Die Ebene 32


Spätestens an dieser Stelle wird es Zeit, der Leserin ihr Unbehagen auszutreiben, das so langsam von ihr Besitz ergriffen haben sollte. Wie kann es sein? so wird sie sich fragen, dass da eine Weltraummission unterwegs ist und die Besatzung sich ständig einen hinter die Binde kippt, dass das Raumschiff einen anscheinend gigantischen Vorrat an Alkohol und evtl. anderer Drogen mitführt. Oder wie ist es möglich, ein normales Telefongespräch aus dem All zu führen usw… Die Erklärung ist ganz einfach: Seit dem Ereignis, dass für kurze Zeit die Welt durcheinander brachte, hat sich vieles geändert. Technik und Wissenschaft machten erstaunliche Fortschritte. Bestimmte Dinge funktionierten auf einmal und niemand wusste so genau warum. So wurde es auch möglich, ohne Zeitverzögerung Daten egal wie weit durch den Äther zu schicken. Die physikalischen Gründe dafür blieben bis heute verborgen. Klar, es wurden schnell eine Reihe von Thesen und Theorien entwickelt, aber so richtig kapiert es bis heute keiner. Ebenso der Antrieb unseres Raumschiffs. Wäre die Technik in normalen Schritten vorangegangen, so hätte es wohl noch einige hundert Jahre gedauert, doch nach dem Ereignis war es innerhalb weniger Jahre kein Problem, Raumschiffe an die hintersten Ecken des Alls zu schicken. Gleichzeitig änderten sich auch vielerlei Ansichten und eine ordentliche Getränkeausstattung gehörte seitdem zur Grundausrüstung eines Raumschiffs. Alles klar? Dann geht es morgen weiter.

Veröffentlicht unter Die Ebene | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Die Ebene 32

Zwei Zentimeter

Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie oft er mit den starken Fingen seiner kräftigen Hände den Fels um Halt gebeten hatte. Drei Stunden waren jetzt vergangen, dass er den Entschluss gefasst hatte, die Nordroute zu nehmen. Es war … Weiterlesen

Bewerten:

More Galleries

Die Ebene 31

Jetzt ist Smerg in der Küche. Mittlerweile ist es wirklich spät und ich blättere mich durch die Etiketten, ohne auch nur eine Entscheidung treffen zu können, welches bei meiner Lektüre des Artikels auch im Raum war. Bevor ich vollkommen verblöde ruft mich Smerg in die Küche. Er ist vor zwei Stunden verschwunden und ich dachte er liegt längst in der Kiste. Es riecht nach altem Hafen, Olivenöl und Knoblauch. Auf dem Tisch stehen eine Pfanne, Brot, zwei Gläser und eine Flasche Weißwein. Der Däne drückt mir eine Gabel in die Hand.

„Beeil dich! Je heißer umso besser!“

Sein Mund ist bereits gefüllt

„Hab die Muscheln für dich rausgelöst, ging ja sonst nicht. Hoffe, du ekelst dich nicht.“

Zum Glück hab ich Hunger.

„Nimm am besten eine große Gabel voll. Die Muschel spießt du auf, das Rührei  kommt dann schon mit und dann rein in dem Mund. Mit Brot nachschieben und dann den Weißen drauf. So hat´s der bescheuerte Franzose empfohlen.“

Ich kann mich nicht wehren. Zu groß sind Hunger und Däne.

„Nachtmahl?“

Tausendschönchens Stimme schneidet durch den Raum, lässt sich an Töpfen, Pfannen und Geschirr reflektieren um dann in unsere kleine Fressorgie zu platzen. Sie hatte ich ganz vergessen. Smerge bleibt jedoch cool.

„Hei, auch was? Ist der Hammer, danach gehste ab wie ein Zäpfchen!“ zwinkert er los und stellt auch noch ein Glas für sie hin.

Warum nicht?“

Sie macht wieder auf gesellschaftsfähig. Ihr Blick streift mich und während Smerg unsere Gläser füllt, streicht sie mir kurz über die Wange. Ich kann nicht mitbekommen, ob Smerge was gesehen hat, wundere mich aber auch, warum mir ihre Zärtlichkeiten peinlich sind.

„Habt ihr das mitbekommen, dass ich jetzt das volle Kommando über das Schiff und die Crew hab?“

Smerg bleibt unbeeindruckt.

„Captain Miller erzählte es mir, als wir über Viladings Todesfall sprachen.“

„Ja, der Arme ist nicht grade begeistert, dabei wird sich nichts ändern. Auch wenn ich ohne die Crew dieses Schiff managen könnte. Aber vor dieser Hierarchie-Änderung war es ja auch so, dass ich der Kommandozentrale meine Wünsche mitgeteilt habe und sie es dann an Miller als Befehl weitergeleitet hat. Dieser Schritt fällt jetzt weg. Das ist soweit weg sicher klug, denn wir müssen eine Menge entscheiden die nächsten Tage.“

Sie lächelt leicht verträumt und ich kann nur raten, was in ihrem hübschen Kopf vorgeht.

„Ach mach dir keine Sorgen!“ sie schaut mich jetzt direkt an, „obwohl rein faktisch gesehen bist du der Einzige, dessen Situation sich Grund legend ändert. Bisher hattest du keinen Vorgesetzten. Captain Miller war für die Crew zuständig, ich für die Wissenschaftler. Du gehörst weder zu den einen noch zu den anderen. Jetzt wo ich aber das Kommando über das ganze Schiff habe, fällst auch du darunter. Vielleicht war das der Sinn des Ganzen. Die wollten dir ein bisschen deine Unabhängigkeit rauben.“

Sie lächelt mich immer noch an.

„Vergiss es, ich hab keinerlei Interesse daran, dich an deiner Arbeit zu hindern oder dich zu beeinflussen. Auch glaub ich nicht, dass die da unten einen Schreiberling für so wichtig halten. Sei mir bitte nicht böse.“

„Na dann ist doch alles im Lack,“

Hat sie irgendwas Böses gesagt? Vielleicht wollte sie ja nur ein bisschen provozieren. Egal ich bin stinksauer und kipp den letzten Schluck Weißwein in mich rein. Smerg hat wie immer ein Gefühlt für die Situation:

„Schnaps?“

Sie verzichtet, doch ich brauch einen.

Veröffentlicht unter Die Ebene | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Die Ebene 31

Der kleine Roboter

Der kleine Roboter Ist eine Maschine Wenn ihm was im Wege steht Er einfach weitergeht Im Kopf da ist ein Chip Der macht jeden Unsinn mit

Bewerten:

More Galleries

Die Ebene 30


Ich hole das Bier aus dem Kühlschrank in der Küche. Die Russin und ihre Co-Pilotin sind mit einander beschäftigt. Hm, dachte eigentlich, sie seien in Ben verknallt. Das hier sieht nicht danach aus. Vielleicht sollte Ben ja als Samenspender herhalten.  Ist mir auch egal, wollte eh nur Bier holen.

„Hey, da ist ja der Doc!“ es ist Marias Stimme, die irgendwie erleichtert klingt, „hey, noch auf den Beinen? Lust auf einen kleinen Drink?“

„Wir haben hier noch aufgeräumt,“

Ludmilla klingt wie immer ein bisschen zu leise und gefährlich. Wenn ich die Lage richtige beurteile, möchte mich Maria in der Küche behalten und Ludmilla will mich loswerden.

„Ja ein kleiner Schluck zusammen, warum nicht?“

Ich will eh nicht dabei sein, wenn Smerg alles an die Wand fährt.

„Was steht denn auf der Getränkekarte?“

Kölsch““ zischt Ludmlla und verlässt die Küche.

„Kölsch? Das passt!“ ich reiche Maria eine Flasche, die sie gekonnt an der Tischkante entkorkt.

„So geht das schon seit Tagen. Ludmilla kann die Finger nicht von mir lassen. Ich meine sie ist eine attraktive Frau und ich würde gerne mal eine Nacht oder auch mehr mit ihr verbringen, doch finde ich, dass das hier nicht der richtige Ort ist. Außerdem ist sie meine Vorgesetzte und da geht das nun mal gar nicht.“

Marias Offenheit überrascht mich ein bisschen. Sie sieht es mir an.

„Na jetzt tu mal nicht so altmodisch. Sex ist gesund und verlängert das Leben.“

„Ja schön!“

Habe mich entschieden auf cool zu machen. Maria gefällt mir immer mehr. Frag mich, was mit Sylvia ist. War das alles nur gesponnen. An Tausendschönchen denke ich auch, doch ist das mehr akademisch. Ich vergleiche sie mit Maria. Die Italienerin hat keine Chance.

„Nun gaff mich nicht so an, wie ein Steak. Mir ist schon klar, dass ich kein Modell bin.“ Sie hat keine Ahnung. Jeder halbwegs taugliche Fotograf würde sie sofort krallen.

„Sorry, aber weißt du eigentlich, wie schön du bist?“ 

„Arschloch!“

Sie reißt mir den Sechserträger aus der Hand und greift mir mit rechts in den Schritt. Bevor ich mir klar darüber bin, ob mir das gefällt, ist ihr Gesicht direkt vor meinem, sie öffnet ganz leicht den Mund und dann kneift sie mit der rechten Hand ausgesprochen fest zu.

„Was glaubst du eigentlich wer du bist?“

Und schon ist sie weg. Was würde ich jetzt gerne Mädchen schlagen. Stattdessen wanke ich zur Toilette und suche nach bleibenden Schäden. Was war das denn? Sind die alle bescheuert? Breitbeinig erscheine ich mit dem angerissenen Sechserträger bei Smerg, der durstig vor meinem Display lungert und sich die Etiketten des Chateau Isidor anschaut.

„Hast du schon mal Rührei mit Muscheln probiert?“

Veröffentlicht unter Die Ebene | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Die Ebene 30

Die Ebene 29


Im Labor schauen wir uns die Bilder an, finden aber nichts Besonderes.

„Willst du weiter machen?“

„Nee, für heut ist gut. Werd mir noch ein Bier gönnen. Die Idee mit dem Park können wir ja demnächst wieder aufleben lassen.“

Smerg scheint nicht allzu enttäuscht.

„Kein Problem. So viel Alternativen gibt’s hier ja nicht.“

„Smerg, ich bin zwar nicht neugierig, aber eins interessiert mich doch. Warum wird eigentlich nicht am Triebwerk rumgebastelt? Ich dachte, das ist kaputt.“

„Ist es auch. Oder noch. Wir lassen grade eine Selbstdiagnose laufen. Das praktische daran ist, dass, sollte sie richtig funktionieren, sie auch das Triebwerk wieder repariert. Ist ein bisschen gespenstisch oder? Na auf jeden Fall können wir jetzt nix machen außer warten. Morgen wissen wir mehr.“ Er grinst mich an. „Sach mal, willste dein Bier allein verdrücken, oder kann ich noch kurz mit?“

„Wenn´s dich nicht stört, dass ich am Rechner sitze und recherchiere, kein Problem!“

Hab zwar nicht grade Lust auf Gesellschaft, aber Smerg macht nicht den Eindruck, dass er mir auf den Sack gehen wird.  Wenig später bin ich auf der Homepage des Weingutes Isidor. Leider erfahr ich da nur, dass das Weingut im Bordeaux liegt und dass das Weingut seit 145 Jahren in Familienbesitz ist. Außerdem gibt es das Angebot, die Weinproduktion von 14-16 Uhr zu besuchen. Voranmeldung sei erwünscht. Wie üblich dauert es ein bisschen bis ich die Telefonnummer finde.

„Sach mal Smerg, kannst du französisch?“

Der Riese hat mir die ganze Zeit aufmerksam zugeschaut und meinen Biervorrat reduziert.

„Oui,“ quietscht er kurz. „Was gibt´s?“

Ich erkläre ihm die Situation. Zwei Flaschen Kölsch später wählt er das Weingut an. Es müsste dort 15 Uhr sein. Wir haben September. Smerg flötet in den Hörer:

„Hallo, hier Smerfg Johanson vom dänischen Weinmagazin Gut Trinken. Wir würden gerne einen Bericht über ihr Weingut bringen…. usw,“

Smerg macht seine Sache gut. Soweit ich ihn verstehen kann. Außerdem macht es ihm einen Heidenspaß. Ja man habe alle Etiketten irgendwann mall fotografiert, nur wo die Fotografien jetzt seien und ob sie auch digital vorliegen. Überhaupt wozu sei das denn gut, man habe ja das Design geändert, um nicht mit einem benachbarten Weingut verwechselt zu werden, nebenbei bemerkt ein Wein, der nur schwer diese Bezeichnung verdiene, grausiger Tropfen, trotz all der Auszeichnungen, aber diese Amerikaner wüssten ja wie man Weinkenner besteche, da sei es sicher nicht vorteilhaft, die alten Etiketten wieder hervorzukramen. Eben, eben kontert Smerg geschickt, die Zeitschrift wolle ja gerade das als Hookline seiner Story nutzen und den Leser mit diesem Skandal vertraut machen. Ich nehme ihm die Bierflasche aus der Hand, um klar zu machen, dass er übertreibt. Doch Smerg ist in Fahrt, ich befürchte, dass er gleich von seinen Spiegeleiern faselt und alles in den Sand setzen wird. Tatsächlich, kurze Zeit später höre ich mehrmals hintereinander „Oeuf“. Mir fällt nichts anderes ein, als den Kühlschrank zu öffnen und nach einem weiteren Bier zu recherchieren. Mit dem Ergebnis, dass ich den Raum verlasse um Nachschub zu holen. Das Telefonat hat mittlerweile eine intensivere Färbung bekommen. Smerg rollt mit den Augen und schlägt virtuelle Eier in die Pfanne oder was weiß ich.

Veröffentlicht unter Die Ebene | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Die Ebene 29

Die Ebene 28


Es ist kein Wunder, dass sich niemand um Viladings Garten bemüht hat. Das kleine Gelände  ist praktisch nicht zu auszumachen. Zu sehr ähnelt es seiner direkten Umgebung. Fein gestutzte Bäumchen und ein paar Sträucher mit bunten Blüten. Selbst wenn man so wie wir jetzt direkt davor steht fällt erst nach längerem Hinstarren auf, dass es ein eigener kleiner Garten ist und nicht zum Rest gehört. Sobald man ihn dann entdeckt hat, kommt er einem so natürlich vor, dass niemand auf die Idee käme, hier sei was versteckt worden. Auffällige Besonderheiten fehlen und so vergisst man den Garten einfach wieder, Wenn das alles Absicht ist, dann Hut ab. Ich betrete den architektonisch-botanischen Tarnkappenbomber mit entsprechendem Respekt. Ein winziger Weg führt von der Stirnseite zu einem kleinen Altar mit einem fetten Buddha drauf. Links und rechts von dem Buddha trocknen zwei Butterblümchen vor sich hin. Viladings kann sie noch selbst gepflückt und hier hingelegt haben. Er wirkte auf mich zwar wie ein ziemliches Arschloch, aber gut auch die können ja eine romantische Ader haben. Ich schau auf die Rückseite des Altars. Das Ding ist aus Holz. Nicht kitschig, nicht wertvoll. Kann mich grad noch beherrschen, das Teil anzufassen. Bin auf eine Tatortuntersuchung nicht vorbereitet und muss erst die entsprechenden Dinge aus dem Labor holen. Zum zweiten Mal freue ich mich darüber, dass ich heute nicht mit den anderen gesoffen habe. Sonst würde es mir sicher schwer fallen. Ich gebe Smerg kurz Bescheid, auf das  Gärtchen achtzugeben, dann bin ich schon im Labor. Meine Lust auf Wein ist erst mal weg. Werde mir gleich ein Bier gönnen. Doch erst mal das hier. Werde Captain Miller wohl nach den Überwachungsvideos fragen müssen. Trotzdem mache ich erst mal Fotos. Dann fang ich an, das Gärtchen systematisch zu untersuchen.  Ich erwarte nicht, dort etwas zu finden, aber ich will auch nichts auslassen. Links und rechts des Weges zum Altar sind vier Steinerne Tafeln mit indischen Inschriften. Sie liegen nicht einfach symmetrisch, also einfach gegenüber, jedoch kann ich auch keine geometrische Anordnung erkennen. Werde das von oben fotografieren. Der Altar selbst steht unter einem Kirschbaum, der gerade blüht. Hinter dem Gartengelände sind Rotbuchensträucher gepflanzt. Eines der Geheimnisse des Gartens ist wohl, dass die Pflanzen innerhalb des Gartens mit den Umgebenden korrespondieren. Auch die Rotbuchen und Kirschen, aber auch andere Bäume und Sträucher. Der Boden ist mit einem sehr feinen Rasen bewachsen. Gänseblümchen gibt es hier keine. Nur ein paar Kleeblätter. Insgesamt wirkt alles recht aufgeräumt, ohne dass man daran denken muss, dass jemand den Garten pflegt. Nachdem ich einen 3D-Scan (ja da staunt die Leserin, aber ich hoffe sie lässt sich nicht von ein bisschen Techgeschwafel aufhalten. Die Jungs mögen so was und würden mir einfache Fotografien eh nicht abkaufen) des Altars fotografiert habe, fang ich an das Ding genauer unter die Lupe zu nehmen. Sein erdiges Braun sorgt dafür, dass er erst spät ins Auge fällt. Kerzen oder Räucherstäbchen fehlen. Da sind nur der Buddha und die zwei Gänseblümchen. Ich überlege, ihn hier auseinander zu bauen, verschiebe das aber aufs Labor. Die Steine mit den indischen Inschriften scanne ich ebenfalls ein. Smerg schaut mir interessiert zu. Irgendwie wird er nicht besoffener. „Soll ich dir bei dem Altar helfen?“ Ich könnte das Teil zwar alleine gut schaffen, aber mit Smerg ist es doch wesentlich einfacher. Nach zwanzig Metern trägt er den Altar alleine.

Veröffentlicht unter Die Ebene | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Die Ebene 28

Die Ebene 27


Ich habe keine Lust auf die Tafelrunde und setze mich stattdessen an meinen Rechner. Chateau Isidor – Welches Jahr war es gewesen? Ich versuch mich an die Etiketten zu erinnern. Fehlanzeige. Krieg noch nicht mal die Farbe zusammen. Auf gut Glück gebe ich die Weinmarke ein. Nach der dritten Auflistung nutzloser Links geh ich in die Küche. Meine Verachtung für Alkohol ist etwas abgeflaut und auf dem aktuellen Etikett werde ich sicher was finden, das mir weiter hilft. Der Rotwein ist im Lagerraum. Erst heute geht mir auf, dass der Raum riesig ist und mehr einem mittleren Supermarkt gleicht. Sogar Einkaufswagen stehen bereit. Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs stehen ordentlich in den Regalen bereit. Die Temperatur ist etwas niedriger als im übrigen Schiff – wegen der Lebensmittel. Irgendwo gibt es hier auch ein Gewächshaus, aber das hat mich bisher nicht weiter interessiert. Ich war zwei- oder dreimal dort, aber es ist dann doch kein richtiger Garten. Alles geht vollautomatisch. Sicher hätte der ein oder andere von uns gerne gegärtnert. Aber das wäre zu riskant wegen der Keime. So hat es zumindest der Ausbilder in Marseille erzählt. Er sagte tatsächlich nur „… wegen der Keime!“ und damit war die Sache für ihn erledigt. Stattdessen haben sie uns eine kleine Parkanlage spendiert. Da dürfen wir ein bisschen Hand anlegen, Smerg ist sehr oft dort. Er hat ein kleines Beet mit Bonsais und zupft dort stundenlang rum. Niemand kann den Unterschied zwischen davor und danach erkennen. Aber ihm macht das nichts aus. Er zupft und schweigt. Vor dem Weinregal stoße ich gegen seinen Rücken. Er hockt vor den Flaschen und sucht anscheinend etwas anderes als Chateau Isidor. Ich freue mich ihn alleine zu treffen. Schließlich betrachte ich ihn seit unserem Besäufnis auch ein bisschen als Freund. Gleichzeitig hab ich ein schlechtes Gewissen, weil ich die Deutsche an mich rangelassen hab. Andererseits geht es ihn auch nichts an.

„Stimmt!“ prustet der Däne raus. „ich würde sie auch nicht von der Bettkante stoßen!“ Er grinst mich an. „Sach mal gibt’s hier nix anderes als diesen vermaledaiten  Isidor. Hängt mir langsam zum Hals raus.“

Wir fangen beide an, die verschiedenen Kartons aufzureißen. Ich öffne sie vorsichtig, damit sie nicht ihre ganze Stabilität verlieren, Der Däne reißt einfach die Deckel ab, um ein bisschen schlauer zu werden. Ich sehe, dass es ihm Spaß macht. Seit dem er seien Ausfall über die dänischen Spiegeleier hatte ist er richtig leutseelig geworden. So als ob ihm eine schwere Last abgenommen wurde. Werde das mal irgendwann zur Sprache bringen. Momentan muss ich die Weinfracht retten.

„Mach mal halt! Da hinten ist was anderes.“

Ich habe einen Karton im Auge, der offensichtlich keinen Isidor enthällt. „Crux Bel Ami“ steht fröhlich auf dem augeklebten Etikett. Ich bohre einen Finger in die Kartonhülle und ziehe ihn hervor.

„Meinste der gefällt dir besser?“

Smergs Pranke greift nach den Karton, öffnet ihn, zieht eine Flasche raus und schlägt den Kopf am Regal ab. Sein Finger fährt kurz über die Bruchstelle, dann hält er die Flasche über seinen Mund und lässt es laufen. Das ganze dauert keine zwei Seekunden.

„Ist ok! Nicht unbedingt besser als Isidor, aber mal was anderes. Gefällt mir der schöne Freund!“

Wie lange es wohl dauert, bis man einen Menschen richtig kennt. Smerg merkt meine Verwunderung.

„Ich war auch mal jung! Das hier hab ich in Kristianstadt gelernt. Konnte man die Mädels mit beeindrucken.“

Er hält mir die Flasche hin.

 „Pass auf deinen Lippe auf!“

Doch es ist zu spät. Ich hab die abgebrochene Öffnung an den Mund gehalten und zu dem Wein gesellt sich auch ein bisschen Blut. Smerg hält mir ein Taschentuch hin.

„Hätte ich dir früher sagen sollen! Sorry!“ trotzdem grinst er übers ganze Gesicht. „Na, ich werd mal beim Isidor bleiben!“

Mir ist klar, dass der Däne nicht in dem Zustand ist, sich über die derzeitige Situation zu unterhalten. Er sieht ganz klar nach feiern aus.

„Ach komm, lass uns mal in den Park gehen: Mir ist momentan nicht nach dem ganzen Haufen. Nimm du  ruhig deinen Isidor. Ich bin versorgt.“

Ohne weiter Umstände klemmt er die Kiste Bel Ami unter seinen Arm und stapft los. Ich stapfe hinterher. Der Gedanke an Rotwein im Park erinnert mich an meine Jugend und noch heute gibt’s für mich kaum was schöneres als Rotwein im Park. Geistesgegenwärtig raffe ich noch Käse und Brot zusammen. Meinen Zechkumpanen treffe ich vor seinem Bonsaibeet.

„Weißt du, dass der Viladings hier auch gerne gestanden ist? Er hat hier immer seine Augen gerollt und noch zwei drei andere komische Sachen. Hab ihn aber nie gefragt, was das soll.“

„Hat er den auch Gegärtnert?“

„Keine Ahnung, hab ihn nur hier gesehen; oder dich – lass mich mal überlegen.“

Smerg geht auf einen Ecke im Park zu, die für mich nichts Besonderes hat.

„Schau – hier war er auch mal.“

Wir schauen über ein kleines Zäunchen. Dahinter ist ein winziger Garten. Es ist mehr eine Miniaturausgabe eines Gartens. Vielleicht ein paar Quadratmeter groß.

„Hast du das jemals zuvor gesehen?“

„Ja, dachte das hätten sie gemacht, damit der Inder sich nicht so einsam fühlt oder so…“

Smerg schaut mich ein bisschen ungläubig an.

„Du stellst dir wohl nicht allzu viele Fragen?“

„Stimmt ich bin nicht grade neugierig.“ 

Smerg nickt: „Nee, das hat niemand für den Inder angelegt. Das muss er selbst gemacht haben. Hat mich aber auch nicht weiter interessiert. Hab ja mein eigenes Beet und wenn er mir das hier zeigen wollte, dann hätte er das sicher auch gemacht.“ 

Er nimmt einen Schluck und schaut mich erwartungsvoll an. Mir fällt ein, dass ich eigentlich den Tod  des Inders untersuchen wollte. Jetzt steh ich hier mit einem riesigen Dänen, der dazu auch noch Schlagseite hat.

„Smerg, sei mir nich böse, aber ich glaub ich werd mir das mal anschauen und du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du mir nicht in den Garten folgst, sondern die Augen offen hältst. Ich möchte das erst mal allein machen.“

Eine idiotische Ausrede, schließlich wird jeder Quadratmillimeter des Schiffes überwacht, aber Smerg geht darauf ein. Er weiß anscheinend selber, dass er die Hucke voll hat und hier nur Unsinn anstellen würde.

Veröffentlicht unter Die Ebene | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Die Ebene 27

Die Ebene 26


Von den Gesprächen beim Essen bekomm ich kaum was mit. Es gibt sich auch niemand Mühe mich einzubinden. Entweder aus Rücksicht oder aus Verachtung. Ben grinst nach wie vor unverschämt rüber und erzählt Anekdoten aus seiner Heimat. Captain Miller und Ludmilla schaufeln das Menu missmutig in sich hinein. Miller aus echter Sorge, Ludmilla aus Gewohnheit. Ich ertappe mich dabei, wie ich ab und an zur Deutschen rüberschiele, kann ihren Blick aber nicht fangen. Gut, vielleicht schauen wir ja abwechselnd. Ein Blick in die Gesichter der anderen zeigt mir, dass sie gut zugelangt haben. Selbst der große Däne ist rosiger im Gesicht als sonst. Nur Svendes Leber lässt trotz Dauerbeschuss keinen Alkohol ins Blut. Vielleicht gibt es da ja auch so was wie ein Gleichgewicht. Klar die Deutsche ist auch noch nüchtern. Sie gehört zu den Menschen, die einen Teller lehr kriegen ohne dass man sieht wie. Es gibt kein Schmatzen, kein Gabelkratzen, kein Sägen oder Gelöffel. Das Essen VERSCHWINDET einfach. Meine Gedanken kehren zurück zur letzten Nacht. War die Erinnerung daran heute Morgen noch so präsent wie Bens dummes Geschwätz bei Tisch, so legt sich mehr und mehr ein Schleier darüber. Millers leicht belegte Stimme reißt mich aus den Gedanken.

„So, lasst uns mal zur Sache kommen wir sind ja nicht zum Völlen hier. Möchte also erst mal mein Bedauern über das Verscheiden unseres geschätzten indischen Kollegen ausdrücken. Kann gar nicht sagen, wie sehr sein Abschied schmerzt. Habe mir eine kleine Laudatio zurechtgelegt, die ich Ihnen und Euch vortragen möchte. Werde ein kurzes Gebet anschließen, weil mir als rechten Christen danach ist. Auch wenn ich mir nicht sicher bin ob unser lieber Viladings das gutheißen würde. Glaube er war Atheist, aber unter Gottes Herrschaft sind ja alle gleich…“

Au weia! Prosecco und Bordeaux können ganz schöne Schäden verursachen und mit einem von diesen konfrontiert uns anscheinend Captain Miller. Ich denke es reicht, wenn wir das ertragen müssen und schütze deshalb die Leserin vor den geistigen Leistungen unseres Captains. Nach gut einer viertel Stunde ist es vorbei und Miller braucht einen Schluck Grappa. Man hat an alles gedacht.

„Jetzt zu Ihnen Doc. Was hat ihre Autopsie ergeben?“

Damit habe ich gerechnet. Das Vortragen medizinischer Ergebnisse ist ein Heimspiel und ich spule los: 

„Todesursache war der Bruch der Wirbelsäule. Zweiter und dritter Halswirbel sind vollkommen zerschmettert. Infolgedessen setzte die Versorgung des Gehirn aus. Den Todeszeitpunkt kann ich erst genau festlegen, wenn ich die Laborergebnisse ausgewertet habe. Es gab keinerlei Spuren auf Fremdeinwirkung. Weder Hautabschürfungen, noch Blutergüsse. Wie der Inder sich den Hals ohne fremde Hilfe gebrochen haben kann, ist mir ein Rätsel. Tatsache ist aber, das alles andere mehr oder weniger ausscheidet. Ich bin mir zwar sicher mit meiner Aussage, aber es können immer noch Ergebnisse oder Beobachtungen auftauchen, aufgrund derer ich mein Urteil verändern muss.“

Ich liebe den letzten Satz, heißt der doch, dass ein riesiges Hintertürchen offen steht, falls ich Mist gebaut hab. Die anderen starren mich an.

„Ja und? Ist das alles?“

„Vorläufig ja!“

Wie schon den ganzen Tag, hab ich mich beim Saufen zurückgehalten und bin entsprechend nüchtern. Die anderen plappern erregt los und versuchen so ihrer Aufregung Herr zu werden. Woran ist der Inder gestorben? Halswirbel zerschmettert, wie geht denn das? Miss Superhirn sagt nichts. Sie schaut kurz zu mir hinüber und ich bin mir nicht sicher, ob sie mich triumphierend anschaut und wenn, was das zu bedeuten hat. Sie steht wortlos auf und verlässt den Raum. Ich widerstehe der Versuchung ihr zu folgen und gehe stattdessen zu Captain Miller.

„Wollen wir das jetzt der Zentrale melden?“

schon in der Mitte der Frage weiß ich, dass es hoffnungslos ist. Millers Blick ist glasig und er grient zu mir hoch:

„Setzen Sie sich doch! Sie wissen, dass ich große Stücke auf Sie halte,“ fährt er fast flüsternd fort. Nicht, ohne mir das linke Ohr zu duschen. „Auch wenn Sie ein Gott verdammter Zivilist sind. Ich glaube an Ihre Loyalität. Nein wir werden das erst mal hier oben klären. Wenn die da unten Wind davon bekommen, brechen die noch die Mission ab. Das sind eben alles Sesselpupser. Die haben keinen Mumm in den Knochen. Kennen nur ihre Paragraphen und Regeln…“

„Heißt das, dass Sie auch den Tod Viladings verschweigen?“

„Was heißt verschweigen. Wir werden es ja bekannt geben. Doch erst wenn wir unserer Mission erfüllt haben. Es geht hier um mehr als um ein indisches Physikgenie. Das ist eine Mission, die über Wohl und Wehe der Menschheit entscheidet. Die lass ich mir nicht aus der Hand nehmen.“

„Hören Sie doch auf damit, wir machen hier einen kleinen Ausflug zu zwei Sternen, die ein merkwürdiges Phänomen zeigen. Mehr nicht und auch nicht weniger! Wissenschaftlich hoch interessant, aber mit dem Schicksal der Menschheit hat das nur wenig zu tun.“

„Meinen Sie? Na dann kommen Sie mal mit!“

Schwankend steht Miller auf und wankt in Richtung seiner Kabine.

„Sie denken sicher, ich führe Sie ins Zentrum der Macht? Dachte ich vor ein paar Tagen auch noch. Bis ich eine Nachricht von ganz oben bekam.“ Er lacht, sicher weil ich ihn etwas schräg anschaue. „Nein! Der heilige Geist ist nicht in mich gefahren. Ich meine die oberste Leitung. Der Präsident sozusagen!“

Ich weiß auch nicht warum, aber diese Militärfuzzis haben anscheinend ein großes Bedürfnis danach, ihre Umwelt mit Speichei einzudecken. Ich trete etwas zurück. Miller nimmt das als Zeichen, einen Schritt vorzutreten und mir fast ins Ohr zu beißen:

„Kommen Sie!“

Ich reibe mir die geduschte Gesichtshälfte und folge ihm zu seinem Computer. Miller tippt energisch darauf herum und endlich leuchtet eine Textzeile auf.

„Miller, ab sofort hat die Deutsche das volle Kommando. Allen ihren Befehlen ist bedingungslos Folge zu leisten. Bauen Sie keinen Scheiß und halten sie die Eierköppe in Schach. Um die Russin und ihre Gespielin kümmern wir uns.“

Miller merkt, dass ich über den Jargon etwas erstaunt bin,

„liegt an dem Dechefrierprogramm. Man kann sich individuell einstellen. So wie die Sprache bei einem Navi zum Beispiel. Ich mag es lieber ein bisschen direkt, aber wenn Sie wollen kann ich wieder auf militärischen Standardjargon umschalten.“

Er ist schon dabei in den Einstellungen des Programms zu fummeln, doch ich unterbreche ihn

„Lassen Sie, ich versteh das so auch besser. Bloß was hat das zu bedeuten?“

„Schauen Sie, wir haben ja hier Aufgabenteilung. Ich bin der Chef des Schiffes und der Crew. Die Deutsche ist Chefin der Wissenschaftler: Sie sagt, was geforscht wird, ich sage, wohin das Schiff fährt. Soweit alles klar?“

„Nicht so kompliziert.“

„Und jetzt diese Scheiße! Damit ist sie absolute Herrscherin über das Schiff!“

„Hm…“ mach ich erst mal.

Mir fällt nichts ein. Wie normal oder bekloppt das ist, kann ich nicht beurteilen. Allerdings gefällt mir der Gedanke nicht, dass meine liebe Miss Superhirn soviel Macht bekommt.

„Was wollen Sie jetzt machen?“

„Erst mal gar nichts! Doch wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Kleine nicht richtig tickt. Vielleicht macht das nichts. Bisher hatten wir ja keine Probleme. Kann also sein, dass alles glatt läuft. Doch es gefällt mir eben nicht. Und unternehmen kann ich nichts. Mir sind die Hände gebunden. Aber ich kann versuchen mir einen Reim draus zu machen. Überlegen Sie mal. Warum bekommt so eine Wissenschaftstusse das Kommando über so ein Schiff. Warum werde ich zum Steuermann degradiert? Was kann so wichtig sein? Ich hab da ein bisschen recherchiert und was finde ich. Unsere kleine Pussi ist mit der wichtigsten Formel der Menschheit beschäftigt. So steht es zumindest in einem der Gutachten, dass immer in solchen Fällen eingeholt wird. Waren mir bisher schnuppe die Unterlagen, aber jetzt ist das etwas anderes. Wenn Sie dann mal überlegen, dass dies die teuerste Weltraummission ist, die je durchgeführt wurde, dann wird selbst Ihnen klar, dass das hier keine Butterfahrt ist.“

Ich nicke, drehe mich aber erst mal nach einem Waschbecken suchend um, stürze unauffällig darauf zu und wasche mir Millers Speichel vom Gesicht.

„Harter Tobak!“ stoße ich aus meinem nassen Gesicht hervor.

Miller reicht mir ein Handtuch. Ich staune, doch bin ich auch froh. Es ist frisch. Vielleicht habe ich mich in Miller getäuscht. So blöd ist der gar nicht. Im Gegensatz zu mir. Es hat mich nie gewundert, warum all diese Militärfuzzis und Generäle rum gewuselt sind und auf wichtig gemacht haben. Dachte, das sei eben so in der Raumfahrt.

Veröffentlicht unter Die Ebene | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Die Ebene 26

Die Ebene 25


Sie sitzen schon alle da. Trotz des Todes des Inders ist die Stimmung nicht übermäßig gedrückt. Ein Blick auf die Batterie geleerter Proseccoflaschen verrät mir warum. Das Zeug ist anscheinend für alles gut. Ben und Ludmilla haben gekocht. Jeder hier könnte die Küche eines Spitzenrestaurants leiten. Irgendein Schwachkopf war auf die Idee gekommen, dass gemeinsames Kochen die Crew auf Weltraummissionen besser zusammenschweißt. Das hat zwar nichts mit der Wirklichkeit zu tun, sorgt aber für gutes Essen an Bord. Wir wurden wahrscheinlich durch die härteste Kochschule der Welt geprügelt. Dagegen war das Fitnessprogramm ein Kinderspiel. Trotzdem gibt es leichte Unterschiede. Während ich mich nur recht zurückhalten an den Kochorgien beteilige – meist um in der Nähe Sylvias zu sein – gibt es Crewmitglieder, die sich dem mit kindlicher Begeisterung hingeben können. Ludmilla ist so ein Fall. Bei all ihrer Strenge. In der Küche wird sie zum Menschen. Sie albert, macht Späße und wirft die Töpfe und Pfannen in die Luft, wenn ihr danach ist. Es ist manchmal wenig, was der Mensch zum Glück braucht. Ben ist sicher der ideale Partner für Ludmillas Begeisterung. Bar jeden Selbstzweifels macht er alle Späße mit. Sogar mich hätte er fast mal eingewickelt, wenn er nicht ständig am Grill stehend die Würste mit männlichen Geschlechtsorganen unterschiedlicher Nationalität verglichen hätte. Ein oder zwei solcher Scherze höre ich gerne und ich kann auch drüber lachen. Doch Ben hatte 57 verschiedene Sorten in der Mache und lies keine aus: „Schau mal die kleinen Gelben da. Das sind Chinks! Hahahha…“ usw… Heute gibt es keine Würste. Ludmilla verliest die Menufolge. Gleich wird sie wieder die alte sein. Soviel Spaß ihr Kochen bereitet, sowenig Freude hat sie am Essen. Liegt vielleicht auch an der Art, wie sie die Speisen interpretiert.

„Es gibt heute Suppe mit Gemüse. Dann folgt der Hauptgang aus Fleisch und Stärkebeilage. Wer mag nimmt sich was von dem Salat. Zum Schluss dann Käse und Süßspeise.“

Kein einziges Wort gelogen, doch jeder andere hätte Ludmillas Klarheit umgangen und wenigstens ein bisschen von Petersilie an Fettaugen geschwafelt oder so. Mir gefallen Ludmillas Ansagen und es tut mir weh, dass sie selbst unter ihrer Sichtweise leidet. Ben ist da anders. Mit großer Geste entkorkt er den Rotwein.

„Bordeaux, 1997er, Chateau Isidor blablablla!“

Schenkt Sylvia!!!! einen kleinen Schluck ein, zwinkert ihr zu und lässt sie kosten. Sie lässt sich nichts anmerken, kippt den Stoff runter und hält das Glas erneut hin. Ben macht die Runde, grinst mir überlegen ins Gesicht als er bei meinem Glas angekommen ist und setzt sich dann schließlich auf seinen Platz. Ich habe mich inzwischen gewappnet. Bin unverwundbar geworden. Ben und Sylvia sind mir egal. Selbst Tausendschönchen kann mir nichts. Ich bin frei. Mit diesem Gedanken setze ich den Roten an die Lippen. Urplötzlich schießt ein Gedanke durch meinen Schädel. Rotwein – 1997 – Chateau Isidor. Da war was. Ich erinnere mich noch genau an die Zeit. Ich war drauf und dran, zum kompletten Arschloch zu mutieren. An der Uni galt ich als talentiert. Ich selbst hielt mich für ein Genie, den neuen Helden der Chirurgie. Meine Augen waren besser, meine Hände waren ruhiger, meine Gedanken schneller als die aller anderen. Damit das so blieb kippte ich jeden Abend eine Flasche Bordeaux in mich rein, wenn es die Gelegenheit ergab auch mehr. Bevorzugt Chateau Isidor. Damals die Hausmarke vom nächstgelegenen Discounter. Während ich das Zeug in mich rein laufen ließ, las ich alles, was mit meinem Fach zu tun hatte. Ich wollte es wissen. Und in einem dieser Fachartikel war von einem Stoff die Rede, der Epilepsieähnliche Anfälle verursacht. Das Jahr und das Symptom sollten ausreichen, um den Artikel wieder zu finden. Ich nippe nur kurz an dem Glas. Verstecke meine Erregung hinter einem verstörten Lächeln und warte auf den Moment am Computer.

Veröffentlicht unter Die Ebene | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Die Ebene 25