Die Ebene 71

Ich schau aus dem Fenster. Das Wetter ist traumhaft. Sonne, blauer Himmel und alles was einem sonst noch so einfällt. Ich bin in den Alpen. Es ist Winter. In der Nacht zuvor hat es geschneit. Ich habe mich mit Freunden in einem französischen Skiort eingezeckt und schon drei wunderbare Skitage hinter mir. Heute ist der Tag, an dem wir die Nordroute des Hausberges aufsteigen und wieder abfahren wollen. Der Aufstieg ist nicht so leicht, es gäbe da ein paar knifflige Stellen, so unser Tourenleittier, das uns schon zum Frühstück mit Details der Route auf den Sack geht. Als wir dann endlich schwitzend den Berg hoch kriechen, hält er endlich die Fresse. Gibt nix zu sagen, außer ein paar Klugscheißereien an einer Spitzkehre. Insgesamt haben wir es aber gut getroffen. Der Typ kennt die Berge hier wie seine Westentasche. Am Gipfel angekommen gibt es dann eine Menge Scherzereien und Geplapper. Wie as halt so ist, wenn man was tolles geschafft hat. Oder es zumindest glaubt. Bei der Abfahrt entscheide ich mich, als letzter zu fahren. Ich mag es, wenn niemand in meinem Rücken fährt. Außerdem schau ich den anderen gerne beim Skifahren zu. Der pulvrige Neuschnee ist mindestens Knietief. Ich schwebe. Doch irgendwas stimmt nicht, Der Grund ist weicher, als er sein sollte. Dazu kommt ein seltsames Geräusch. Schneebatzen überholen mich seitlich. Das alles passiert gleichzeitig. Doch es dauert gute eine oder zwei Sekunden, bis ich kapiere, was los ist: Ich bin in ein Scheiß Schneebrett geraten. Ich blicke mich nicht um. Versuch nur noch, seitlich aus dem Hang raus zu fahren. Zu spät kapiere  ich, dass das in der Richtung, die ich eingeschlagen habe nicht geht. Eine Felswand versperrt den Weg. Bevor ich dagegen knalle, wende ich. Auf alles gefasst. Dann ergreifen mich die Schneenassen und ich rudere wie ein Bekloppter, um oben zu bleiben. Doch der Schnee wirbelt mich durcheinander. Ein tolles Gefühl, wenn das Ergebnis nicht so blöd wäre. Kurze Zeit später geht gar nichts mehr. Ich kann nicht mal den kleinen Finger bewegen. Ich stecke fest. Wie lange überlebt man in einer Lawine. Zehn Minuten? Zwanzig? Mir fällt es nicht ein. Die Zeit vergeht und nichts passiert. Sollten mich nicht meine Skikumpane retten. Wissen die wo ich bin? Verdammte Scheiße. Es ist stockdunkel und mir wird langsam übel vor Panik. Dann rüttelt eine Hand an meine Schulter. Es ist soweit. Ich habe abgedankt. Eine wnnderschöne Frau lächelt mich an. Ok, denke ich, so schlecht ist das gar nicht mit dem Sterben. Da können wir gerne weiter machen. Vielleicht haben die bekloppten Selbstmordattentäter ja recht mit ihren tausend Jungfrauen. Mir würde fürs erste mal diese eine hier reichen. Die Hand rüttelt wieder an meiner Schulter. Was soll der Scheiß? Erst jetzt erkenne ich das Gesicht. Es ist Tausendschönchen.

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