Die Ebene 44

„Na, gut geschlafen?“

Ich stehe vor Ben. Er blinzelt mich schief an, hält mir seine verbliebene Hand hin. Erst jetzt merke ich, dass es die Rechte ist. Ich gebe ihm meine. Sein Handgriff ist weich.

„Du kannst Fragen stellen Doc. Sollte ich mir vielleicht Falten in die Wangen liegen? Nee, hab kein Auge zugetan. Sind wohl die Hormone oder deine Medizin. Hab mir mal so meine Gedanken gemacht – und dann noch was. Irgendwer ist hier rum geschlichen. Zumindest glaub ich das. Weis nicht wer es war. Aber gut, ist ja ein freies Schiff.“

Ich unterbreche ihn: „Hab mir die Packungsbeilage nicht genau durchgelesen. Kann aber auch sein, dass Halluzinationen zu den Nebenwirkungen gehören. Denke mal, dass das nicht mehr allzu lang anhalten wird und dann wirst du erst mal pennen wie ein Baby. Aber zuvor möchte ich mit dir mal so absprechen, was aus dir werden soll.“

„Ich dachte das steht fest: Ich werd ein schicker Cyborg mit Laser und Monsterkraft.“ Er lacht heiser. „Also Doc, was geht?“

Ich greife hinter mich. In der Bibliothek habe ich mir mehrere Titelblätter der Marvelcomics ausgedruckt. Ich halte sie ihm vor die Nase.

„Soweit ich weiß, ist ne Menge möglich. Ich möchte bloß wissen, wie weit du gehen möchtest. Ob ich das dann hin krieg, ist ne andere Sache.“

„Bekomm ich dann auch so ein schickes Kostüm?“

„Frag Sylvia, vielleicht näht sie dir was.“

Ich klinge ungewollt sauer. Ben merkt das.

„Mann, ich weiß nicht was du hast. Du hüpfst mit der Deutschen in die Kiste und wirst eifersüchtig wie ein Sizilianer, wenn Sylvia sich mit mir unterhält.“

„Ich weiß es auch nicht. Vergiss es. Also irgendwelche Wünsche?“

„Kannste mich nicht einfach wieder so machen wie vor dem Unfall? – Ich meine, ich war ganz zufrieden mit mir.“

Damit habe ich gerechnet. Kann ich verstehen. Mir wäre es allerdings lieb gewesen, wenn ich mich nicht mit seinem Körper beschäftigen müsste. Ich bin zwar Mediziner und es gehörte einst zu meinem Job, selbst gut Freunde zu sezieren, wenn sie sich mit ihrem Motorrad vertan haben, aber das hier ist was anderes. Ben lebt noch und ich habe keine Lust mir die 3D-Scans seines Körpers anzuschauen. Am liebsten würde ich ihn anlügen und irgendwas von geht nicht schwafeln, aber das bring ich dann doch nicht fertig.

„Hab mir schon deine Daten besorgt. Muss allerdings noch ein bisschen Zeit investieren, damit ich keinen Schrott baue.“

„Wir haben da noch nicht so genau drüber gesprochen. Willst du mich mal einweihen, was du tun möchtest?“

„Eigentlich nicht, denn ich weiß es nicht. Ich hab nur so eine grobe Vorstellung, da sind noch eine Menge Lücken.“

„Doc, sag einfach, was du vorhast.“

Ben hat recht. Irgendeinen diffusen Plan habe ich.

„Ok! Ich hab dir ja von der 3D-Fräse erzählt. Das ist das Werkzeug, mit dem ich jedes Nichtorganische Bauteil deines neuen Körpers bauen will. Dann gibt es aber noch andere Möglichkeiten. Aus deinen Stammzellen kann ich vielleicht ganze Körperteile oder Organe neu wachsen lassen. Ich hab da keine Ahnung von, aber ich werde sie bekommen und ich werde diese Möglichkeit einsetzen. Das dritte sind selbst organisierende Moleküle. Auch hier weiß ich nur, dass wir über die nötige Technik verfügen. Ich muss also aus diesen drei Möglichkeiten das auswählen, was jeweils am besten funktioniert.“

„Klingt durchdacht!“

Die Ironie ist nicht zu überhören. Wir schauen uns an. In Ben arbeitet es.

„Hab ich eine andere Möglichkeit?“

„Ja du könntest weiter als einarmige Schublade leben. Und: Du kannst warten, bis wir wieder auf der Erde sind. Ist aber keine gute Idee. Je länger du wartest, umso schwieriger wird es werden, dich wieder in Gang zu kriegen. Deine Wunden vernarben. Ist das zu weit voran geschritten, geht wahrscheinlich gar nichts mehr. Dazu kommt, dass wir hier wahrscheinlich besser ausgestattet sind als auf der Erde und dazu keine Probleme mit irgendeiner Ethikkommission bekommen. Glaub mir, ich würde dir diese Bastelstunde nicht vorschlagen, wenn ich der Meinung wäre, etwas anderes wäre besser. Aber am Besten ist vielleicht, du bittest Maria oder Sylvia, das noch mal zu recherchieren. Sie sollten schnell zu einem Ergebnis kommen. Soviel Zeit ist noch. Schließlich bist du immer noch nicht stabil genug für die nötigen Operationen.“

„Hol mir die beiden!“

Ich lasse sie allein. Denn ich weiß es gibt keine Alternative. Ziehe mich in mein Zimmer zurück. Lade mir alles was ich für den Eingriff Wissen muss ins Hirn. Ein paar von den Super-Pillen, zwei, drei Elektroden angelegt und ab geht die Post. Das Wissen fließt in mich rein, während ich mir eine alte Yes-Scheibe anhöre. Es ist eine Live Aufnahme. Dauert gut zwei Stunden. Lang genug, um die Grundlagen in den Kopf zu kriegen, jedoch nicht lang genug für alles. Hoffentlich reicht die Zeit. Meine Laune ist nicht grade gut. Mich wurmt, dass Ben mir nicht blind vertraut. Um vor mir selbst nicht allzu blöd dazustehen, denk ich mir dass ich froh sein muss. Vielleicht habe ich etwas übersehen oder bin doch vom Ehrgeiz getrieben. Wenn ich in mich horche, merke ich, dass ich die Deutsche gerne beeindrucken möchte und Bens Unfall könnte mir die Gelegenheit dazu geben. Immerhin war ich mal ein richtig guter Chirurg. Vielleicht sogar der Beste. Mir fällt jedenfalls kein besserer ein. Sylvia stört meinen Tagtraum:

Was du vorhast ist zwar absolutes Neuland, aber es gibt tatsächlich keine andere Möglichkeit, wenn Ben .wieder einen Körper haben will. Maria und ich haben mindestens ein Dutzend Spezialisten, Koryphäen und  Quacksalber gesprochen. Smerg hat auch noch recherchiert. Keine Chance.“

„Weiß Ben Bescheid?“

„Ja!“

Ich brauche sowieso eine Pause.

Über dieebene

tv-autor, journalist, filmemacher
Dieser Beitrag wurde unter Die Ebene abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.