Die Ebene 54


„Ich kann nicht beurteilen, ob du was verstehst, aber trotzdem ist es vielleicht besser, wenn ich dir mal deinen Zustand schildere.“ Marias Stimme lässt mich nicht grade Gutes hoffen. „Ludmilla hat dich in der Dusche gefunden. Du hast da irgendwas zwischen drei und fünf Stunden gelegen. Das heißt: Mindestens drei Stunden kalte Dauerdusche. Eigentlich ein Wunder, dass du noch lebst. Anscheinend bist du in eine Art Apnoe gefallen. Dein Kreislauf war auf jeden Fall total unten. Jetzt ist es besser. Was uns Sorge bereitet, ist, dass du praktisch nicht auf äußere Reize reagierst. Anscheinend bist du vollkommen gelähmt und ich kann noch nicht beurteilen, ob die Ursache eine Blockade in deinem Gehirn ist oder ob du ernsthaft verletzt bist. Denn sicher ist auch, dass du gestürzt bist. Warum? Weiß ich nicht. Aber das werde ich rauskriegen. Muss halt ein bisschen lernen. Denke mal, dass wir in vier Stunden schlauer sind. Bis dahin kann ich nicht viel machen, außer dich stabil zu halten und hoffen, dass sich alles von selbst auflöst.“

Na das hat mich jetzt weiter gebracht. Immerhin ist klar, dass ich fast fünf Stünden in dem kalten Wasser gelegen hab. Hoffe, dass mir das nicht aufs Hirn geschlagen hat. Maria wird das prüfen. Ebenso meinen Nervenverbindungen im Rückgrad. Unwillkürlich versuche ich meine Zehen zu bewegen. Tut sich nichts. Ich kann zumindest nichts spüren. Versuche die Hand. Fehlanzeige. Jetzt die Augen. Auch hier Fehlanzeige. Ich blicke starr an die Decke.

„Hei Maria, wenn du lernst, kannst du dir auch alles über mich rein pfeifen?“ Ben! „Finde Doc zwar ganz nett; hat mir immerhin den Arsch…“ hier stockt er kurz, „also Kopf und Arm gerettet. Aber ich fände es schon anregender, wenn mein neuer Körper von deinen Händen geformt wird. Nichts für Ungut Doc, aber das verstehst du doch! Maria, meinst du er kann mich hören?“

„Hast du nicht zugehört. Ich weiß es nicht. Du stehst auch auf dem Programm. Nur kann ich dir eines versprechen: Besser als er wird ich’s nicht machen können. Im Gegenteil. Ich kann mir zwar das nötige Wissen aneignen. Mir fehlt aber sein Geschick als Chirurg und die ganze Erfahrung.“

„Welche Scheiß Erfahrung? Doc hat die meiste Zeit an Leichen rumgeschnippelt. Aber gut, bin natürlich auch dafür, dass er wieder heil wird. Ist ja ganz in Ordnung der Typ.“

Hätte den Vollidioten doch als Schubkarre weiterleben lassen sollen. Was bildet der sich ein, dass er meint, seine Haltung zu meinem Weiterleben würde irgendjemand interessieren. Obwohl mir Ben gerade gehörig auf meine gelähmten Eier geht, kann ich nicht anders, als über seinen Zustand nachzudenken. Wenn meine Berechnungen stimmen und er die Endphase der Operation oder sollte ich Neugestaltung sagen? heil übersteht, dann haben wir einen echten Killer Cyborg an Bord. Ich konnte nämlich nicht widerstehen und habe hier und da ein paar Verbesserungen eingebaut. Die anderen haben es nicht so richtig gemerkt und ich kann ein recht gedankenloser Mensch sein. Hoffe das war kein Fehler. Auf jeden Fall wird Ben über Wahnsinnskräfte verfügen und nur schwer oder zumindest kaum verwundbar sein. Immerhin war ich klug oder auch zynisch oder arrogant genug, an eine Achillesferse zu denken. Logisch, dass nur ich die kenne. Wenn Maria jetzt an ihm rumpfuscht, dann könnte all das für die Katz gewesen sein. Oder zumindest wird es eine Menge peinlicher Fragen geben. Klar, die würden später auch kommen. Aber solange Ben noch im Tank ist, wird sicher mehr darüber diskutiert werden und da habe ich keine Lust drauf. Wenn er fertig ist und heil bleibt, kann ich mich auf meinen operativen Erfolg berufen. So waren ungefähr meine Gedanken, als ich die Operation leitete. Jetzt, wo ich nicht mehr unter Drogen stehe, fällt es mir schwer meine Überlegungen nachzuvollziehen oder sie gar gut zu heißen. Um ehrlich zu sein, würde ich mich am liebsten verkriechen. Insofern kommt mir mein Wachkoma ganz recht. Soll doch Maria Ben fertig basteln und ich muss mich nicht verantworten. Ein Gedanke, der mir so gut gefällt, dass ich einschlafe.

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tv-autor, journalist, filmemacher
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