Die Ebene 66

Smerg antwortet nicht. Stattdessen zischen seine Finger über die Tastatur. Mit einem Nicken gibt er mir zu verstehen, dass ein Tuborg zu wenig für die Suche ist. Ich reiche ihm die nächste Flasche. Er ploppt den Kronkorken mit dem Daumen der linken Hand ab und nimmt einen kurzen Schluck. Die Flasche ist nur noch halb voll und ich erwische mich dabei, wie ich den Dänen ein bisschen um seine Fähigkeiten beneide. Es ist durchaus etwas Kindliches in meiner Bewunderung. So wie man einen älteren Freund anhimmelt, der besonders gut Fußball spielt oder Nietzsche gelesen hat. So eben. Smerg bekommt davon zum Glück nichts mit. Nach gut fünf Minuten hat er´s:

„Hier! Das Zeug nennt er anscheinend nicht Naguma, sondern Rawisha Gun. Er hat es regelmäßig genommen. Allerdings nicht, wenn er in Gesellschaft war, sondern nur in seinen Räumen. Er erwähnt das Zeug so, als ob er eine Studie an sich selbst durchführt. Also mit Angaben über Zeit, Dosis und Wirkung. Es sind diese Zahlen hier!“

Smerg zeigt mir eine Dreiergruppe Zahlen: 12.x..xxxx, 19:00, 14, 5.

„Datum und Uhrzeit sind ja klar, aber was ist Dosis und was Wirkung?“

„Ganz einfach, die Dosis hat er in Milligramm angegeben. Was er genau gewogen hat, kann ich nicht sagen, aber denke mal, dass es ein Teil des Blattes gewesen sein muss.“

„Hab´s vergessen. Müsste aber in den Veröffentlichungen drin stehen. Außerdem kann ich das Zeug sicher untersuchen.“

„Also die dritte Zahl ist die Dosis. Die Werte sind so krumm und ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand bei einer Wirkskala weiter geht als bis 10 oder 12.“

„Klingt nicht doof. Was steht da an seinem Todestag?“

Smerg blickt wieder auf den Bildschirm. Ich erst auf seine Bierflasche, dann auf meine. Beide sind leer und ich greife mir neue.

„Der Inder wurde zum anscheinend recht schweigsam. Hier sind nur Fragmente!“

Wieder muss ich mir den Bildschirm anschauen: „ Zu viel Macht! …. Ein Fehler und …. Brauche einen Vertrauten…. Wer? … Die Amerikaner dürfen das nicht erfahren…. Wie kann ich die Mission verhindern? … Werde mich an Smerg wenden… Der Journalist ist zu doof….“

Arschloch! Doch bei dem Namen Smerg schau ich meinen Freund kurz schief an. Der hat anscheinend damit gerechnet:

„Ragadins war nie bei mir gewesen. Um ehrlich zu sein. Er hatte gar keine Zeit.“

Bei seinen letzten Worten zeigt der Däne auf ein Datum und eine Uhrzeit. Es war nur wenige Minuten vor Viladings Tod. Um genau zu sein: 17.

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