Die Ebene 23


Captain Millers Paranoia scheint doch etwas ernster zu sein. Da mir aber keine vernünftige Ausrede einfällt und ich auch nicht diskutieren möchte beginne ich mit meiner Arbeit. Das nötige Werkzeug lass ich von unserem Automaten fräsen, der alles was kleiner ist als ein Kühlschrank binnen weniger Sekunden aus dem rohen Material – hier ist es irgendeine Titanlegierung – schneidet. Du wählst einfach aus dem Katalog das aus, was du brauchst und tippst zweimal auf den Bildschirm und kurze Zeit später landet das fertige Teil im Wasserbecken. Ich weiß was zu tun ist, mache mir keine Gedanken mehr. Warum hat sie mich nicht mal angeschaut? Ist doch nicht so schwer! Ich schäle mich aus meinen Klamotten, streife die OP-Fummel über und lass die Gummihandschuhe kurz schmatzen. Ich habe nicht erwartet, dass sie mir den ganzen Tag um den Hals hängt. Aber dass sie wegschaut. Wer assistiert mir eigentlich? Bin es zwar gewohnt, alleine zu arbeiten, aber eine nette Assistentin wäre hilfreich. Gut als ich in die Zentrale kam hat sie mich bemerkt, sogar ein bisschen gegrüßt. Wie ein Frauchen ihren Schoßhund begrüßt.  Ich reiße mir die Handschuhe von den Händen, werfe sie in die Mülltonne und gehe zur Sprechanlage.

„Captain Miller, wenn ich das hier gut machen soll, brauch ich jemanden der mir zur Hand geht.“

Schweigen am anderen Ende, dann „soll ich Ihnen vielleicht Ben schicken?“

„Ben ist sicher ein guter Offizier und ein großartiger Mensch,“ lüge ich, „aber das hier ist sicher nichts für ihn!“ 

Gemurmel, dann haucht Captain Ludmilla ins Mikro: „ Maria ist auf dem Weg!“

„Kennt sie sich aus?“

„Das frag am besten mich!“ Maria scheint immer noch ein bisschen sauer zu sein. Auf jeden Fall gibt sie sich keine Mühe, zu freundlich zu wirken.

„Bevor ich Astronautin wurde, habe ich Medizin studiert. War aber nix für mich. Zu langweilig.“

„Aha!“ murmele ich, alles weitere, was mir einfällt behalte ich für mich.

Es gibt eh keine Alternative und wenn ich nicht die ganze Zeit Skalpelle und sägen suchen will, dann ist Maria so gut wie jeder andere. Vielleicht sogar besser. Ich warte nicht bis sie umgezogen ist, sondern fange schon an. Die kleine Kreissäge gräbt sich in das Brustbein. Der Geruch nach verschmortem Fleisch und verglimmenden Knochen reizt meinen Magen, doch ich kann mich beherrschen. Maria reicht mir die Zange, die nötig ist, um den Brustkorb zu öffnen. Den ersten Test hat sie bestanden und nächsten zwei Stunden reden wir nur das nötigste. Ich diktiere den Befund in meinen Rekorder und lasse sie ab und an bestätigen. Das mögen die meisten Assistenten. Maria ist da nicht immun. Am Ende klappen wir alles wieder zusammen. Die Gewebeproben stehen schon im Labor. Es ist eine verdammte Sauerei. Was auch immer mit dem Inder passiert ist. Es gibt keine Spur davon, dass ihn irgendwas oder irgendwer angefasst hat noch dass er irgendwo gegen gestoßen ist. Nur sein dritter und vierter Halswirbel sind zerschmettert. Wie das geschehen konnte ist eine Frage, die meinen Ehrgeiz anstachelt. Maria schaut mich fragend an. Ich habe das Gefühl, etwas bei ihr gut machen zu müssen.

„Ich weiß es nicht! Aber ohne deine Hilfe wäre ich jetzt noch am basteln. Danke!“

„Lass gut sein, ich hätte mich auch in Tausendschönchen verknallt.“

Wieso sie das noch auf dem Schirm hat, ist mir ein Rätsel. Überhaupt woher weiß sie, dass ich was mit der Deutschen hab.

„Quatsch! Hast du Lust, mir hier weiter zu helfen.“

Was anderes fällt mir nicht ein, um sie abzulenken. Sie fällt rein.

Wenn´s geht? Zurzeit hab ich nicht so viel zu tun. Eigentlich schon die ganze Zeit. Captain Miller und Ben sind gute Astronauten.“

„Kann schon sein.“

Dass ich beide für vollkommene Idioten halte, sage ich ihr nicht. Wir machen uns wieder an die Gewebeproben, was nichts anderes heißt, als dass wir sie in die unterschiedlichen Analysegeräte reinstopfen. Den Rest übernimmt die Maschine, nachdem ich eingegeben hab, was untersucht werden soll. Früher wusste ich noch, was jede Analyse bedeutet. Doch mittlerweile ist mir das egal. Ich hab´s vergessen. Wenn die Leserin meines Berichts da genaueres erfahren möchte – bitte, nur zu. Ist interessant und es gibt jede Menge Literatur.

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tv-autor, journalist, filmemacher
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