Abschied

„ …. Weiber! Sag ich dir. Hammer! Kannste dir nicht vorstellen. Solche Dinger!“ damit ich nicht auf meine Phantasie angewiesen bin, macht Ed eine ausladende Geste mit beiden Händen, die er vor seiner Brust mit nach innen gekehrten Handflächen rudert. „Eine schöner als die Andere! Und das Beste: Sie gehören dir!“  Er starrt mich aus Blut unterlaufenen Augen an. Seit dem er vor 9 Montan trocken gelegt wurde, ist er unausstehlich. Ed ist nicht für die Enthaltsamkeit gemacht worden. Er liebt das Leben und das Leben schaut, wie es damit am Besten zu recht kommt: Es gibt ihm zu trinken. So gut, dass wir ihn alle Ed die Leber nennen. Kein Tropfen, den er sich durch die Lappen gehen lassen würde. Doch seit dem 1. Januar sind alle Quellen versiegt. Entsprechend seine Laune. Neben Ed sitzt Millie.Z Eine etwas ätherisch gelungene Blondine, die verzweifelt gegen ihren Status als graue Maus ankämpft. Ein hoffnungsloser Kampf, den jedes Vernunft begabte Wesen gar nicht erst aufgenommen hätte. Nicht so Millie.Z. Selbst gegen Eds sabbernde Vorträge versucht sie ihr Glück. „Es heißt, du wirst dich an nichts mehr erinnern.“ Das ist an mich gerichtet. Keine Neuigkeit. Seit Wochen bekomme ich alles eingetrichtert, was für den Weg nach draußen wichtig ist. Außerdem liegt immer der Große Almanach für den Entdeckungsreisenden auf meinem Schoß. Lustlos las ich ab und an darin, doch als ich feststellte, dass Millie.Z den Inhalt auswendig kennt, schaute ich mir nur noch die Bilder an. „Sie werden dir alles abnehmen!“ „Scheiß egal!“ greift Ed sich wieder das Gespräch. „Da draußen geht es ab. Darauf kommt es an,“ sein Gesicht ist verschwitzt und aufgedunsen. Die Askese bekommt ihm wirklich nicht. Er zwinkert mir mit einem Auge zu und setzt eine verschwörerische Mine auf. Denke zumindest, dass das seine Absicht ist. „Da draußen ist das Leben mein Kleiner! Du musst nur wissen wie du´s anpackst, dann liegt es dir zu Füßen.“ Ed greift zu dem riesigen Glas Apfelschorle, das gerade serviert wird und kippt es mit unverhohlener Abscheu in den Rachen. „Und!“ sagt er, nachdem er sich den Mund gewischt hat, „es gibt zu trinken! Whisky, Gin, Cognac, Rotwein! Da hast du keine Ahnung von.“ Ed auch nicht. Soweit ich weiß, kennt er nur Weißwein, Rotwein und Cidre aus eigener Anschauung. Vom Rest träumt er. Doch das ist Ed egal. Er kommt jetzt richtig in Fahrt: „Grappa in tausend verschiedenen Varianten und Whiskey! Weißt du eigentlich, dass die Whisky mal mit e-y und mal nur mit y schreiben. Kommt ganz drauf an, wo das Zeug her kommt. Hammer! Den gibt’s mal als Blended, mal als Malt und dann als Bourbon. 5, 6, 8, 10, hundert Jahre alt. Und noch mehr…“ Jetzt fällt sogar Ed auf, dass er nur eine beschränkte Vorstellung von seinem Gesprächsstoff hat und er wird kleinlauter. Das ist der Grund, weswegen er zu meinen besten Freunden gehörte. Ed weiß, wann er Stuss labert. Eine Eigenschaft, die es mir leicht macht, zu vergessen, dass er ein ziemlicher Widerling sein kann. Außerdem gibt es hier nur wenig Gesellschaft. Millie.Z zum Beispiel. Wenn jemand nach einer Vorlage für die Farbe Grau suchen würde, dann käme er an Millie.Z nicht vorbei. Sie ist so unscheinbar, dass es schwer fällt, sich mit ihr zu unterhalten, ohne gleichzeitig zwei, drei andere Dinge zu tun. Dabei ist sie herzensgut. Zudem ist sie eine zuverlässige Quelle aller möglichen Unwegsamkeiten. Erstaunlich geschickt nutzt sie Ed´s Redepause: „Sie haben gesagt, es ist kalt. Unglaublich kalt! Du wirst vielleicht erfrieren.“ Ich nicke. „Du kannst auch verhungern.“ Ich hebe die Augenbrauen. „Es wird gesagt, dass sie sich da draußen gegenseitig umbringen.“ Ich seufze und nicke. „Es gibt Erdbeben, Vulkanausbrüche und Wirbelstürme!“ Ich hebe die Augenbrauen, seufze und nicke. „Einige sterben bei Unfällen, andere werden krank, bleiben krank und sterben dann!“ Millie.Z schaut mich ernst an. Ich nicke ihr ernsthaft zurück. Ich mache dass, weil ich nett sein will, nicht weil ich mir wirklich Sorgen mache. Außerdem mag ich Millie.Z auf eine Weise, die mir ein bisschen Angst einflößt. Wenn sie nicht so Gott verdammt grau wäre. Ed rettet die Situation: „Und das mit dem Mr. Friendly musste sein lassen. Sonst haut das nicht hin da draußen. Du musste zeigen, was in dir steckt. Aber dann, dann läuft´s!“ Ed scheint wieder auf dem aufsteigenden Ast zu sein. „Ich sag dir Kleiner, wenn ich da raus könnte, dann würd ich’s machen. Und denen zeigen, was Ed die Leber drauf hat. Die Puppen würd ich tanzen lassen. Nicht nur so rum, sondern so rum. Hin und her!“ Er schwenkt seine Arme zur Illustration des Gesagten mehrmals von rechts nach link und wieder zurück. Dann hält er abrupt an. Sehe ich da Tränen? „Aber gut. Ist halt nicht!“ Au weia, gleich heult er los. Etwas, was ich jetzt nicht brauch: „Erzähl mir noch mal von den Frauen! Worauf muss ich achten?“ Ed ist erst ein bisschen verwirrt, doch dann lächelt mich das Gesicht meines Freundes dankbar an. „Hör zu Kleiner: Du, du brauchst auf gar nichts zu achten. Es sind die Frauen, die auf dich achten müssen!“ er bricht in grölendes Gelächter aus. Ich höre Millie.Z´s quietschige Lache und stimme ein. Zum einen, weil ich Ironie mag, zum anderen, weil ich auch eine naiver Idiot sein kann und weil es eben der letzte Abend ist. Als ich mir die Tränen aus den Augen wische, sehe ich, dass Millie.Z weint. Ich lege den Arm um sie und selbst Ed kann nicht anders. Ich werde sie nicht wieder sehen.
Am 1. Oktober erblickt der kleine Herr Liebsch das Licht der Welt und stellt im Folgenden fest, dass seine Freunde recht haben.

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Über dieebene

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