Die Ebene 28


Es ist kein Wunder, dass sich niemand um Viladings Garten bemüht hat. Das kleine Gelände  ist praktisch nicht zu auszumachen. Zu sehr ähnelt es seiner direkten Umgebung. Fein gestutzte Bäumchen und ein paar Sträucher mit bunten Blüten. Selbst wenn man so wie wir jetzt direkt davor steht fällt erst nach längerem Hinstarren auf, dass es ein eigener kleiner Garten ist und nicht zum Rest gehört. Sobald man ihn dann entdeckt hat, kommt er einem so natürlich vor, dass niemand auf die Idee käme, hier sei was versteckt worden. Auffällige Besonderheiten fehlen und so vergisst man den Garten einfach wieder, Wenn das alles Absicht ist, dann Hut ab. Ich betrete den architektonisch-botanischen Tarnkappenbomber mit entsprechendem Respekt. Ein winziger Weg führt von der Stirnseite zu einem kleinen Altar mit einem fetten Buddha drauf. Links und rechts von dem Buddha trocknen zwei Butterblümchen vor sich hin. Viladings kann sie noch selbst gepflückt und hier hingelegt haben. Er wirkte auf mich zwar wie ein ziemliches Arschloch, aber gut auch die können ja eine romantische Ader haben. Ich schau auf die Rückseite des Altars. Das Ding ist aus Holz. Nicht kitschig, nicht wertvoll. Kann mich grad noch beherrschen, das Teil anzufassen. Bin auf eine Tatortuntersuchung nicht vorbereitet und muss erst die entsprechenden Dinge aus dem Labor holen. Zum zweiten Mal freue ich mich darüber, dass ich heute nicht mit den anderen gesoffen habe. Sonst würde es mir sicher schwer fallen. Ich gebe Smerg kurz Bescheid, auf das  Gärtchen achtzugeben, dann bin ich schon im Labor. Meine Lust auf Wein ist erst mal weg. Werde mir gleich ein Bier gönnen. Doch erst mal das hier. Werde Captain Miller wohl nach den Überwachungsvideos fragen müssen. Trotzdem mache ich erst mal Fotos. Dann fang ich an, das Gärtchen systematisch zu untersuchen.  Ich erwarte nicht, dort etwas zu finden, aber ich will auch nichts auslassen. Links und rechts des Weges zum Altar sind vier Steinerne Tafeln mit indischen Inschriften. Sie liegen nicht einfach symmetrisch, also einfach gegenüber, jedoch kann ich auch keine geometrische Anordnung erkennen. Werde das von oben fotografieren. Der Altar selbst steht unter einem Kirschbaum, der gerade blüht. Hinter dem Gartengelände sind Rotbuchensträucher gepflanzt. Eines der Geheimnisse des Gartens ist wohl, dass die Pflanzen innerhalb des Gartens mit den Umgebenden korrespondieren. Auch die Rotbuchen und Kirschen, aber auch andere Bäume und Sträucher. Der Boden ist mit einem sehr feinen Rasen bewachsen. Gänseblümchen gibt es hier keine. Nur ein paar Kleeblätter. Insgesamt wirkt alles recht aufgeräumt, ohne dass man daran denken muss, dass jemand den Garten pflegt. Nachdem ich einen 3D-Scan (ja da staunt die Leserin, aber ich hoffe sie lässt sich nicht von ein bisschen Techgeschwafel aufhalten. Die Jungs mögen so was und würden mir einfache Fotografien eh nicht abkaufen) des Altars fotografiert habe, fang ich an das Ding genauer unter die Lupe zu nehmen. Sein erdiges Braun sorgt dafür, dass er erst spät ins Auge fällt. Kerzen oder Räucherstäbchen fehlen. Da sind nur der Buddha und die zwei Gänseblümchen. Ich überlege, ihn hier auseinander zu bauen, verschiebe das aber aufs Labor. Die Steine mit den indischen Inschriften scanne ich ebenfalls ein. Smerg schaut mir interessiert zu. Irgendwie wird er nicht besoffener. „Soll ich dir bei dem Altar helfen?“ Ich könnte das Teil zwar alleine gut schaffen, aber mit Smerg ist es doch wesentlich einfacher. Nach zwanzig Metern trägt er den Altar alleine.

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