Die Ebene 42

„Du fragst dich sicher, warum wir hier sind.“

Mache ich nicht, aber ich lasse sie gewähren. Sie zeigt mit dem Arm auf die Mitte einer sehr eindrucksvollen Projektion aus Sternen, Galaxien und anderem Weltallkram.

„Aha?“ mache ich. Dann erkenne ich das Doppelspiegelei.

„Du meinst die beiden Sterne?“

Eigentlich hatte ich was neues erwartet.

„Ja, im Prinzip schon. Nur geht es nicht um die Sterne selbst. Es geht um den Prozess in dem sie sich befinden!“

Sie sagt das tonlos. Mir fällt auf, dass sie sich nicht die Mühe gibt, Emotionen zu zeigen. All ihre Erregung liegt in ihren Worten von denen ich leider kaum was verstehe; aber sie ist jetzt nicht mehr zu stoppen. So etwa am Ende ihrer Ausführungen lässt sie sich auf meinen Horizont herab und ich wache langsam wieder auf. Vielleicht auch, weil sie meine Schultern mit beiden Händen gepackt hat:

„….verstehst du es geht hier um die Vereinigung zweier Sterne die beide für sich genommen so energiereich sind, dass sie alle uns bekannten Schwarzen Löcher verspeisen könnten, ohne auch nur merklich an Energie zu gewinnen. Das heißt wir haben hier ein Phänomen vor uns, wie es so noch nie in der Geschichte des Universums gegeben hat. Auf diesen Moment warte ich seit meiner Geburt.“ 

Um nicht allzu blöd zu erscheinen, mache ich ein verständnisvolles Gesicht. Schließlich wartet jeder von uns seit seiner Geburt auf irgendetwas. Das Essen, den Bus, Erkenntnis. Ich halte etwa zwei bis drei Sekunden lang durch. Wie verberge ich nur, dass mir das alles ziemlich egal ist? Unmöglich, das merkt Tausendschönchen auch. Sie lächelt:

„Gib dir keine Mühe. Mir ist klar, dass das alles für dich keine Bedeutung hat. Sicher ein Grund, warum du mir so gefällst. Aber ein bisschen was solltest du schon verstehen.“

Ich nicke treudoof.

„Ich will es mal kurz machen,“ fährt sie fort. „Wir sind hier, um den Raum zwischen den beiden Sternen zu vermessen: Entfernung, Schwerefeld, Teilchendichte, Strahlung und noch eine Menge anderer Parameter die dir wahrscheinlich nichts sagen werden. Nach allem was man bisher weiß, müssten sie irgendwann in einander stürzen und sich in einer gigantischen Explosion gegenseitig vernichten. So was wie ein Urknall. Vielleicht nicht ganz so heftig. Aber immerhin gewaltig. Tatsache ist aber, dass die beiden Sterne keinerlei Anstalten machen. Der Abstand zwischen ihnen bleibt exakt gleich. Zumindest seit dem Schwere-Ereignis; also seit ihrer Entdeckung. Die Frage ist also: Sind unsere Messinstrumente zu schwach, um etwas festzustellen oder gibt es einen anderen Grund.“

Sie schaut mich an, um zu überprüfen, ob ich auch alles verstanden hab.  Um nicht all zu blöd dazustehen frage ich sie:

„Und was denkst du?“

„Noch gar nichts! Ich warte die Messungen ab. Wir sind noch nicht lange genug hier, um irgendwelche Spekulationen anzustellen.“

„Warum so bescheiden?“

Erst jetzt merke ich den süßlichen Schnapsgeruch, Hergeson lehnt sich lässig in die Tür. Zumindest so lässig, wie es seine verwachsene Figur zulässt. Die Deutsche gibt sich unbeeindruckt.

„Hergeson?! Na, im Gegensatz zu Ihnen versuche ich auch jetzt noch einen klaren Kopf zu behalten. Das heißt auch, dass ich all meine Thesen über Bord werfe und erst mal analysiere. Egal für wie toll ich meine Ideen auch halten mag!“

Hergesons Gesicht nimmt einen Ausdruck an, den er wahrscheinlich für verächtliches Grinsen reserviert hat. Es macht ihn nicht attraktiver.

„Hört, hört! Die große Naturforscherin besinnt sich auf alte Tugenden. Na ja, vielleicht hast du auch recht. Auf die paar Tage kommt es auch nicht mehr an. Aber gestattest du, dass ich unseren naiven Freund ein bisschen aufkläre?“

„Warum nicht? Versuch dein Glück. Aber lass mich aus dem Spiel.“ Und zu mir gewandt: „Es wäre ein leichtes, ihn aufzuhalten, aber mir ist nicht danach.“

Was sie damit meint, verrät sie nicht. Mit einem kurzen Blick auf die beiden Spiegeleisterne verschwindet sie. Wie so oft bei ihr, kann ich keine Bewegung wahrnehmen.

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