Die Ebene 20


Geleckt und geputzt trete ich in die Kommandozentrale und schaue dem Treiben zu. Niemand beachtet mich weiter. Auch nicht Tausendschönchen. Ist mir recht so. Da ich an Bord keinerlei handelnde Funktion habe, bin ich es gewohnt ignoriert zu werden. Ich müsste ein paar Notizen machen. Die Ereignisse des letzten Tages zusammenfassen und an meine Redaktion auf der Erde senden. Doch ich weiß, dass es dafür schon zu spät ist. Sie hatten den Bericht heut früh erwartet. Jetzt ist es Nachmittag. Normalerweise passiert mir so was nicht, doch jetzt ist es mir egal. Werde mich auf die Ereignisse berufen.

„Na auch schon auf den Beinen?“

Sylvias Stimme klingt ein bisschen härter als sonst und ich frage mich, wieso ich sie vergessen habe. Während ich eine Antwort suche höre ich mich antworten.

„War halt eine aufregende Nacht.“

Ich grinse sie unverschämt an. Sie schaut ein bisschen verwirrt.

„Na dann will ich unseren Abenteurer mal aufklären. Letzte Nacht ist der Antrieb ausgefallen! Wir haben hier ganz schön die Kacke am dampfen!“

„Ja aber wir brauchen den Antrieb doch gar nicht. Ich meine die haben doch erzählt, dass wir nach Verlassen des Sonnensystems nur noch durch die Gravitationskräfte beschleunigt werden“

„Das stimmt auch weitestgehend!“ mischt sich Maria ein. Sie hat anscheinend nichts zu tun. „Der Captain, Ludmilla und Ben sind unten und versuchen den Schaden zu beheben. Smerg ist bei ihnen. Er hat wohl an der Entwicklung des Antriebs mitgearbeitet oder kennt sich zumindest aus.“

„Ja und?“ will ich wissen, „brauchen wir nun den Antrieb oder nicht?“

„Wie gesagt, fürs grobe ist er unnötig, aber es kommt ja immer was dazwischen und dann ist es gut, wenn alles an unserem Schiff funktioniert.“

„Ja und? Kommt grad was dazwischen?“

„ Hoffentlich nicht – aber das ist ein außergewöhnlicher Ort.“

Mir fällt auf, dass ich Maria bisher nur wenig beachtet habe. Sie ist auf eine merkwürdige Art attraktiv. Nichts an ihr stimmt mit den Proportionen überein, die landläufig als schön gelten, die man auf Plakaten oder in Männermagazinen sieht. Doch alles zusammen ergibt eine dermaßen gelungene Komposition, die mich jetzt ein bisschen verwirrt. Sylvia scheint das zu bemerken, denn sie wendet sich überraschend abrupt von uns weg und setzt sich wieder an ihren Rechner.

„Was ist denn los mit dem Antrieb? Ich meine, weiß man da schon was?“

Maria scheint ein bisschen in Quatschlaune zu sein, denn sie beginnt mit einem Vortrag über die vielen technischen Errungenschaften, die in so einem Antrieb stecken, wie viele davon bisher niemals erprobt wurden, weil eben die Zeit nicht langte, welche Komponenten deswegen besonders als Fehlerursache in Frage kommen und das im Zweifelsfall Ludmilla ja Russin sei und die haben ja schließlich die Raumfahrt und speziell das Improvisieren in Notfällen mit der Muttermilch aufgesaugt und dass sie selber – Maria – sich deswegen keine all zu große Sorgen machen würde.

„Nur unser komisches Supergirlie gefällt mir nicht so gut.“

Sie schaut mich an, als suche sie in meinem Gesicht Zustimmung.

„Was ist denn mit der Deutschen nicht in Ordnung?“ frage ich strenger als ich will.

Sie blickt kurz verwirrt.

„Vielleicht bin ich ja nur eifersüchtig, weil sie so schön und talentiert ist.“

Mit einem schüchternen Lächeln, das wohl die triefende Ironie überdecken soll, lässt sie mich stehen. Verflucht was geht hier ab! Gestern noch war Tausendschönchen Staatsfeind Nummer eins und jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich sie … Ja was? Verteidige ich sie? Bin ich jetzt ihr Verbündeter? Hat sich meine Haltung zu ihr tatsächlich um 180 Grad geändert? Sie muss meine Gedanken gespürt haben, denn auf einmal ist sie bei mir, streift mich und ich kann nur ein leises „Schön dich zu sehen!“ hören, während sie weiter im Gang verschwindet. Mein Kopf ist leer gefegt. Vielleicht ist es ja tatsächlich nur der pure Neid auf sie, der uns alle gegen sie einnimmt. Was soll sie denn machen? Sich auf unser Niveau begeben, nur um ein paar zweifelhafte Sympathiepunkte einzufahren. Sie muss einfach arrogant und überheblich daherkommen. Sonst hat sie keine Chance ihr Leben zu leben. Dass ausgerechnet ich ihr gefalle, muss da nicht passen. Ich hab zwar einiges auf dem Kasten aber mir ist auch klar, dass ich in einer ganz andere Liga unterwegs bin als sie. Also was soll´s? Genieß die Zeit.

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