Die Ebene 79


Natürlich ist der Captain sauer. Geht ja nicht, so schlampig mit dem Tod einer geschätzten Kollegin umzugehen. Sein Gezeter perlt an dem Becher Wodka ab, wie die Stimme eines Kinderchors. Nach ein paar Minuten hat sich Miller gefangen.

„So eine Scheiße. Was soll ich jetzt den Sesselfurzern da oben sagen? Erst der Inder, dann die Russin. Dazu dieser Hornochse von 1. Offizier. Na, mir soll´s egal sein. Die Deutsche hat ja das Kommando. Soll sie sich was ausdenken.“

Er schaut mich unwillkürlich an.

„Sagen Sie mal, sie haben doch was mit der? Oder? Geht mich zwar nix an, was eine deutsche Wissenschaftlerin hier so auf meinem Schiff treibt, aber wer meinen Boss vögelt, möchte ich schon wissen. Also Doc, ist die wirklich so scharf wie sie aussieht?“

Ich glotze nur doof.

„Ich meine, man sagt doch, dass diese Supergirls gar nicht so gut im Bett sind. Sie wissen schon: die Nase hoch den Schritt trocken.“

Ich leg noch ein bisschen Blödheit in meinen Blick.

„Na kommen Sie Doc! Sie sind zwar nicht Adonis, aber ich finde, Sie haben was. Mich haben Sie ja auch um den Finger gewickelt. Nicht dass ich schwul bin, aber ich kann die Weiber verstehen, die sich in sie verknallen.“

Langsam bekomm ich Augenschmerzen. Ob Captain Miller einen im Tee hat, kann ich nicht beurteilen. Bin ja selbst ein bisschen neben der Spur. Ich habe keine Lust, mich mit ihm zu streiten und ihn einfach stehen lassen, halte ich auch nicht für klug. Ich suche also nach einer entspannenden Formulierung oder nach einem Ablenkmanöver:

„Vielleicht ein anderes Mal. Ich hoffe Sie sind mir nicht böse. Aber ich hab selbst eine Frage: Was ist mit dem Schiff?“

Es klappt.

„Das ist die nächste Scheiße, in der wir sitzen. Der Kahn läuft nicht. Und das beschissene ist, ich kann nicht mal eingreifen. Wissen Sie ich versteh ne Menge von der Raumfahrt und von den Raumschiffen. Steuerung, Antrieb, was weiß ich! Alles kein Problem für mich. Nur bei dieser Kiste hier bin ich hinten dran. Das macht mich ein bisschen nervös.“

Ich greife den Faden auf:

„Nervös? Wieso? Die Erfinder des Antriebs sind doch mit an Bord. Was könnte es Besseres geben?“

„Einen guten Bordingenieur! Die Kopfgesteuerten fummeln mir zu viel und zu lange rum. Ich hab sie ja gesehen. Der Schwede scheint zwar ein bisschen praktisch veranlagt zu sein. Doch das hilft alles nicht, wenn ihm diese deutsche Flittchen – äh sorry- im Nacken sitzt. Der will ihr dann zeigen, was ne Harke ist und dann dauert es wieder ein paar Minuten länger, bis er einen Knopf drückt.“

Während ich mich wieder einmal über Captain Millers aufblitzende Intelligenz wundere, leuchtet eine kleine rote Lampe an der Decke auf. Das ist der Alarm. Also der Alarm für alles von Leck bis Untergang und was sonst noch so passieren kann am Rande des Raumes. Captain Miller stürzt an mir vorbei zur Brücke. Ich folge ihm. Zum ersten mal neugierig.

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