Die Ebene: 2

Das war vor gut drei Jahren. Gemeinsam mit einem Freund bin ich auf einem Feld in der Nähe Braunschweigs. Ich will nicht gemein sein, aber es fällt mir schwer etwas Nettes über die Landschaft zu sagen. Tut aber auch nix zur Sache. Wir besuchen eines der merkwürdigsten Experimente der Menschheit. Es geht darum, die Schwerkraft zu messen. Genauer gesagt, eine Änderung der Schwerkraft. Hier muss ich kurz warnen, selbst wenn ich mir Mühe gebe, bin ich mir nicht sicher, ob ich es verstanden habe; geschweige denn ob ich es erklären kann.

„Sehen Sie diese Schleuse hier?“ der Physiker schaut uns fragend an.

Wir nicken, was nicht schwer fällt, denn das Schleusentor ist rot und hat einen Durchmesser von drei Metern. Der Physiker heißt Gunter Meier, ist knapp zwei Meter groß, von massiger Gestalt, die Haare hängen ihm in einem langen Zopf den Rücken runter. Ein Bart verdeckt einen Unterbiss oder ein Fliehkinn oder beides. Seine besockten Birkenstocks scharren auf dem Beton. Es wird wohl ernst.

„Hinter dieser Schleuse befindet sich eine von zwei vierhundert Meter langen Vakuumröhren. In diese jagen wir einen hyperkonstanten Laserstrahl. Der wird am Ende der Röhre von einem Spiegel reflektiert und prallt hier erneut auf einen Spiegel. Der lenkt den Laserstrahl um exakt 87,5 Grad ab und schickt ihn in die zweite Vakuumröhre. Dort wird der Strahl erneut reflektiert und geht wieder über 87,5 Grad-Spiegel.“

„Warum 87,5 Grad?“ frage ich.

Ich habe praktisch nix kapiert und klammere mich an dieses Detail, um bei dem riesigen Wissenschaftler Eindruck zu schinden. Er schaut mich aus fröhlich lächelnden grauen Augen an.

„ Die Bauern hier sind nicht doof. Als sie merkten, dass wir Land brauchten, sind die Grundstückspreise angestiegen. Und da die Gemarkungen hier nicht rechtwinklig verlaufen, war es günstiger das Ganze für diesen krummen Winkel zu berechnen, als die Anlage rechtwinklig zu bauen. Dadurch mussten wir bloß zwei Landwirte auslösen. Das gab dann natürlich Stress in der Gemeinde, aber das könnt ihr ja auch in der Lokalpresse nachlesen.“

Ich grinse zurück. Dass er ins Du übergegangen ist, zeigt, dass er uns nicht für vollkommen verblödet hält.

„Na ja die Details sind eigentlich auch egal. Wir erzeugen halt einen extrem langen und extrem konstanten Lichtstrahl. Wird der durch ein Schwerkraftereignis in der Nähe gestört, so können wir das feststellen.“

Ich werde mutiger: „Was genau kann ich mir unter Schwerkraftereignis vorstellen?“

Er schaut mich mild an: „Nun eine Supernova, eine Sternengeburt oder ein Schwarzes Loch, oder sonst irgendwas, das irgendwo da draußen vorkommt und heftig genug ist, die Schwerkraft zu verändern.“

Ich nicke. Bin zwar kein Physiker, aber mir wird klar, dass hier was ganz Großes gemessen werden soll.

„Und habt ihr schon mal was gemessen?“ duze ich zurück.

„Das ist das Problem. Leider nein – oder zum Glück. Es gibt nur noch drei weitere dieser Geräte auf der Welt. Das sind die einzigen, die so was messen könnten. Wenn es uns gelingt, dann gibt das den Nobelpreis. Wenn nicht, dann ist das hier die teuerste Gemarkungsgrenze Niedersachsens.“

Heute frage ich mich, ob das nicht die bessere Lösung gewesen wäre.

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