Die Ebene 49


Am nächsten Morgen treffe ich Sylvia im Schwimmbad. Sie ist immer vor mir da. Wir ziehen unsere Runden.  Ich nutze die Zeit im Wasser, um meine Gedanken schweifen zu lassen. Wie so oft kreisen sie nicht, sondern taumeln um einen Punkt. Genauer gesagt um eine Person. Sylvia. Was verbindet sie mit Ben? Warum ist sie dabei? Was weiß sie, was ich nicht weiß? Als ich sehe, dass sie mit ihrem Programm fertig ist, schwimme ich in ihre Bahn. Wir begrüßen uns kurz. Ich vermeide, sie allzu ausgiebig zu mustern.

„Ben geht’s gut! Ich war kurz schauen,“ 

Ihre Augen schauen mich finster an:

Gut?! So ein Schwachsinn! Er lebt. Das ist alles.“ 

Gott verdammt. Kann die nicht normal mit mir reden? Muss ich mit jedem Satz präsentiert bekommen, dass ich ein Trottel bin? Statt sie darum zu bitten, übergehe ich die Attacke:

„Was ich dich fragen wollte, hast du noch mal mit Ben über die Mission gesprochen? Ich meine er hatte doch so ein Gefühlt, dass da was faul ist.“

„Was meinst du?“

Sylvia ist noch nicht versöhnt.

„Ganz einfach. Wir wissen nicht, ob Viladings Tod Zufall war oder nicht. Und wenn es Absicht war, wessen? Dann die Geschichte mit Ben. Alle schienen gewusst zu haben, dass es Selbstmord ist, da rein zugehen. Trotzdem wird er rein geschickt.“

Und der Trottel geht auch noch rein. Den Schluss verkneif ich mir. Streit kann ich keinen gebrauchen. Außerdem war´s nach Lage der Dinge ja eher eine Heldentat und Helden haben eine recht ausgedehnte Schonzeit.

„Keine Ahnung, was du da zusammen fantasierst. Wir haben vor allem über Dinge gesprochen, die dich nichts angehen.“

Diesmal ist sie es, die untertaucht. Doch statt mich zu zoppen schwimmt sie quer durchs Becken, reißt sich aus dem Wasser und watschelt zu den Duschen. Sie hat wirklich einen knackigen Arsch und ich weiß nicht, ob sie mir nicht sogar besser gefällt als das Toppmodell mit dem Hirnfehler. Meins funktioniert anscheinend  hervorragend. Verschont es mich doch einige Sekunden vor der bitteren Erkenntnis, dass ich Sylias Vertrauen verloren habe. Ich lasse mich nach hinten ins Wasser gleiten und male mir aus, wie ich wohl vor ihr dastehe. Ein notgeiler Idiot, der sich mir nichts dir nichts ins Bett zerren lässt. Nur weil es seinem Ego schmeichelt. Oder aus Eifersucht? Im Grunde war es ja Sylvias Getechtel mit Ben, das mich Tausendschönchen in die Arme trieb. Außerdem war ich schon ganz schön angeschlagen. Das erste Mal ja, doch dann. Dann hab ich das Ganze immerhin nicht forciert. Zum Schießen! Nicht forciert! Das Hirnluder braucht doch nur in meiner Nähe zu sein, um meinen Verstand auszuschalten. Na, wenn das keine mildernden Umstände gibt. Womöglich gar Freispruch wegen Unzurechnungsfähigkeit. Ich bin doch hier nicht auf einer Karnevalsvögeltour. Das ist die wichtigste Weltraummission, die es je gab und ich führ mich auf wie ein Völkerkundestudent im ersten Semester. Zum Glück stoße ich mit meinem Kopf an den Beckenrand. Damit ist die Verhandlung geschlossen. Ich bin schlau genug das Verfahren erst mal auf unbestimmt zu vertagen. Zwecks Beweisaufnahme zum Beispiel. Unter der Dusche steht die Deutsche. Voll eingeseift von oben bis unten. Bitte schön wertes Gericht. Beweisstück Nummer Eins.

Über dieebene

tv-autor, journalist, filmemacher
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