Die Ebene 77

Dummerweise dauert der nur ein paar Sekunden oder Minuten. Stattdessen starre ich jetzt auf Ludmilla und die verschiedenen Anzeigen, die sie jetzt samt der Schläuche und Kabel umgeben. Es ist still. Sehr still. Es dauert ein bisschen, bis ich kapiere, dass es zu still ist. Ich springe aus meinem Sessel und kontrolliere Ludmillas Puls. Der pumpt ganz leise vor sich hin, aber das bedeutet nichts, denn es ist ja die Lebenserhaltungskiste, die das Blut antreibt. Ich überprüfe die Apparatur. Ludmillas Herzschlag, ihren Atem. Auch hier ist keinerlei Fehler zu finden. Die Russin ist in dem gewollten Koma und ihr Zustand hat sich nicht verschlechtert. Trotzdem ist irgendwas faul. Ich setze mich an die Tastatur des Diagnoserechners. Das Gerät sollte fähig sein, mir einen Lagebericht aus Ludmillas Körper zu geben. Tatsächlich. Auf dem Bildschirm erscheint eine Abbildung, die anzeigt, wo es überall brennt. Toll. Blöd ist nur, dass ihr ganzer Körper betroffen ist. Die Antikörper in ihrem Blut machen sich über sie her. Nur in Schach gehalten von der Lösung, die über die Infusion in sie rein träufelt. Ich schiebe den Monitor weg. Mir fällt nichts ein, was ich machen kann. Warten. Scheiß Idee. Meine Aufmerksamkeit wird wieder von der Stille gepackt. Ich piepe Smerg an. Der Däne ist nüchtern, als er in Ludmillas Räumen erscheint.

„Meinst du sie kommt durch?“ ist das erste was er fragt.

„Keine Ahnung.“

Wir schweigen kurz, dann frage ich ihn nach der Stille.

„Es ist der Antrieb. Jetzt sind auch die Hauptkühlaggregate ausgefallen. Das ist nicht weiter schlimm. Es gibt für alles, oder zumindest fast alles Ersatz.“

Smergs Holperer ist wohl dem vermaledeiten Laserablationsgenerator zu verdanken. Den gibt´s hier nur einmal.

Die Ersatzkühlaggregate sind deutlich schwächer dimensioniert. Deswegen auch viel leiser. Was mit den Hauptaggregaten ist, versucht Svende herauszufinden. Er ist ein hervorragender Praktiker.“

Gibt es eigentlich auch noch Ersatzaggregate für die Ersatzaggregate?“

„Ja, aber das sind dann echte Luschen, die nur zur Not und für kurze Zeit eingesetzt werden.“

„Was ist, wenn wir keine Kühlung haben?“

„Dann können wir den Antrieb nicht anschalten, der übrigens immer noch defekt ist. Aber ohne die Kühlung würde uns der Antrieb eh in unsere Elementarteilchen zerlegen. Also: Erst Kühlung reparieren, dann Antrieb.“

Mein großer Freund sagt das so ruhig, als ginge es darum, Startprobleme bei einem Auto zu beheben. Mir fällt es schwer, seine Gelassenheit nachzuahmen. Panik ist allerdings auch nicht mein Metier. Also entschließe ich, die Kühl- und Antriebsprobleme zu ignorieren.

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