Die Ebene 72

Wie schön! Ich bin kein Lawinenopfer. Stattdessen sitzt die Supermaus aus meinem Traum an meiner Bettkante. Schlaftrunken setze ich an, mich in die rettenden Arme zu schmiegen. Doch statt des erhofften weichen Empfangs bleibt die Deutsche leider kühl. Sie hat anderes als Schmusen im Sinn

„Wäre ganz gut, wenn du kommen würdest. Jetzt sofort.“

Ihre Stimme schafft es, mir anstehende Fragen zu verkneifen. Stattdessen bin ich dreißig Sekunden später mit ihr in den Fluren des Schiffes unterwegs. Das ist er Vorteil, wenn man angekleidet einschläft. Wir sind auf dem Weg zu Ludmillas Reich. Die Russin ist erkrankt. Woran ist ein Rätsel, das ich lösen soll. Maria ist schon bei ihr. Sie hat auch das Diagnoseset parat. Ludmilla liegt auf ihrem Bett. Ihr Gesicht ist verschwitzt. Sie scheint trotzdem zu frieren. Ich lege ihr den Armring des Diagnosesets an, ziehe die Bettdecke zurück, Sie ist nackt, was die Sache etwas erleichtert. Ihr Körper ist durchtrainiert wie der einer Siebenkämpferin.  Jetzt wirkt er jedoch ausgemergelt. Ihre Haut hat eine Farbe zwischen gelb und grün. Vielleicht ist es auch bräunlich oder grau. Ich schaue mir das Elend etwas näher an. Tatsächlich hat sie kleine braune Pusteln, die etwa Millimetergroß ihren Körper bedecken. Ich blicke auf die Anzeige des Diagnosegeräts. Sie scheint eine Infektion zu haben. Die Anzeige kann sich nicht entscheiden. Eine Infektion!? Woher? schießt es mir durch den Kopf. Woher bitte schön has sie hier eine Infektion bekommen. Das ganze Raumschiff ist so Keimfrei wie der Südpol. Wir wurden tausendfach gecheckt und mit Antibiotika voll gepumpt. Niemand hier ist in der Lage, auch nur einen einzigen gefährlichen Keim zu produzieren. Oder doch? Mir wird auf jeden Fall ein bisschen schummrig.

„Wir müssen Ludmillas Bude unter Quarantäne stellen. Wer von Euch hat sie bislang berührt?“

„Ich!“ Maria.

Die Deutsche schüttelt den Kopf.

„Wir saßen zusammen, hatten eine Besprechung. Maria, Ludmilla und ich, als ihr übel wurde. Dann ist sie aufgestanden und in ihr Zimmer gegangen. Berührt habe ich sie nicht.“

„Ihr müsst trotzdem erst Mal vom Rest der Mannschaft getrennt bleiben. Ebenso wie ich.  Kann sein, dass Ludmilla eine Infektion hat. Das müssen wir so lange durchzeihen, bis wir wissen, um was es hier geht.“

„Haste ne Idee, wo?“ Maria

„Wie lange wird das dauern?“ Tausendschönchen

„Gute Frage. Keine Ahnung.“ Ich.

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