.

„Wir können ihn da nicht rausholen!“

Captain Miller ist alles andere als verkatert. Er ist ganz Captain. Ist wohl auch so ein Programm, das bei ihm automatisch abläuft.

„Kann ihnen das jetzt nicht erklären, nur soviel: Ben ist in die Mühle geraten, als das Regenerationsprogramm anlief. Wenn wir ihn da rausholen, dann wird die Messung, die der Antrieb zur Selbstreparatur benötigt hinfällig.“

„Ja und? Dann schmeißt das Ding doch einfach wieder an!“

„Geht nicht!“ fährt Ben dazwischen. Die Schmerzmittel scheinen zu wirken. „Es ist einfach so, dass wir nur einen Lauf haben. Die Idioten haben das so konstruiert. Wenn ihr mich rausholt, dann gibt’s keine Messung, keine Reparatur, keine Heimkehr, so einfach ist das!“

Ich blicke mich um. Meine Augen treffen die Deutsche.

„Niemand hat damit gerechnet, dass eine Selbstregeneration des Antriebs nötig sein wird, deswegen hat man da wohl ein bisschen geschlampt. Captain Millers und Bens Entscheidung, den Messvorgang nicht zu unterbrechen hat meine Zustimmung.“

Ich hasse sie aus tiefstem Herzen. Nicht, weil ich mich benutzt fühle, nicht weil sie Ben grillen lässt. Es ist ihre Stimme, die jedes Bedauern vermissen lässt. Bevor ich etwas sagen kann, fährt sie fort:

„Wir haben hier an Bord doch alles; da sollte es doch möglich sein, Ben zu helfen.“

Ich starre sie an. Es ist hoffnungslos. Die Entscheidung ist gefallen.

„Wann hört das Geschmore auf?“

Svende übernimmt den Job mir das mitzuteilen:

„So ungefähr dann, wenn von Ben nur noch Kopf und Schultern übrig bleiben.“

Mir wird übel, gleichzeitig durchrasen die medizinischen Möglichkeiten meinen Kopf.

„Wie lange dauert das?“

„Nicht ganz sechs Stunden!“ ist die lakonische Antwort des schwedischen Zwergs.

Ich muss handeln.

„Maria, kannst du mich die nächsten sechs Stunden unterstützen? Smerg, Sylvia? Euch brauch ich auch! Wir brauchen die Krankenstation hier unten. Alles! Schmeißt den toten Inder irgendwohin. Für den kann ich nichts mehr tun. Ach so, ich brauch hier noch einen Zugang zur 3D-Fräse.“

Ich warte nicht auf eine Antwort, stattdessen beginne ich mit Hilfe des Notfallkoffers einen provisorischen Kreislauf aufzubauen. Daran haben sie wenigsten gedacht. Seinen Kopf können wir mit etwas Glück retten. Stellt sich die Frage, ob Ben das wirklich will. Naja, wehren kann er sich auch nicht, also klemmen wir ihm die Schläuche an die Halsschlagadern und hauen den Enervator in seinen 5. Halswirbel. Das System ist so aufgebaut, dass es dem Hirn – und auf das kommt es jetzt wohl nur noch an – einen funktionierenden Körper vortäuscht. So haben sie es zumindest in der Schulung erzählt. Allerdings konnte mir keiner versprechen, ob das wirklich funktioniert. Deswegen muss die Krankenstation hier runter. Mit den Apparaten von da stehen die Chancen wirklich nicht schlecht. Es ist einfacher, sie alles hier aufbauen zu lassen, als abzuwägen, was ich benötige oder es gar noch zu erklären. Ich beuge mich zu Ben:

„Bevor ich mit der ganzen Scheiße hier weitermache, sag mir bitte, ob du heut sterben möchtest?“

„Doc, du kannst mich doch eh, nicht krepieren lassen also mach einfach, was geht. Wenn ich die Schnauze voll hab, reiß ich die Schläuche mit den Zähnen raus.“

Er grinst tatsächlich.

„Ach so ich vergaß, wenn die Lasers meinen kleinen Freund grillen, sagt mir doch bitte Bescheid, ich will wissen, wie er riecht!“

Zumindest bleibt er sich treu und mir ist das erst mal angenehmer, als wenn er jetzt auf ernst machen würde.

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