Herr Haase


Natürlich war es vermessen. Doch er konnte nicht anders. Seit 15 Jahren fuhr er die Strecke. Immer das Gleiche. 15 Jahre, 5512 Tage, um genau zu sein. Denn genau, das war er.  Akribisch genau. Deswegen fuhr er diese Strecke tagein, tagaus. Deswegen liebten ihn seine Vorgesetzten. Es war diese Präzision, die ihn die Bücher seiner Bank traumwandlerisch führen ließ. Es war diese Zuverlässigkeit, die seine Familie ernährte. Es war diese Gewissenhaftigkeit, die ihn so langweilig erschienen ließ. Sie war sein persönlicher D-day und Waterloo zugleich. Doch jetzt bot sich die Gelegenheit, sein Dasein aus dem Grau herauszuheben, das ihn umgab. Jetzt konnte er zeigen, dass er mehr war als nur der brave Angestellte. Die Fahrkarten, bitte. Nur dieser eine Halbsatz hatte ausgereicht. Herr Haase witterte seine Chance. Er blickte auf. Die junge Frau suchte in ihrer Handtasche, griff in ihre Hosentasche, blickte zum Schaffner und sagte: Tut mir leid, ich habe mein Portmonee vergessen.

Unerbittlich. Er hatte seine Anweisungen. Der Langweiler gegenüber würde ihn verstehen. Es ging ganz einfach nicht, dass Fahrgäste ohne Fahrschein den Regionalexpress benutzten. Alle anderen hatten schließlich bezahlt. Bitte steigen Sie an der nächsten Station aus und besorgen sich einen gültigen Fahrschein! Er fühlte sich nobel bei diesem Satz. Schließlich hätte er 40 Mark erhöhte Beförderungsgebühr verlangen können. Doch so war er nicht. Nein. Er verdrängte nur die Faszination, die ihre Schönheit auf ihn ausübte und dachte ganz einfach: Ach ich bin doch Mensch. Kann ich Ihnen aushelfen? drang es an seine Gutmenschohren. Er wandte den Blick zu dem Langweiler.

Kann ich Ihnen vielleicht mit etwas Geld aushelfen? Herr Haase war im siebten Himmel. Er hatte es gemacht. War ganz einfach. Nur den Mund auf und das richtige sagen: Kann ich Ihnen vielleicht helfen? So einfach war das, sein Leben zu verändern. Jetzt würde jeder kapieren, dass er nicht nur ein zuverlässiger, sondern auch ein guter Mensch ist. Er würde es noch heut Abend seiner Frau erzählen, seinen drei Kindern, gleich seinen Kollegen! Du bist bescheuert, Haase hat sich verknallt, das siehst Du nie wieder. Ihm war das egal. Okay, er würde seine Schnauze halten, vielleicht sollte er Frau Haase auch nichts erzählen. Sie war manchmal nicht so umgänglich. Aber hier hatte er die Situation im Griff: Ich kann Ihnen das Geld für die Fahrkarte doch ausleihen, sagte er souverän, überrascht über den sonoren Klang seiner Stimme. Sie schaute ihn an. Haase war glücklich. Nein, er wollte nichts von ihr. Er wollte nur zeigen, dass er mehr kann, als Zahlenkolonnen analysieren. Wir sehen uns doch jeden Morgen im Zug; ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie Ihren Job wegen lächerlicher zehn Mark aufgeben. lächelte er sie an wie Sean Connery beim Ordern eines Martinis.

Wenn Sie das machen könnten, wäre das sehr nett! sagte sie leichtsinnig. Im Innersten spürte sie zwar, dass es ein Fehler war, dem Trottel da die Gelegenheit zu geben, ihr zu helfen, aber es war die einzige Chance rechtzeitig zur Arbeit zu gelangen. Sie würde es bereuen.

Haases Leben hatte sich verändert. Er war jetzt kein graues Etwas mehr. Er war der Mann, der jungen Frauen aus der Not half. Ohne echtes Risiko zwar, doch immerhin ein Retter in der Not und als solcher berechtigt, gewisse Privilegien zu genießen. Seine Frau bekam es als erstes zu spüren. Es war am gleichen Abend. Haase kam heim und anders als es seine Gewohnheit war, fragte er nicht nach den Ereignissen des Tages. Stattdessen setzte er sich an den Küchentisch und griff nach dem dort liegenden Schulheft seiner jüngsten Tochter. Mathe. Sie hatte nichts von seinem Talent geerbt. Rot sollte verboten werden, sagte er laut. Was? seine Frau war verwirrt. Rot sollte verboten werden! Kannst Du dir vorstellen, wie es ist, wenn man seine Klassenarbeit zurückbekommt und Du kannst nicht mehr erkennen, was Du selbst geschrieben hast, bloß weil dein Lehrer alles rot voll gekritzelt hat?

Was? Frau Haase hat nie etwas sofort begriffen und sie nutzte diese Fähigkeit wie eine Waffe. Was erzählst du da? fragte sie, während ihr Gehirn langsam aber instinktiv die veränderte Situation wahrnahm. Sie war auf der Hut. Noch nie hatte sich ihr Mann um die Angelegenheiten der Kinder gekümmert. Das war ihre Aufgabe und da hatte er nix zu suchen. Sie hatte ihn auf einer Kirmes kennen gelernt. Besoffen wie sie beide waren, wirkten sie aufeinander charmanter, als es in Wirklichkeit möglich war. Neun Monate später waren sie Eltern und ein Paar. Auch wenn es grotesk war, ihre Beziehung hatte etwas Reales. Sie zeugten noch zwei weitere Kinder und führten ein unauffälliges Leben der Unzufriedenheit, in dem sie es schaffte, die Oberhand zu behalten. Diese Position sah sie jetzt gefährdet. Was weißt Du denn davon? Das Mädchen taugt halt nix für die Schule. Sie wird irgendwann heiraten und dafür und um den Haushalt zu führen, brauch man kein Mathe. Sie lachte gemein.

Haase wusste, was sie meinte. Schon oft hatte sie ihn damit aufgezogen, dass er sie geheiratet hatte. Doch diesmal wollte er nicht klein beigeben. Tief in sich spürte er die Energie der Seele, die er heut morgen erobert hatte. Ja erobert. Ein wohliges Schauern war ihm immer wieder bei dem Gedanken durch die Glieder gefahren. Er hatte die junge Frau einfach gekauft. Ein einfacher Gefallen und sie war sein. Auch jetzt musste er wieder lächeln, als ihm der Moment der Erkenntnis in den Sinn kam. Sie würde auch dann keine Ruhe finden, wenn sie im das Geld zurückgab. Selbst dann wäre sie nicht gänzlich frei. Ein winziger Teil würde ihm für immer gehören. Er erschrak bei dem Gedanken. Morgen würde die junge Frau versuchen sich frei zu kaufen, ihn auszahlen. Er musste handeln, noch hatte der Bann seiner geheimen Macht nicht nachgelassen. Seine Frau unterbrach den Gedanken. Was ist los mit dir? Ach lass mich in Ruhe. Eines Tages wird’s mir zu viel und dann bin ich weg! Auch das hatte er noch nie gesagt.

Heute Nacht versuchte Frau Haase besonders nett zu ihrem Mann sein. Das kam nicht oft vor und wenn sie ehrlich war, konnte sie sich nicht an das letzte Mal erinnern. In ihre trostlose Ehe passte Zärtlichkeit so gut rein, wie eine Bratwurst in eine Obsttorte. Von Zeit zu Zeit, meist nach einer Feierlichkeit, wenn beide einen im Tee hatten, rieben sich ihre Körper orientierungslos aneinander. Dann kam es zum Vollzug des ehelichen Aktes, als dessen Folge auch die drei Kinder zu sehen waren. Mehr wollten sie nicht und da sie nie verhütet hatte, musste Herr Haase bei ihrem Clinch aufpassen, denn Kondome kamen für ihn nicht in Frage. Er hatte mal mit dem Gedanken gespielt, aber dann entschlossen, dass es keinen Zweck hatte. Die nicht benutzten und damit in der Mehrfachpackung verbleibenden Kondome würden in der Zeit zwischen den Akten wahrscheinlich verfallen. Oder zumindest ihre Qualität verringern. Und so was hasste er. Unkontrollierter Verfall, heimtückische Veränderung der Ausgangsvoraussetzungen. Als seine Frau sich an ihn ranmachte, überkam ihn die Versuchung sie abblitzen zu lassen. Doch er war auch Mann und fühlte sich heute besonders stark.

Nachdem sie so das Bettlaken befeuchtet hatten, standen beide wie gescholtene Kinder auf. Ohne ein Wort zu sagen, zog Frau Haase das Laken ab wischte sich die klebrige Flüssigkeit ihres Mannes mit einem gewissen Ekel ab und bezog das Bett neu. Herr Haase wusch sich währenddessen den Pimmel. In der Nacht träumte er davon eine ganze Armee von Abhängigen zu dirigieren.

Sie sah ihm in die Augen. Ihr Geld. Vielen Dank noch mal. Obwohl sie es hasste, morgens viel zu reden, ließ sie sich auf ein Gespräch ein. Ohne es zu ahnen wanderte sie so langsam in das von Haase sorgsam gesponnene Netz. Jeden Morgen lauerte er ihr auf, saugte sich an ihr fest, um ihre Energie zu tanken. Sie versuchte ihm zu entgehen. Stieg erst ganz spät in den Zug ein, oder schlich hinter seinem Rücken hinein, was in der Regel so erfolgreich war, wie die Idee genial.

Haase fand sie, ignorierte ihre Zeichen, die ihm früher geboten hätten, sie in Ruhe zu lassen und saugte sie aus. Er war ein Labervampir. Jedes Wort aus ihren Lippen tankte ihn auf. Sein Leben veränderte sich radikal. Privat gelang es ihm, den Einfluss seiner Frau auf die Töchter zu brechen. Denen tat das nur gut und sie begannen ihn mit anderen Augen zu sehen. Selbst die Kleinste löste sich langsam aus den Klauen ihrer Mutter. Die Nachbarn stellten verwundert fest, dass die veränderten Machtverhältnisse im Hause Haase auch der Frau gut zu tun schienen. Zumindest optisch: Sie lief jetzt nicht mehr den ganzen Tag im Jogginganzug rum. Ihre Bauernschläue hatte ihr geraten, sich erst mal den Gegebenheiten anzupassen. Haase selbst wagte nicht, sich zu verändern. Zu groß erschien ihm die Gefahr, dass er sich verraten könnte; dass jemand ihn durchschaute.

Es war an einem Montag, als er das erste Mal merkte, dass etwas nicht stimmte. Sicher, die junge Frau hatte schon öfter mal für ein paar Tage gefehlt. Doch das hier war etwas Besonderes. Er konnte nicht glauben, dass sie es wagte ihre Gewohnheiten zu ändern ohne ihn in Kenntnis zu setzen. Schließlich gehörte sie doch ihm. Zumindest ein Teil von ihr. Am nächsten Tag kam er extra früh, in der Hoffnung er hätte sie einfach übersehen. Doch sie kam wieder nicht. Er würde sich frei nehmen müssen. Vielleicht hatte sie ihre Fahrtzeiten geändert. Das würde er raus finden. In der folgenden Woche wartete er jeden Morgen; doch sie kam nicht. So oft sie sich gesehen hatten. Nie hatte sie ihre Adresse genannt. Dann kam die rettende Idee. Er würde sie anrufen. Die Auskunft würde ihre Nummer haben. Die Hoffnung hob seine Stimmung und als er zu Hause war rief er die Auskunft an, fragte nach ihrem Namen. Tut mir leid, der Anschluss ist vor einer Woche gekündigt worden. Haase schrumpfte zusammen. Der Zauber war verflogen.

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