Die Geschichte eines Kriegers 4. Kalinta


Als wir aufbrachen waren wir – wie ich schon schilderte – 37 reitende Kriegerinnen mit mir, dem einzigen Mann und Sohn des Königs als Anführer. Mein Vater der eitle Idiot hatte uns in den Krieg der Völker geschickt. Entgegen alle Traditionen sollten wir gegen gleichwertige Feinde kämpfen, statt uns auf Schwächere zu stürzen. Zu unserem Unglück war uns dieser feine Unterschied zwischen Gegner und Opfer nicht so geläufig und so ritten wir stolz und frohgemut in die Berge von Kalun. Meinen ersten Schock über die zu erwartenden Freuden hatte ich schon bald überwunden. Jung und lüstern wie ich war konzentrierte ich mich auf die körperlichen Vorzüge meiner Gefährtinnen.

– Du dämlicher Sohn einer Verdorrten, wie lange dauert es noch.

Ich wage nicht zu antworten, stattdessen hebe ich meine Hand und halte drei Finger in die Höhe, was soviel bedeutet wie drei Meilen oder drei Tage. Ich weiß es nicht und hoffe, dass Vaduta sich nicht eben so viele Fragen stellt, wie ich.

Willst du mich verarschen? Ich werde dir gleich eins überbraten. DREI WAS? TAGE? WOCHEN? STUNDEN?

– Drei Tage

antworte ich geflissentlich. Ich habe mich für drei Tage entschieden, weil ich hoffe, dass die ausreichen werden. Kommen wir früher an, so wird ihre Schelte nicht allzu grob sein. Kommen wir später an, so habe ich Zeit mir eine Ausrede einfallen zu lassen.

Auf jeden Fall fiel mir schon bald nach unserer Abreise Kalinta ins Auge. Gelang es einem, ihr nicht ins Gesicht zu schauen, so war es nicht schwer an ihr durchaus attraktive Züge zu finden. Sie war gertenschlank, fast sehnig, nicht übertrieben muskulös und hatte dabei alles, was so ein geiler Bock wie ich damals begehrte. Ich erinnere mich noch, wie ich ihr zulachte, als wir den ersten Pass überquerten. Und wie ich schnell die Augen schloss, damit ich nicht sah, wie sie mir zurücklachte. Mir war klar, dass wir so nicht näher kommen würden, aber ich brauchte noch etwas Zeit. Die kam, denn wir hatten einen langen Weg vor uns. Die Berge von Kalun gelten gemeinhin als wunderschön und erhaben. Wir jedoch erlebten sie einfach nur als gemein und hinterhältig. Denn erreicht man die ersten Hügel, die sich grün und saftig an unsere ockerfarbenen Ebenen schmiegen, so erscheinen sie gar lieblich mit all ihren Blumen und freundlichen Getier. Doch je länger man diesem Bann erliegt, um so mehr stellt man fest, dass die Nächte scheißekalt sind. Es war in eine dieser Nächte, als Kalinta sich an mich schmiegte. Der Vollmond verhinderte weiteres. Es passierte wirklich nichts, aber ich schwöre, dass ich die erste düstere Nacht herbeisehnte, wie der Bauer den Frühling oder der Seemann die Briese nach langer Flaute. Die Berge wurden immer steiler. Die Wege beschwerlicher. Die Nächte kälter. Als wir endlich das Volk der Banuten erreichten, hatten wir die Schnauze voll von den Kalun Bergen. Die Banuten waren rauhe Gesellen. Jeder von ihnen trug einen kräftigen Vollbart. Sogar Kinder und Frauen hatten die Gesichtszüge von krausen Haaren bedeckt. Sie stanken wie drei Tage gegorene Tigerpisse und hatten keinerlei Benehmen. Diese unsere Verbündeten schissen, wo so speisten, pissten wo sie schliefen und vögelten, wann es ihnen in den Sinn kam. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen galten sie als hervorragende Krieger. Kein Volk, das nicht die Banuten fürchtete. Zudem waren sie ausgesprochen streitsüchtig. Bei jeder Gelegenheit fingen sie einen Händel an. Ein Verhalten, das sicher das Volk der Banuten ausgerottet hätte, würden sie Waffen benutzen. Doch sie fochten immer nur mit den rohen Fäusten. So waren die Scharmützel zwar meist schmerzhaft, aber nie wirklich gefährlich. Trotzdem schärfte ich meine Begleiterinnen ein, es ja nicht drauf ankommen zu lassen. Wie mussten unsere Kräfte schonen.

Am Abend unserer Ankunft kam es dann, wie es so allgemein üblich ist, zu einem großen Empfangsbankett. Was bei den Banuten nicht anderes heißt, als dass alle fressen und saufen, bis auch der letzte auf dem Boden liegt. Uns war soviel Feier nur recht. Schließlich hatten wir eine lange Reise hinter uns. Ich selbst hatte mir für die Nacht ein Stelldichein mit Kalinta vorgenommen. Die bärtigen Weiber der Banuten sprachen mich so gar nicht an und die Nacht sollte dunkel werden. Doch wie es ist mit Vorsätzen, entwickelte sich alles anders. Mir zu Ehren hatten die Banuten eines ihrer Weiber rasiert. Ich weiß nicht, ob es geschah, um mich auf die Probe zu stellen oder mir einen Gefallen zu tun. Auf jeden Fall war das ein ausgemacht scharfes Weib und der Banutenhäuptling stellte uns einander vor. Sie gefiel mir auf Anhieb sehr gut und wir verbrachten den Beginn des Abends gemeinsam. Ich muss gestehen, ich verlor den Rest des Festes ein bisschen aus dem Auge. Erst als grobes Gejohle und Geschrei herüber schallte, wandte ich mich von der Banutin ab und stand auf, um zu schauen, was denn da los sei. Am anderen Ende des Dorfplatzes hatte sich ein großer Kreis aufgeregt gestikulierender Banuten und anderer gebildet. Darunter auch einige meiner Begleiterinnen. In der Mitte des Kreises standen sich ein riesiger Danute, behaart von Kopf bis Fuß und Kalinta gegenüber. Es war leicht zu erkennen, dass es sich um einen Zweikampf zwischen beiden handelte. Der Danutenhäuptling bedeutete mir mit einem festen Griff zwischen meine Beine, dass es nicht angebracht sei, mich einzumischen und so musste ich dem Kampf als tatenloser Zuschauer beiwohnen.Der Riese schnaufte, griff beidhändig in die Erde und warf Zentner von Staub über seine Schulter. Kalinta stand ihm gegenüber. Ihre Haltung war so, wie es unsere Kampfschule vorschreibt: Erhaben und leicht zurückgelehnt. Ein Bein vor, das andere nach hinten gestützt. Ihre Arme zeigten leicht gebeugt nach vorne und rührten in der Luft. So wie es geübte Boxer eben tun. Der gigantische Banute stürzt sich auf sie. Sie tritt leichtfüßig zur Seite, lässt ihn ins Leere laufen und beobachtet tänzelnd, wie er mit der Fresse im Dreck landet.  Das gefällt dem Banuten nicht. Er reißt sich auf und wirbelt herum. Kalinta ist auf der Hut und hat sich um die eigene Achse drehend wieder ihm zu gewandt. Diesmal ist er gewarnt. Das weiß sie. Er grunzt kurz und stürzt auf sie zu. Wieder kann sie ausweichen und als Dreingabe versetzt sie ihm einen heftigen Tritt in die Nieren. Ich jauchze kurz auf vor Freude über diesen Coup. Dann entsinne ich mich meiner Rolle als Gast und beherrsche mich. Der Riese lacht, greift in den Dreck und wirft ihn hoch in die Luft. Kalinta ist kurz abgelenkt. Das nutzt der Banute, um ihr mit erstaunlicher Geschwindigkeit näher zu kommen. Kurz vor ihr stoppt er abrupt und greift nach ihr. Sie kann zwar der Wucht seines Arms entkommen, doch es gelingt ihm, sie mit Links am rechten Handgelenk zu packen. Es muss ein Griff wie ein Schraubstock sein. Doch Kalinta zeigt keine Regung. Stattdessen reißt sie das linke Bein hoch und tritt dem Riesen mit aller Kraft ins Gesicht. Der schüttelt sich kurz und lacht. Lacht Kalinta ins Gesicht. Sie ist zwar groß, doch neben dem Riesen wirkt sie wie ein Kind. Er hebt sie hoch. Sie tritt nach ihm, jedoch wieder ohne nennenswerte Wirkung. Stattdessen rammt seine freie rechte Hand gegen ihren Brustkorb. Ich höre es krachen. Kalinta stöhnt, doch sie gibt sich nicht geschlagen. Mit ihrer linken Hand packt sie den Daumen der Riesenhand, die sie packt und reißt selbigen nach hinten. Es macht einen lauten Knall und der Riese schreit auf. Kalinta landet auf dem Boden. Vor Wut heulend tritt der Riese nach ihr, doch sie kann dem tödlichen Tritt entrinnen. Rücklings auf dem Boden krabbelnd entweicht sie dem Riesen, bis sie an eine Felswand gelangt, die den Rückzug versperrt. Sichtlich geschwächt richtet sie sich auf. Der Riese greift mit der noch heilen rechten Hand nach ihrem Hals. Sie hat keine Chance zu entkommen. Kalinta ist geschlagen. Normal wäre es jetzt gewesen, wenn der Riese sie wieder herabgelassen hätte. Doch irgendwas – ich weiß nicht was – treibt ihn dazu, den Kampf fortzusetzen. Er reißt Kalinta hoch und setzt an, sie gegen den Fels zu schleudern. Da greift meine Gefährtin in ihre Haare und zieht eine Ellenlange Haarnadel aus ihrer Mähne. Während also der Riese sie zu sich heranzieht, um Schwung für den Todesschlag zu holen ziehlt Kalinta mit der Haarnadel auf sein rechtes Auge. Wie zur Warnung ruft sie HALT. Doch der Riese lässt nicht ab. Kalintas Arm schnellt hervor und das Eisen bohrt sich in sein rechtes Auge und weiter. Es kracht kurz, als die Nadel den rückseitigen Schädel durchschlägt. Wie vom Blitz getroffen kracht der Riese auf den Boden. Kalinta folgt ihm halb, springt ab und wältzt sich erschöpft auf den Boden. Ich jubele, doch die Freude währt nur kurz. Der Banutenhäuptling hat mich wieder an den Eiern: Du kannst jetzt nichts mehr für deine Gefährtin tun. Mir schwant, was das heißt: Sie hat das Gesetz gebrochen, in einem Zweikampf keine Waffe zu benutzen und wer jetzt glaubt, aber eigentlich der Riese hätte doch nicht weitermachen dürfen oder so, der täuscht. Vielleicht hat er ja nur Spaß gemacht! Wie dem auch sei. Erörtert wird bei den Banuten gar nichts.

Heute, auf den Böden meiner Heimat erinnere ich mich, dass ich nach dem Fall des Riesen nur noch rhythmisches Gejohle wahrnahm. Gefesselt durch den unbarmherzigen Eiergriff des Häuptlings musste ich Kalintas Ende beiwohnen. Die Rufe der Banuten wurden immer lauter. Kalinta am Boden liegend, sucht Schutz am Fels, Unterstützung bei ihren Kampfgefährtinnen. Die jedoch waren längst, ebenso wie ich, Handlungsunfähig gemacht worden. Der Kreis der Banuten wird immer enger, Dann ist alles nur noch ein einziges Geschrei und Gegrunze. Was mit Kalinta geschah, möchte ich hier nicht beschreiben. Unwillkürlich umklammern meine Hände das einzige, was wir am nächsten morgen von Kalinta fanden: Ihr Halsband.

– Trauerst du immer noch dieser blöden Ziege nach. Um ein Haar hätte es mich die Nacht mit dem Sohn des Banuten-Schmieds  gekostet. So ein dummes Weibsstück!

Ich weiß nicht, ob Vaduta eifersüchtig oder ganz einfach nur bösartig ist. Ich lasse das Amulett in meiner Tasche wieder los und forciere unbewusst den Schritt meines Pferdes.

Über dieebene

tv-autor, journalist, filmemacher
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