Die Ebene 22


Wie in einem beliebigen Krimi stehen Captain Miller, Ludmilla und Smerg um den toten Ravi. Der Inder liegt auf seinem Bett, als ob er schlafe, doch seine Haltung verrät mir gleich, dass irgendetwas nicht stimmt. Es ist der Winkel, den sein Kopf mit dem Rest des Körpers bildet. Bei jedem anderen hätte ich sofort auf Genickbruch getippt, doch bei so einem Inder konnte man nie wissen. Immerhin haben die Yoga erfunden.

„Darf ich mal?“

Die nächsten Minuten laufen mechanisch ab. Ohne das geringste Zögern spule ich das Programm jedes Forensikers ab, der sein Handwerk versteht.  Obwohl ich schon seit Jahren keine Leiche mehr angeschaut habe. Ich betaste Ravis Hals, schaue in seine Augen, hebe seine Gliedmaßen, bitte um mehrere 3D-Fotos der Situation, begrüße Tausendschönchen und Sylvia, die zur gleichen Zeit eintreffen, schicke nach dem medizinischen Besteck, organisiere den Transport des Restinders in die Krankenstation – Ben und Smerg übernehmen das. Der verwachsene Schwede ist mittlerweile auch erschienen und gönnt sich erst mal einen Schluck. Ich verzichte. Mir ist nicht nach Alkohol. Sylvia und die anderen greifen hingegen gerne zu. Nur die Deutsche verzichtet ebenfalls. Streng schaut sie auf das leere Bett neben dem jetzt nur noch Captain Miller steht.

„Verfluchte Sauerei“ murmelt er in sich hinein und schaut zur Deutschen rüber.

„Was wollen Sie jetzt unternehmen?“ fragt diese.

„Wir müssen den Tod melden, dann soll unser Schreiberling sich mal an seinen alten Beruf erinnern. Das sieht mir nicht nach einem sanften Tod im Schlaf aus; aber ich bin kein Spezialist der da schon.“

Miller ist mir wohl immer noch sauer wegen meiner fehlenden Anteilnahme gegenüber seinen Verschwörungstheorien.

„Bis dahin gehen wir davon aus, dass der Inder eines natürlichen Todes gestorben ist. Ich denke es hilft uns nicht viel, wenn die da unten“ – er sagt immer die da unten, wenn er die Zentrale in Marseille meint. – „uns jetzt auch noch auf den Sack gehen. Zumindest vorläufig. Ich hoffe Sie stimmen mir da zu!“

„Meinen Sie, das ist schlau? Wenn wir erwähnen, dass hier eine Autopsie stattfindet, dann weiß die Expeditionsleitung doch eh, dass hier nicht alles koscher ist!“

„Was wissen sie schon von denen? Machen Sie sich lieber an die Arbeit und schnippeln den armen Kerl auseinander. Und kein Wort davon an die Leitung, das gilt für Sie genauso wie für alle anderen Crewmitglieder.“

Giftig schaut er jetzt Tausendschönchen an. Sie scheint ungerührt. Schwebt über den Dingen und davon. Mich schaut sie nicht ein einziges Mal an.

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