„Die Ebene“ Ein  Weltraumkrimi-Schundroman: Doc, ein desillusionierter Ex-Forensiker und Journalist ist mit einer kruden Gruppe Wissenschaftler ans Ende des Universums gereist, um dort die fehlenden Teile der Weltformel zu finden. Schon nach kurzer Zeit ist klar, dass es nicht nur darum geht. Und dann gibt´s auch noch den ersten Toten. Doc muss sich fragen:

Wer sind die Guten?

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Die Ebene 24


Ich liege auf dem Bett. Aus der Anlage dröhnt eine Mischung aus Hard Rock und Jazz. Es ist etwas lauter als sonst. Ist auch niemand da, mit dem ich mich unterhalten möchte oder könnte. Die Autopsie hat mich ganz schön mitgenommen. Mein Feierabendbier ist noch nicht ganz leer, als ich eindöse. Ich bin im Nichts unterwegs. Hier gibt es nur vertrackte Schlagzeugfiguren und virtuose Gitarrenläufe. Eine Hand legt sich auf meine Wange und ich schrecke hoch. Für einen Augenblick will ich der Deutschen in die Arme fallen. Dann erkenne ich Sylvia und bin froh, dass sich meine Position nicht verändert hat. Ich schließe wieder die Augen,

„Was gibt’s?“

Es ist nicht unfreundlich gesagt oder gemeint. Ich gebe nur den Heranwachsenden, der seine eigene Trägheit als cool empfindet und das jedem unter die Nase reibt.

„Dein Typ wird verlangt.“

Sylvias Gesicht schaut ein bisschen mitleidig auf mich herab. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich die Augen kaum aufhab. Cool ist cool.

„Captain Miller und Captain Ludmilla haben so was wie ne Vollversammlung einberufen. Da bist du dann auch mit gemeint. Außerdem wollen alle wissen, was du über Viladings seinen Tod herausgefunden hast,“ brüllt sie mitten in den synkopisierten 16tel Lauf aus Gitarre, Bass und Keyboard.

Es wundert mich, dass sie nicht leiser gestellt hat. Aber vielleicht respektiert sie ja auch meine Hoheit über die Stereoanlage. Steht doch im Bericht, will ich grad sagen, doch mir fällt ein, dass ich gar keinen Bericht geschrieben hab. Es gibt nur das Sprachprotokoll. Muss es unbedingt kopieren. Ich mache leiser, schließlich ganz aus. Zum klar denken ist das Gedudel nun wirklich nicht gemacht worden.

„Wann braucht ihr mich?“ frage ich im Aufstehen.

Zeitgleich stöpsel ich das Aufnahmegerät an die Stereoanlage und starte den Kopiervorgang. Eine zusätzliche Kopie werde ich später machen. Sylvia scheint ein bisschen verwirrt darüber, dass ich so schnell handeln kann.

„Hattest ganz schön zu schaffen die letzte Zeit!“

Ich spitze die Ohren, kann aber keine Anspielung feststellen, erspare mir also den Rückpass.

„Wir wollen uns zum Essen treffen. Leichenschmaus sozusagen. Schaffst du´s in einer halben Stunde?“

Ich frage mich zwar, was ich in der Zeit machen soll, sage aber zu. Nachdem Sylvia den Raum verlassen hat, überlege ich, ob ich nicht ein bisschen zu harmoniesüchtig bin. Konfliktscheu wäre auch ein passendes Wort. Ich dreh die Musik wieder an und starre an die Decke.

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Die Ebene 23


Captain Millers Paranoia scheint doch etwas ernster zu sein. Da mir aber keine vernünftige Ausrede einfällt und ich auch nicht diskutieren möchte beginne ich mit meiner Arbeit. Das nötige Werkzeug lass ich von unserem Automaten fräsen, der alles was kleiner ist als ein Kühlschrank binnen weniger Sekunden aus dem rohen Material – hier ist es irgendeine Titanlegierung – schneidet. Du wählst einfach aus dem Katalog das aus, was du brauchst und tippst zweimal auf den Bildschirm und kurze Zeit später landet das fertige Teil im Wasserbecken. Ich weiß was zu tun ist, mache mir keine Gedanken mehr. Warum hat sie mich nicht mal angeschaut? Ist doch nicht so schwer! Ich schäle mich aus meinen Klamotten, streife die OP-Fummel über und lass die Gummihandschuhe kurz schmatzen. Ich habe nicht erwartet, dass sie mir den ganzen Tag um den Hals hängt. Aber dass sie wegschaut. Wer assistiert mir eigentlich? Bin es zwar gewohnt, alleine zu arbeiten, aber eine nette Assistentin wäre hilfreich. Gut als ich in die Zentrale kam hat sie mich bemerkt, sogar ein bisschen gegrüßt. Wie ein Frauchen ihren Schoßhund begrüßt.  Ich reiße mir die Handschuhe von den Händen, werfe sie in die Mülltonne und gehe zur Sprechanlage.

„Captain Miller, wenn ich das hier gut machen soll, brauch ich jemanden der mir zur Hand geht.“

Schweigen am anderen Ende, dann „soll ich Ihnen vielleicht Ben schicken?“

„Ben ist sicher ein guter Offizier und ein großartiger Mensch,“ lüge ich, „aber das hier ist sicher nichts für ihn!“ 

Gemurmel, dann haucht Captain Ludmilla ins Mikro: „ Maria ist auf dem Weg!“

„Kennt sie sich aus?“

„Das frag am besten mich!“ Maria scheint immer noch ein bisschen sauer zu sein. Auf jeden Fall gibt sie sich keine Mühe, zu freundlich zu wirken.

„Bevor ich Astronautin wurde, habe ich Medizin studiert. War aber nix für mich. Zu langweilig.“

„Aha!“ murmele ich, alles weitere, was mir einfällt behalte ich für mich.

Es gibt eh keine Alternative und wenn ich nicht die ganze Zeit Skalpelle und sägen suchen will, dann ist Maria so gut wie jeder andere. Vielleicht sogar besser. Ich warte nicht bis sie umgezogen ist, sondern fange schon an. Die kleine Kreissäge gräbt sich in das Brustbein. Der Geruch nach verschmortem Fleisch und verglimmenden Knochen reizt meinen Magen, doch ich kann mich beherrschen. Maria reicht mir die Zange, die nötig ist, um den Brustkorb zu öffnen. Den ersten Test hat sie bestanden und nächsten zwei Stunden reden wir nur das nötigste. Ich diktiere den Befund in meinen Rekorder und lasse sie ab und an bestätigen. Das mögen die meisten Assistenten. Maria ist da nicht immun. Am Ende klappen wir alles wieder zusammen. Die Gewebeproben stehen schon im Labor. Es ist eine verdammte Sauerei. Was auch immer mit dem Inder passiert ist. Es gibt keine Spur davon, dass ihn irgendwas oder irgendwer angefasst hat noch dass er irgendwo gegen gestoßen ist. Nur sein dritter und vierter Halswirbel sind zerschmettert. Wie das geschehen konnte ist eine Frage, die meinen Ehrgeiz anstachelt. Maria schaut mich fragend an. Ich habe das Gefühl, etwas bei ihr gut machen zu müssen.

„Ich weiß es nicht! Aber ohne deine Hilfe wäre ich jetzt noch am basteln. Danke!“

„Lass gut sein, ich hätte mich auch in Tausendschönchen verknallt.“

Wieso sie das noch auf dem Schirm hat, ist mir ein Rätsel. Überhaupt woher weiß sie, dass ich was mit der Deutschen hab.

„Quatsch! Hast du Lust, mir hier weiter zu helfen.“

Was anderes fällt mir nicht ein, um sie abzulenken. Sie fällt rein.

Wenn´s geht? Zurzeit hab ich nicht so viel zu tun. Eigentlich schon die ganze Zeit. Captain Miller und Ben sind gute Astronauten.“

„Kann schon sein.“

Dass ich beide für vollkommene Idioten halte, sage ich ihr nicht. Wir machen uns wieder an die Gewebeproben, was nichts anderes heißt, als dass wir sie in die unterschiedlichen Analysegeräte reinstopfen. Den Rest übernimmt die Maschine, nachdem ich eingegeben hab, was untersucht werden soll. Früher wusste ich noch, was jede Analyse bedeutet. Doch mittlerweile ist mir das egal. Ich hab´s vergessen. Wenn die Leserin meines Berichts da genaueres erfahren möchte – bitte, nur zu. Ist interessant und es gibt jede Menge Literatur.

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Die Ebene 22


Wie in einem beliebigen Krimi stehen Captain Miller, Ludmilla und Smerg um den toten Ravi. Der Inder liegt auf seinem Bett, als ob er schlafe, doch seine Haltung verrät mir gleich, dass irgendetwas nicht stimmt. Es ist der Winkel, den sein Kopf mit dem Rest des Körpers bildet. Bei jedem anderen hätte ich sofort auf Genickbruch getippt, doch bei so einem Inder konnte man nie wissen. Immerhin haben die Yoga erfunden.

„Darf ich mal?“

Die nächsten Minuten laufen mechanisch ab. Ohne das geringste Zögern spule ich das Programm jedes Forensikers ab, der sein Handwerk versteht.  Obwohl ich schon seit Jahren keine Leiche mehr angeschaut habe. Ich betaste Ravis Hals, schaue in seine Augen, hebe seine Gliedmaßen, bitte um mehrere 3D-Fotos der Situation, begrüße Tausendschönchen und Sylvia, die zur gleichen Zeit eintreffen, schicke nach dem medizinischen Besteck, organisiere den Transport des Restinders in die Krankenstation – Ben und Smerg übernehmen das. Der verwachsene Schwede ist mittlerweile auch erschienen und gönnt sich erst mal einen Schluck. Ich verzichte. Mir ist nicht nach Alkohol. Sylvia und die anderen greifen hingegen gerne zu. Nur die Deutsche verzichtet ebenfalls. Streng schaut sie auf das leere Bett neben dem jetzt nur noch Captain Miller steht.

„Verfluchte Sauerei“ murmelt er in sich hinein und schaut zur Deutschen rüber.

„Was wollen Sie jetzt unternehmen?“ fragt diese.

„Wir müssen den Tod melden, dann soll unser Schreiberling sich mal an seinen alten Beruf erinnern. Das sieht mir nicht nach einem sanften Tod im Schlaf aus; aber ich bin kein Spezialist der da schon.“

Miller ist mir wohl immer noch sauer wegen meiner fehlenden Anteilnahme gegenüber seinen Verschwörungstheorien.

„Bis dahin gehen wir davon aus, dass der Inder eines natürlichen Todes gestorben ist. Ich denke es hilft uns nicht viel, wenn die da unten“ – er sagt immer die da unten, wenn er die Zentrale in Marseille meint. – „uns jetzt auch noch auf den Sack gehen. Zumindest vorläufig. Ich hoffe Sie stimmen mir da zu!“

„Meinen Sie, das ist schlau? Wenn wir erwähnen, dass hier eine Autopsie stattfindet, dann weiß die Expeditionsleitung doch eh, dass hier nicht alles koscher ist!“

„Was wissen sie schon von denen? Machen Sie sich lieber an die Arbeit und schnippeln den armen Kerl auseinander. Und kein Wort davon an die Leitung, das gilt für Sie genauso wie für alle anderen Crewmitglieder.“

Giftig schaut er jetzt Tausendschönchen an. Sie scheint ungerührt. Schwebt über den Dingen und davon. Mich schaut sie nicht ein einziges Mal an.

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Die Geschichte eines Kriegers 4. Kalinta


Als wir aufbrachen waren wir – wie ich schon schilderte – 37 reitende Kriegerinnen mit mir, dem einzigen Mann und Sohn des Königs als Anführer. Mein Vater der eitle Idiot hatte uns in den Krieg der Völker geschickt. Entgegen alle Traditionen sollten wir gegen gleichwertige Feinde kämpfen, statt uns auf Schwächere zu stürzen. Zu unserem Unglück war uns dieser feine Unterschied zwischen Gegner und Opfer nicht so geläufig und so ritten wir stolz und frohgemut in die Berge von Kalun. Meinen ersten Schock über die zu erwartenden Freuden hatte ich schon bald überwunden. Jung und lüstern wie ich war konzentrierte ich mich auf die körperlichen Vorzüge meiner Gefährtinnen.

– Du dämlicher Sohn einer Verdorrten, wie lange dauert es noch.

Ich wage nicht zu antworten, stattdessen hebe ich meine Hand und halte drei Finger in die Höhe, was soviel bedeutet wie drei Meilen oder drei Tage. Ich weiß es nicht und hoffe, dass Vaduta sich nicht eben so viele Fragen stellt, wie ich.

Willst du mich verarschen? Ich werde dir gleich eins überbraten. DREI WAS? TAGE? WOCHEN? STUNDEN?

– Drei Tage

antworte ich geflissentlich. Ich habe mich für drei Tage entschieden, weil ich hoffe, dass die ausreichen werden. Kommen wir früher an, so wird ihre Schelte nicht allzu grob sein. Kommen wir später an, so habe ich Zeit mir eine Ausrede einfallen zu lassen.

Auf jeden Fall fiel mir schon bald nach unserer Abreise Kalinta ins Auge. Gelang es einem, ihr nicht ins Gesicht zu schauen, so war es nicht schwer an ihr durchaus attraktive Züge zu finden. Sie war gertenschlank, fast sehnig, nicht übertrieben muskulös und hatte dabei alles, was so ein geiler Bock wie ich damals begehrte. Ich erinnere mich noch, wie ich ihr zulachte, als wir den ersten Pass überquerten. Und wie ich schnell die Augen schloss, damit ich nicht sah, wie sie mir zurücklachte. Mir war klar, dass wir so nicht näher kommen würden, aber ich brauchte noch etwas Zeit. Die kam, denn wir hatten einen langen Weg vor uns. Die Berge von Kalun gelten gemeinhin als wunderschön und erhaben. Wir jedoch erlebten sie einfach nur als gemein und hinterhältig. Denn erreicht man die ersten Hügel, die sich grün und saftig an unsere ockerfarbenen Ebenen schmiegen, so erscheinen sie gar lieblich mit all ihren Blumen und freundlichen Getier. Doch je länger man diesem Bann erliegt, um so mehr stellt man fest, dass die Nächte scheißekalt sind. Es war in eine dieser Nächte, als Kalinta sich an mich schmiegte. Der Vollmond verhinderte weiteres. Es passierte wirklich nichts, aber ich schwöre, dass ich die erste düstere Nacht herbeisehnte, wie der Bauer den Frühling oder der Seemann die Briese nach langer Flaute. Die Berge wurden immer steiler. Die Wege beschwerlicher. Die Nächte kälter. Als wir endlich das Volk der Banuten erreichten, hatten wir die Schnauze voll von den Kalun Bergen. Die Banuten waren rauhe Gesellen. Jeder von ihnen trug einen kräftigen Vollbart. Sogar Kinder und Frauen hatten die Gesichtszüge von krausen Haaren bedeckt. Sie stanken wie drei Tage gegorene Tigerpisse und hatten keinerlei Benehmen. Diese unsere Verbündeten schissen, wo so speisten, pissten wo sie schliefen und vögelten, wann es ihnen in den Sinn kam. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen galten sie als hervorragende Krieger. Kein Volk, das nicht die Banuten fürchtete. Zudem waren sie ausgesprochen streitsüchtig. Bei jeder Gelegenheit fingen sie einen Händel an. Ein Verhalten, das sicher das Volk der Banuten ausgerottet hätte, würden sie Waffen benutzen. Doch sie fochten immer nur mit den rohen Fäusten. So waren die Scharmützel zwar meist schmerzhaft, aber nie wirklich gefährlich. Trotzdem schärfte ich meine Begleiterinnen ein, es ja nicht drauf ankommen zu lassen. Wie mussten unsere Kräfte schonen.

Am Abend unserer Ankunft kam es dann, wie es so allgemein üblich ist, zu einem großen Empfangsbankett. Was bei den Banuten nicht anderes heißt, als dass alle fressen und saufen, bis auch der letzte auf dem Boden liegt. Uns war soviel Feier nur recht. Schließlich hatten wir eine lange Reise hinter uns. Ich selbst hatte mir für die Nacht ein Stelldichein mit Kalinta vorgenommen. Die bärtigen Weiber der Banuten sprachen mich so gar nicht an und die Nacht sollte dunkel werden. Doch wie es ist mit Vorsätzen, entwickelte sich alles anders. Mir zu Ehren hatten die Banuten eines ihrer Weiber rasiert. Ich weiß nicht, ob es geschah, um mich auf die Probe zu stellen oder mir einen Gefallen zu tun. Auf jeden Fall war das ein ausgemacht scharfes Weib und der Banutenhäuptling stellte uns einander vor. Sie gefiel mir auf Anhieb sehr gut und wir verbrachten den Beginn des Abends gemeinsam. Ich muss gestehen, ich verlor den Rest des Festes ein bisschen aus dem Auge. Erst als grobes Gejohle und Geschrei herüber schallte, wandte ich mich von der Banutin ab und stand auf, um zu schauen, was denn da los sei. Am anderen Ende des Dorfplatzes hatte sich ein großer Kreis aufgeregt gestikulierender Banuten und anderer gebildet. Darunter auch einige meiner Begleiterinnen. In der Mitte des Kreises standen sich ein riesiger Danute, behaart von Kopf bis Fuß und Kalinta gegenüber. Es war leicht zu erkennen, dass es sich um einen Zweikampf zwischen beiden handelte. Der Danutenhäuptling bedeutete mir mit einem festen Griff zwischen meine Beine, dass es nicht angebracht sei, mich einzumischen und so musste ich dem Kampf als tatenloser Zuschauer beiwohnen.Der Riese schnaufte, griff beidhändig in die Erde und warf Zentner von Staub über seine Schulter. Kalinta stand ihm gegenüber. Ihre Haltung war so, wie es unsere Kampfschule vorschreibt: Erhaben und leicht zurückgelehnt. Ein Bein vor, das andere nach hinten gestützt. Ihre Arme zeigten leicht gebeugt nach vorne und rührten in der Luft. So wie es geübte Boxer eben tun. Der gigantische Banute stürzt sich auf sie. Sie tritt leichtfüßig zur Seite, lässt ihn ins Leere laufen und beobachtet tänzelnd, wie er mit der Fresse im Dreck landet.  Das gefällt dem Banuten nicht. Er reißt sich auf und wirbelt herum. Kalinta ist auf der Hut und hat sich um die eigene Achse drehend wieder ihm zu gewandt. Diesmal ist er gewarnt. Das weiß sie. Er grunzt kurz und stürzt auf sie zu. Wieder kann sie ausweichen und als Dreingabe versetzt sie ihm einen heftigen Tritt in die Nieren. Ich jauchze kurz auf vor Freude über diesen Coup. Dann entsinne ich mich meiner Rolle als Gast und beherrsche mich. Der Riese lacht, greift in den Dreck und wirft ihn hoch in die Luft. Kalinta ist kurz abgelenkt. Das nutzt der Banute, um ihr mit erstaunlicher Geschwindigkeit näher zu kommen. Kurz vor ihr stoppt er abrupt und greift nach ihr. Sie kann zwar der Wucht seines Arms entkommen, doch es gelingt ihm, sie mit Links am rechten Handgelenk zu packen. Es muss ein Griff wie ein Schraubstock sein. Doch Kalinta zeigt keine Regung. Stattdessen reißt sie das linke Bein hoch und tritt dem Riesen mit aller Kraft ins Gesicht. Der schüttelt sich kurz und lacht. Lacht Kalinta ins Gesicht. Sie ist zwar groß, doch neben dem Riesen wirkt sie wie ein Kind. Er hebt sie hoch. Sie tritt nach ihm, jedoch wieder ohne nennenswerte Wirkung. Stattdessen rammt seine freie rechte Hand gegen ihren Brustkorb. Ich höre es krachen. Kalinta stöhnt, doch sie gibt sich nicht geschlagen. Mit ihrer linken Hand packt sie den Daumen der Riesenhand, die sie packt und reißt selbigen nach hinten. Es macht einen lauten Knall und der Riese schreit auf. Kalinta landet auf dem Boden. Vor Wut heulend tritt der Riese nach ihr, doch sie kann dem tödlichen Tritt entrinnen. Rücklings auf dem Boden krabbelnd entweicht sie dem Riesen, bis sie an eine Felswand gelangt, die den Rückzug versperrt. Sichtlich geschwächt richtet sie sich auf. Der Riese greift mit der noch heilen rechten Hand nach ihrem Hals. Sie hat keine Chance zu entkommen. Kalinta ist geschlagen. Normal wäre es jetzt gewesen, wenn der Riese sie wieder herabgelassen hätte. Doch irgendwas – ich weiß nicht was – treibt ihn dazu, den Kampf fortzusetzen. Er reißt Kalinta hoch und setzt an, sie gegen den Fels zu schleudern. Da greift meine Gefährtin in ihre Haare und zieht eine Ellenlange Haarnadel aus ihrer Mähne. Während also der Riese sie zu sich heranzieht, um Schwung für den Todesschlag zu holen ziehlt Kalinta mit der Haarnadel auf sein rechtes Auge. Wie zur Warnung ruft sie HALT. Doch der Riese lässt nicht ab. Kalintas Arm schnellt hervor und das Eisen bohrt sich in sein rechtes Auge und weiter. Es kracht kurz, als die Nadel den rückseitigen Schädel durchschlägt. Wie vom Blitz getroffen kracht der Riese auf den Boden. Kalinta folgt ihm halb, springt ab und wältzt sich erschöpft auf den Boden. Ich jubele, doch die Freude währt nur kurz. Der Banutenhäuptling hat mich wieder an den Eiern: Du kannst jetzt nichts mehr für deine Gefährtin tun. Mir schwant, was das heißt: Sie hat das Gesetz gebrochen, in einem Zweikampf keine Waffe zu benutzen und wer jetzt glaubt, aber eigentlich der Riese hätte doch nicht weitermachen dürfen oder so, der täuscht. Vielleicht hat er ja nur Spaß gemacht! Wie dem auch sei. Erörtert wird bei den Banuten gar nichts.

Heute, auf den Böden meiner Heimat erinnere ich mich, dass ich nach dem Fall des Riesen nur noch rhythmisches Gejohle wahrnahm. Gefesselt durch den unbarmherzigen Eiergriff des Häuptlings musste ich Kalintas Ende beiwohnen. Die Rufe der Banuten wurden immer lauter. Kalinta am Boden liegend, sucht Schutz am Fels, Unterstützung bei ihren Kampfgefährtinnen. Die jedoch waren längst, ebenso wie ich, Handlungsunfähig gemacht worden. Der Kreis der Banuten wird immer enger, Dann ist alles nur noch ein einziges Geschrei und Gegrunze. Was mit Kalinta geschah, möchte ich hier nicht beschreiben. Unwillkürlich umklammern meine Hände das einzige, was wir am nächsten morgen von Kalinta fanden: Ihr Halsband.

– Trauerst du immer noch dieser blöden Ziege nach. Um ein Haar hätte es mich die Nacht mit dem Sohn des Banuten-Schmieds  gekostet. So ein dummes Weibsstück!

Ich weiß nicht, ob Vaduta eifersüchtig oder ganz einfach nur bösartig ist. Ich lasse das Amulett in meiner Tasche wieder los und forciere unbewusst den Schritt meines Pferdes.

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Die Ebene 21


Mein Schicksal schenkt mir nur ein paar Minuten dieser ebenso beruhigenden wie dämlichen Gedankens. Denn ich höre einen aufgeregten 1. Offizier neben mir brabbeln. Das hat mir noch gefehlt.

„… du warst doch mal Arzt oder so was?“

Ben´s Speichel fliegt in mein rechtes Ohr. Um der Dusche zu entkommen trete einen Schritt zur Seite und schaue ihn an.

„Hab´s in deiner Akte gelesen. Du warst´n bekannter Leichenfledderer bevor du mit dem Schreiben anfingst.“

Ben grinst, warum ist mir ein Rätsel bis er es auflöst.

„Na komm schon. Nicht jeder stirbt alt. Da war doch ne Menge Frischfleisch dabei!“

Ben ist zwar ein Idiot, aber damit hat er Recht. Die meisten, die auf meinem Edelstahltisch landeten waren jünger als 35. Etwa ein Drittel weiblich und davon wieder ein viertel attraktiv. Zumindest bevor sie auf meinem Tisch landeten. Wenn ich so gestrickt wäre wie Ben, hätte ich mich statistisch also jedes zwölfte Mal freuen können. Dem war aber nicht so. Es war zum kotzen.

„Also hör zu, wir brauchen deine Hilfe. Den Inder hat´s zerissen. Liegt mausetot in seiner Bude.“

Erst jetzt fällt mir auf, dass der Inder nicht im Kontrollraum ist.

„Ben! Verarsch mich nicht.“

„Nee, Chef keine Sorge, der alte Ben doch nicht!“

Wusste gar nicht, dass Ben Ironie kennt. Habe mich wohl getäuscht.

„Also was ist, Gehen wir?“

Ich trotte ihm hinterher. Ich weiß, normal wäre gewesen, ihn mit Fragen zu bombardieren und schockiert zu sein. Doch niemand kommt auf die Idee, Ben eine Frage zu stellen und zum schockiert sein bin ich heute einfach zu belämmert.

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Die Ebene 20


Geleckt und geputzt trete ich in die Kommandozentrale und schaue dem Treiben zu. Niemand beachtet mich weiter. Auch nicht Tausendschönchen. Ist mir recht so. Da ich an Bord keinerlei handelnde Funktion habe, bin ich es gewohnt ignoriert zu werden. Ich müsste ein paar Notizen machen. Die Ereignisse des letzten Tages zusammenfassen und an meine Redaktion auf der Erde senden. Doch ich weiß, dass es dafür schon zu spät ist. Sie hatten den Bericht heut früh erwartet. Jetzt ist es Nachmittag. Normalerweise passiert mir so was nicht, doch jetzt ist es mir egal. Werde mich auf die Ereignisse berufen.

„Na auch schon auf den Beinen?“

Sylvias Stimme klingt ein bisschen härter als sonst und ich frage mich, wieso ich sie vergessen habe. Während ich eine Antwort suche höre ich mich antworten.

„War halt eine aufregende Nacht.“

Ich grinse sie unverschämt an. Sie schaut ein bisschen verwirrt.

„Na dann will ich unseren Abenteurer mal aufklären. Letzte Nacht ist der Antrieb ausgefallen! Wir haben hier ganz schön die Kacke am dampfen!“

„Ja aber wir brauchen den Antrieb doch gar nicht. Ich meine die haben doch erzählt, dass wir nach Verlassen des Sonnensystems nur noch durch die Gravitationskräfte beschleunigt werden“

„Das stimmt auch weitestgehend!“ mischt sich Maria ein. Sie hat anscheinend nichts zu tun. „Der Captain, Ludmilla und Ben sind unten und versuchen den Schaden zu beheben. Smerg ist bei ihnen. Er hat wohl an der Entwicklung des Antriebs mitgearbeitet oder kennt sich zumindest aus.“

„Ja und?“ will ich wissen, „brauchen wir nun den Antrieb oder nicht?“

„Wie gesagt, fürs grobe ist er unnötig, aber es kommt ja immer was dazwischen und dann ist es gut, wenn alles an unserem Schiff funktioniert.“

„Ja und? Kommt grad was dazwischen?“

„ Hoffentlich nicht – aber das ist ein außergewöhnlicher Ort.“

Mir fällt auf, dass ich Maria bisher nur wenig beachtet habe. Sie ist auf eine merkwürdige Art attraktiv. Nichts an ihr stimmt mit den Proportionen überein, die landläufig als schön gelten, die man auf Plakaten oder in Männermagazinen sieht. Doch alles zusammen ergibt eine dermaßen gelungene Komposition, die mich jetzt ein bisschen verwirrt. Sylvia scheint das zu bemerken, denn sie wendet sich überraschend abrupt von uns weg und setzt sich wieder an ihren Rechner.

„Was ist denn los mit dem Antrieb? Ich meine, weiß man da schon was?“

Maria scheint ein bisschen in Quatschlaune zu sein, denn sie beginnt mit einem Vortrag über die vielen technischen Errungenschaften, die in so einem Antrieb stecken, wie viele davon bisher niemals erprobt wurden, weil eben die Zeit nicht langte, welche Komponenten deswegen besonders als Fehlerursache in Frage kommen und das im Zweifelsfall Ludmilla ja Russin sei und die haben ja schließlich die Raumfahrt und speziell das Improvisieren in Notfällen mit der Muttermilch aufgesaugt und dass sie selber – Maria – sich deswegen keine all zu große Sorgen machen würde.

„Nur unser komisches Supergirlie gefällt mir nicht so gut.“

Sie schaut mich an, als suche sie in meinem Gesicht Zustimmung.

„Was ist denn mit der Deutschen nicht in Ordnung?“ frage ich strenger als ich will.

Sie blickt kurz verwirrt.

„Vielleicht bin ich ja nur eifersüchtig, weil sie so schön und talentiert ist.“

Mit einem schüchternen Lächeln, das wohl die triefende Ironie überdecken soll, lässt sie mich stehen. Verflucht was geht hier ab! Gestern noch war Tausendschönchen Staatsfeind Nummer eins und jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich sie … Ja was? Verteidige ich sie? Bin ich jetzt ihr Verbündeter? Hat sich meine Haltung zu ihr tatsächlich um 180 Grad geändert? Sie muss meine Gedanken gespürt haben, denn auf einmal ist sie bei mir, streift mich und ich kann nur ein leises „Schön dich zu sehen!“ hören, während sie weiter im Gang verschwindet. Mein Kopf ist leer gefegt. Vielleicht ist es ja tatsächlich nur der pure Neid auf sie, der uns alle gegen sie einnimmt. Was soll sie denn machen? Sich auf unser Niveau begeben, nur um ein paar zweifelhafte Sympathiepunkte einzufahren. Sie muss einfach arrogant und überheblich daherkommen. Sonst hat sie keine Chance ihr Leben zu leben. Dass ausgerechnet ich ihr gefalle, muss da nicht passen. Ich hab zwar einiges auf dem Kasten aber mir ist auch klar, dass ich in einer ganz andere Liga unterwegs bin als sie. Also was soll´s? Genieß die Zeit.

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Die Ebene 19


Ich liege in meinem Bett. Bin splitternackt. Mein Kopf ist so weich wie ein drei Jahre alter Camembert. In meinem Mund schmeckt es genauso. Ich schaue mich um. Außer mir ist niemand da. Die Tür ist verschlossen. Langsam dämmert mir, was war. Der Schock ist so groß, dass ich erstmal wieder einschlafe. Meine Träume sind spannend. In der Regel geht es darum, dass ich am Ende vor einem Tribunal stehe und mich als Kriegsverbrecher verantworten muss. Jedes Mal, wenn ich mich mit einer Brandrede verteidigen will, wache ich auf, weswegen ich im dritten oder fünften Traum gleich einen Antrag auf Beendigung wegen Verfahrensfehler stelle. Zufrieden mit mir schlafe ich danach wie ein Baby und wache ohne Spätschäden auf. Es ist so wie es ist und so wie es ist ist es gut. Fröhlich summe ich diese idiotische Textzeile vor mich her und starre an die Decke. Ab und an suche ich den Geruch von Tausendschönchen unter der Decke, kann aber nix feststellen. Wahrscheinlich riecht sie ja eh nicht. Ein bisschen wundert mich mein Gleichmut schon, doch wer kann schon misstrauisch werden, wenn es ihm so gut geht wie mir. Immer noch summend steige ich unter die Dusche.

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Die Ebene 18


„Na, haben wir einen über den Durst getrunken?“

Sie ist nur zwanzig Zentimeter von mir entfernt. Ich versuche meinem Blick nicht allzu wirr wirken zu lassen. Doch sie schaut mich genauso an, wie sie mich immer anschaut. Wie viele Insekten sie wohl schon aufgespießt hat. Fräulein Tausendschön sieht Atem beraubend aus. Wie aus einer anderen Welt. Irgendwie scheint sie sich zurecht gemacht zu haben. Mir wird nicht ganz klar woran das liegt.

„Hai!“ lalle ich und hebe unbeholfen meine Hand zum Gruß.

„Ich wollte dich eigentlich fragen, ob du Lust auf ein Glas Sekt hast – Zur Feier des Tages meine ich. Aber du hast anscheinend schon gefeiert.“

Mein Gehirn arbeitet fieberhaft. Was hat sie vor? Warum fragt sich mich? Warum nicht einen von der Crew? Ben zum Beispiel! Ich grinse in mich rein. Nein sie fragt mich. Ich schüttele den Kopf.

„Nee das war nur ein kleiner Drink. Sekt? Haben wir keinen Champagner dabei?“ stammele ich und merke, wie ich schlagartig nüchtern werde.

Gleichzeitig ist mir alles egal. Vor mir steht der schärfste Körper, den sich die männliche Phantasie ausdenken kann und ob Hologramm oder Fleisch und Blut. Ich bin nicht mehr Herr über mich selbst. Irgendein Steinzeitprogramm hat die Leitung übernommen. Sorry, wenn das nicht allzu glaubwürdig klingt. Aber so ist das nun mal. Wahrscheinlich sind Frauen uns Männern deswegen überlegen. Immerhin sind Männer das ältere Modell und da hat die Evolution oder der liebe Gott Zeit gehabt, in paar Verbesserungen einzufügen. Naja, nehmt das nicht zu ernst. Mit meinem Hirn ist zurzeit kein Staat zu machen. Ich rappele mich so elegant wir möglich hoch und komme gut zwanzig Zentimeter vor ihr in den Stand. Das ist reichlich wenig, vor allem wenn man bedenkt, dass wir beide in meinem Bad stehen. Ich kann sie riechen. Irgendwas Edles schwebt um sie. Es ist kein Parfüm. Mir wird ein bisschen weich in den Knien und ich überlege, wie ich meine Schnapsfahne am besten kaschiere. Sie lächelt mich an, wie meine erste Liebe:

„Natürlich Champagner! Eine gute Idee! Ich glaub, das ist sogar welcher!“

Sie hält die Flasche in meine Augenhöhe und grinst verschmitzt. Kein Wunder das mein Hirn so weich ist wie eine überreife Tomate. Vor mir steht nicht die eiskalte Miss Superschlau. Habs doch gleich gewusst, dass sie nicht so ist wie sie tut. Das ist alles nur ein Schutzmantel, den sie sich wegen ihrer Schönheit zulegen musste. Möchte nicht wissen, wie oft sie blöd angebaggert wird. Täglich, stündlich, minütlich. In Wirklichkeit ist sie ein schutzloses Wesen, dass Freunde sucht. Ich will ihr Freund sein und mein Hirn ist jetzt nur noch als Bregenwurst zu gebrauchen. Am liebsten würde ich sie in den Arm nehmen und trösten. Doch was ist, wenn sie das missversteht. Schließlich steht vor mir kein ausgekochtes Luder sondern eine Schutzbedürftige.

„Lass uns doch nach vorne gehen, da hab ich Gläser. Es ist schön, dass du zu mir gekommen bist.“

Aber kein Wunder! Du bist vielleicht der einzige, der mich versteht.“

Ich muss mich beherrschen, dass ich nicht wie ein Idiot mit den Kopf auf und ab wackel, während ich ihr hinterher dackel.  Sorry, liebe Leserin, das ist so bescheuert, dass es stehen bleiben muss. Gibt es doch einen guten Einblick in meine Gedankenwelt zum Zeitpunkt des Besuches.

„Setz dich doch, ich hol nur grad die Gläser.“

Unbeholfen stolpere ich zum Schrank, öffne die Tür und grabbel zwei Gläser aus dem Klappverschluss. Fast wäre ich dabei umgefallen. Sie lacht laut auf. Nicht hämisch oder spöttisch, sondern so als hätte ich etwas besonders tolles gesagt.

„Na, so klein war der Drink nun doch nicht? Ich bin da immer ein bisschen vorsichtig, wenn ein Skandinavier die Flasche auf den Tisch stellt.“

Ich grinse sie an. Nein böse ist sie nicht. Ich schaffe die Gläser heil auf den Tisch.

„Naja, kenn mich nicht so mit Schnaps aus. Aber Smerg ist echt ein Lieber.“

„Ja, ich mag ihn auch!“

Für einen Augenblick wird es eiskalt im Raum. Oder besser gesagt mir. Irgendwas in mir schreit auf. Sie lügt! Schau ihr doch in die Augen! Es sind die Augen einer Schlange! So falsch! Sie kennt keine Freunde, sie kennt nur sich! Doch ich sehe nur zwei strahlend blaue Augen. Ein bisschen ausdruckslos vielleicht. Doch kalt. Nein, nein nein. Ihre Augen lachen mich an. Ich weiß es genau. Sie ist auch eine der Guten! Ich habe mich getäuscht. Später werde ich mich immer wieder über diese Szene wundern, doch jetzt bin ich gefangen und nestele am Korken der Champagner Flasche rum. Es macht kurz plopp, ein bisschen von dem Gesöff kleckert über meine Finger und ich gieße unsere Gläser voll. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie ihre Raumfahrklamotten gegen Zivil getauscht hat. Wer denkt, sie sitzt in irgendeinem scharfen Fummel vor mir, der täuscht. Das wäre zuviel gewesen, hätte sie nur ordinär werden lassen. Nein, sie ist lässig gekleidet. Ein einfaches Kleid, das ihre Formen weder betont, noch verschleiert. Es gefällt mir. Erinnert mich an Sylvia. Sie ist in dem Stil gekleidet, wie ich Sylvia oft gesehen habe, als sie aus dem Wochenende zum Training kam Dieser Gedanke bringt mich ein bisschen weg. Sie holt mich zurück:

„Na dann Prost!“

Wir stoßen an. Ich vergesse das ungute Gefühl sofort und hänge an ihren Lippen.

„Ich weiß, dass ihr mich beäugt, wie eine Außerirdische.“

Dummes Glotzen meinerseits.

„Ich bin das gewohnt. Das war schon im Kindergarten so.“

Sie lacht, ich lach zurück.

„So ist das, wenn du hoch begabt bist. Erst wollen alle deine Freunde sein, dann stellen sie fest, dass sie dir nicht folgen können. Ich meine ich hab mir wirklich Mühe gegeben. Hab übersehen, wie beschränkt die alle sind.“

Verständnisvolles Nicken.

„Naja, will da keine lagen Geschichte draus machen.“

Nee, noch so eine Supergeniegeschichte kann ich auch wirklich nicht gebrauchen.

„Auf jeden Fall bin ich hier gelandet, weil man mir sagte, ich sei die einzige, die die Mission durchziehen kann.“

Alarm – Alarm, der Inder hat was anderes erzählt.

„Ich weiß unser indischer Freund erzählt überall, ich hätte mich zur Leitung der Mission hoch geschlafen!“

Sie lächelt traurig und schaut mich traurig an. Was soll ich denn da machen? Ich bin doch kein Monster! Natürlich schau ich tröstend zurück und mache ein empörtes Gesicht.

Wusste ich gar nicht.“ Log ich und bereute es sofort. „Also ich mein, der Viladings schwätzt den ganzen Tag irgendein Zeug.  Da achtete doch niemand drauf.“

Na egal, die Wahrheit ist auf jeden Fall, dass man mich drei Wochen nach dem Schwerereignis zur NASA geholt hat. Den Rest weißt du ja!“

Und ob, nicke ich. Nur wenig später war ich mit von der Partie. Ich war der Zweite! Warum hab ich das nie hinterfragt. Ich war kein Wissenschaftler und kein Astronaut, hatte mich aber sofort um die Mitreise beworben. Immerhin konnte ich vorweisen, dass ich das ganze Ereignis kannte und der überlebende Braunschweiger hat sicher ein bisschen nachgeholfen.

„Ich war es übrigens, der dir das Ticket besorgt hat! Fritsche kannte ich aus der Studienzeit. Er war der einzige, der mir nicht nachstellte. Wir waren so was wie Bruder und kleine Schwester. Du warst meine Bedingung mit zu machen!“

„Warum?“ schießt es aus mir heraus.

„Naja Fritsche mochte dich und irgendwer musste schließlich mit. Du warst der Einzige aus der ganzen Journallie, der überhaupt irgendwelche Referenzen hatte. Außerdem kanntest du die Ereignisse.“

Woher wusste sie davon? Irgendwo in meiner Hirntomate kämpften wohl ein paar Denkpartisanen. Sie wurden sofort niedergemäht; mit ihnen der kurze Zweifel.

„Dazu kommt, dass ich das Gefühl hatte, wir kennen uns von irgendwoher.“

Ich lächele. Mir ist es inzwischen Scheißegal, wie ich hierher gekommen bin. Was zählt, ist dass sie nur ein paar Zentimeter vom mir entfernt sitzt. Der Champagner schmiegt sich langsam auf den Aquavit und ich erreiche einen Zustand, der zwischen kotzübel und pudelwohl liegt. Sie redet auf mich ein, ich antworte, versuche witzig zu sein, bin es vielleicht sogar. Es ist herrlich. Zum Teufel mit Sylvia. Sie gefällt mir zwar tausendmal besser als Tausendschönchen, aber wer sitzt hier vor mir und trinkt Champagner mit mir. Eben! Ich schenke nach. Mist – leer. Ich bin langsam echt besoffen!

„Warte!“ sagt sie und beugt sich über den Kühlschrank. „Kaltes Bier!!! Das ist genau das was ich jetzt brauche. Dieses Blubberzeug hat mir nie geschmeckt.“

Ich griene sie aus den Augenwinkeln an. Sie gefällt mir immer besser. Es ist, als ob einem Drahtseilkünstler eine Ebene unter dem Seil gespannt wird. Sie stellt das Bier vor meine Nase und lächelt mich an. Ihre Hand streicht unvermittelt über meine Stirn.

„Du bist der erste Mann, der mir gefällt!“

Verdammt! Ich bin so voll wie eine Strandhaubitze und jetzt das. Später wird mir klar werden, dass ich vieles hätte voraussehen können, wenn ich nicht so besoffen gewesen wäre. Doch jetzt befinde ich mich im siebten Himmel. Sie beugt sich über mich. Es ist das letzte, was ich jetzt hier schreiben möchte. Vielleicht liegt das auch daran, dass es die Sicht auf alles weitere verändern würde. Zumindest halte ich die Schilderung der Ereignisse jener Nacht für verfrüht.

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Die Ebene 17


Draußen auf dem Gang wird mir schlagartig bewusst, dass ich an Bens Zimmer vorbei muss. Ich blicke auf das Glas, dass ich immer noch in der Hand halte und stürze den Schnaps in mich rein. Töte sie lieber Alkohol, töte sie! All diese Hirnzellen, die das gleich erlebte wahrnehmen und registrieren wollen. Nur um mich zu quälen. Ich bin mir sicher,  es wird ein blutiger Kampf toben, den der Alkohol nicht gewinnen kann. Zu durchtrieben sind die kleinen Drecksdinger da oben. Ich spüre, wie sie registrieren und vernetzen. Nur damit sie bis in alle Ewigkeit über mich herfallen können mit ihren Erinnerungen und den daraus resultierenden Gedanken. Ich wünsche mir eine Teilzeit Demenz. Vielleicht gibt es dafür ja sogar Pillen. Werd mal in der Bordapotheke schauen und wenn nicht werde ich sie erfinden und damit reich werden. Vielleicht steht Sylvia ja auf Kohle. Aber wahrscheinlich ist ihr das Scheißegal. Na und! Es gibt genug andere Frauen. Werd sie alle flachlegen. So wie Ben meine Sylvia. Ich schaff es nicht und wanke zurück in Smergs Zimmer, halte ihm den Becher unter die Nase und er gießt ein. Erst als das Glas überläuft sage ich stopp, lecke umständlich den Schnaps von meinen Fingern, wodurch noch mehr verschüttet wird und kippe dann das Glas in mich rein. Mir wird fast schwarz vor Augen, ich jappse wie ein Ertrinkender und muss dann husten. Smerge klopft mit seiner Riesenpranke auf meinen Rücken.

„Mann, Mann! Dich hat´s aber erwischt.“

Ich will mir keine Blöße geben und grinse ihn unter vertränten Augen an.

„Ach scheiß was drauf!“

Dann reiße ich mich hoch und stürze durch den Flur, vorbei an Bens Zimmer. Es ist nichts zu hören. Oder doch. Leise Stimmen. Sie klingen vertraut. Wie zwei Menschen, die sich seit langem kennen. Mir wird schwarz vor Augen. Blind renne ich in mein Zimmer und werfe den Kopf über die Kloschüssel. Ich will mich übergeben. Alles raus kotzen, was die letzten Minuten oder Stunden an mich gedrungen ist. Doch es gelingt mir nicht. So sehr ich mich anstrenge. Außer ein bisschen Gewürge kommt nix raus. Werde wohl alles mit in Grab nehmen. Na gut, damit weiß ich umzugehen. Was sich eben noch wie das Ende meines Daseins anfühlte wird langsam zu einem Insekt, dass ich analysiert und bestimmt habe. Jetzt bin ich bereit es aufzuspießen und meiner Sammlung zu übergeben. Der Gedanke gefällt mir so gut, dass sich meine Stimmung schlagartig verbessert. Ich fühle mich unverwundbar. So wie Siegfried oder dieser Grieche Achilles. Nur dass ich keine Ferse habe.

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